Ein Hörspiel mit Schminke und Mimik – „Josefine, die Sängerin oder das Volk der Mäuse“ in der Theaterkapelle

Von Gabriel Schimmeroth und Linus Westheuser

Die Kritik kann sich relativ kurz halten: Kafkas Josefine, die Sängerin oder das Volk der Mäuse (die auch auf diesem Blog bereits Thema war) ist eine über alle Maßen großartige Parabel auf die gesellschaftliche Position des Künstlers in der Moderne. In ihrem Zentrum steht eine Mäusesängerin, deren ‚Gesang‘ eigentlich nichts anderes ist, als das Pfeifen, das alle Mäuse permanent und ohne darüber nachzudenken von sich geben, und deren Aufführungen dennoch – oder gerade deswegen – Anlass für große Volksversammlungen der Mäuse sind, in denen diese sich, vermittelt über die Sängerin, ihrer Gemeinschaft vergewissern. Wer den Text nicht kennt, dem sei er dringend ans Herz gelegt.1 Wer nicht so gerne selber liest, der kann noch am Freitag den 29.11. in die Theaterkapelle gehen und sich dort eine sinnvoll gekürzte aber weitgehend unveränderte Hörspielfassung vom geübten Radiosprecher Ilja Pletner vortragen lassen. Pletner schminkt sich während diesem Vortrag, schaltet das Licht an und aus, zuletzt klettert er auf einen Tisch. So weit, so unzureichend für die Theaterbühne. Weiterlesen

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Freiheit und Alltag: „Melodrama“ im HAU1

In Kafkas Erzählung „Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse“ berichtet ein namenloser Erzähler von der Maus Josefine, die sich mit großer Sturheit dazu berufen fühlt, vor den anderen als Sängerin aufzutreten – und das, obwohl ihr Gesang nichts weiter ist als das Pfeifen, das doch alle Mäuse ohne darüber nachzudenken von sich geben. Trotz oder gerade wegen ihrer Gewöhnlichkeit jedoch, stößt Josefines Kunst bei den Mäusen auf große Resonanz. Die Gesellschaft der Mäuse versammelt sich in den schwierigsten Zeiten ihres an Belastungen ohnehin nicht armen Lebens, um ihr zuzuhören:

„Hier in den dürftigen Pausen zwischen den Kämpfen träumt das Volk, es ist, als lösten sich dem Einzelnen die Glieder, als dürfte sich der Ruhelose einmal nach seiner Lust im großen warmen Bett des Volkes dehnen und strecken. Und in diese Träume klingt hie und da Josefinens Pfeifen; […] Etwas von der armen kurzen Kindheit ist darin, etwas von verlorenem, nie wieder aufzufindendem Glück, aber auch etwas vom tätigen heutigen Leben ist darin, von seiner kleinen, unbegreiflichen und dennoch bestehenden und nicht zu ertötenden Munterkeit. Und dies alles ist wahrhaftig nicht mit großen Tönen gesagt, sondern leicht, flüsternd, vertraulich, manchmal ein wenig heiser. Natürlich ist es ein Pfeifen. Wie denn nicht? Pfeifen ist die Sprache unseres Volkes, nur pfeift mancher sein Leben lang und weiß es nicht; hier aber ist das Pfeifen freigemacht von den Fesseln des täglichen Lebens und befreit auch uns für eine kurze Weile. Gewiß, diese Vorführungen wollten wir nicht missen.“ Weiterlesen

„Der Bau“ unterm Dach – Kein langweiliger Dreiakter

Einleitung

Ich komme einfach nicht los von dieser Struktur. Seit vier Semestern muss eine Hausarbeit nach der anderen geschrieben werden, immer der gleiche formale Quatsch. Die Einleitung schreibe ich natürlich wie gewohnt auch jetzt am Schluss, nur um dem ganzen Sinn zu verleihen, was der Ausblick dann utopisch oder gar wahrhaftig abrunden soll. Was dazwischen liegt, so viel sollt Ihr erfahren, ist eine Dichotomie aufbauend auf dem Doppelbegriff Bau/Dach. Derart gestaltet sich auch die Kapiteleinteilung, die auch vollkommen unabhängig, je nach Geschmack und Vorlieben, konsumiert werden können und in sich dennoch wie eine abgerundete Geschichte erscheinen. Weiterlesen