Wie bin ich geworden, was ich bin? – „Hunter“ von Meg Stuart / Damaged Goods HAU

Die Frau auf der Bühne kämpft. Ihr Körper zuckt, lässt sich vom Rhythmus der Musik nach vorne werfen. Immer wieder. Manchmal wirkt sie wie ferngesteuert: Ungläubig schaut sie auf ihre Arme, die sich selbständig in die Luft recken, während sie zurückläuft. Radioansagen prasseln auf sie ein. Sie kämpft, gegen sich, gegen das Bild, das die Umwelt auf sie projiziert.

Die amerikanische Tänzerin und Choreografin Meg Stuart steht das erste Mal mit einer abendfüllenden Soloperformance auf der Bühne, die sich aus einer Serie von Selbstportraits zusammensetzt. Weiterlesen

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LINK: „Dancing in the pain“ – Zukünftige Formen der zärtlichen Komplizenschaft

Wer’s noch nicht kennt: Das sugarhigh ist ein tolles E-Mail-Magazin mit Kurzbeiträgen über die Berliner Gegenwartskultur – Theater, Kunst, Musik und vieles mehr. Im heutigen Newsletter weist das Magazin auf die Premiere von Jeremy Wades Together Forever im HAU hin – eine interaktive Multimedia-Performance, bei der es um eines der langlebigsten, aufwühlendsten und spannendsten Themen überhaupt geht: ewige Liebe. Weiterlesen

Keine Offenbarung – „Weissagungen“ im HAU 3

Weissagungen sind Prophezeiungen sind Prognosen der Zukunft. Propheteía ist altgriechisch und heißt für jemanden sprechen, anstelle von. So sprechen Erwachsene für Jugendliche und geben ihnen Ratschläge für die Zukunft. „Eltern spekulieren, was aus ihren Kindern wird“, sagt der Weissagungen-Flyer. Und „Politiker sagen, wer in der Arbeitswelt gebraucht wird“. Weiterlesen

‚I’m so happy to be in this art project!‘ – „Staging Cambodia“ im HAU

Wir befinden uns am Donnerstagabend im Saal des HAU 1 und warten auf die Uraufführung eines dreistündigen Doppelabends, der sich aus dem Videoprojekt Portrait Series Battambang und dem anschließenden Konzert einer Rockband zusammensetzt, beides in Szene gesetzt von Michael Laub, einem mir bis dato unbekannten Performancekünstler.
Wir befinden uns am Beginn eines Themenschwerpunktes mit dem Titel Staging Cambodia. Video, Memory & Rock’n’Roll, den das HAU am vergangenen Wochenende ausrichtete. Neben einem zeitgenössischen Porträt Kambodschas, ein Land, das hierzulande laut Programmhefttext vor allem mit den Gräueltaten der Diktatur der Roten Khmer 1975-78 assoziiert werde, sollten mit Staging Cambodia Stränge der politischen wie kulturellen Geschichte Kambodschas nachvollzogen und die Bedeutung der Popkultur in Vergangenheit und Gegenwart ausgelotet werden. Weiterlesen

Langweilig ist gut – der „Stalker“ im HAU 2

Die Dunkelheit überfällt uns mit einem Donnergroll. Markerschütternd und minutenlang wummert sie und dröhnt. Dazu blechernes Ächzen – mal hier, mal da. Ganz plötzlich stockdunkel und so verdammt laut. Wer die Augen zusammenkneift, erspäht vielleicht doch etwas. Ganz hinten im Bühnenschwarz, ein riesiges Etwas, eine grosse Bewegung. Oder doch nicht? Man hat das Verlangen, nach vorne zu gehen, um nachzusehen – und schon beim Gedanken daran sträuben sich die Nackenhaare. Weiterlesen

„We were wild once, don’t let them tame you!“ – Zum 100-jährigen von „Sacre du Printemps“

Wenn es nach den tanzaffinen Kulturwissenschaften geht, setzte die Moderne nicht mit der Ermordung Franz Ferdinands des I. am 28. Juni 1914 in Sarajavo ein, sondern ein Jahr zuvor in Paris. Genauer gesagt auf der Bühne des Champs-Elysées Theaters, auf welcher fünf Tänzer in folkloristischen Kostümen zur treibenden Musik rhythmisch anfangen zu springen und zu stampfen. Die Choreographie von Le Sacre du Printemps revolutioniert mit ihren asymmetrischen Bewegungen, den nach innen gekehrten Fußspitzen, einer neuen Körperschwere und seinen Anleihen bei Riten der russischen Folklore die damalige Tanzwelt. Als modernes Gesamtkunstwerk ist Sacre eine Kollaboration zwischen dem Tänzer und Choreographen Vaslav Nijinsky, dem Komponisten Igor Stravinsky, dem Leiter des Ballets Russes Sergei Diaghilev und dem Kostüm- und Bühnenbildner Nicholas Rörich. Das Werk stellt grundlegende Vorstellungen von Eleganz und Grazie im Ballett in Frage, die primitivistischen Anklänge provozieren und verstören das Publikum. Denn der Mythos Sacre speist sich nicht nur aus dem, was sich auf der Bühne oder im Konzertgraben abspielte; auch die Performance des Publikums, das vor lauter ästhetischer Überforderung im Theater randalierte [Wortwitze im Bezug auf den Namen dieses Blogs verbieten sich], trug maßgeblich zum Ruhm des Stückes bei. Weiterlesen

Mama said: Don’t stop the Dance!

The bleak shotcrete interior of a typical late sixties West German church provides the setting for New York choreographer Trajal Harrell’s piece Judson Church is Ringing in Harlem (Made-to-Measure)/Twenty looks or Paris is Burning at the Judson Church (M2M), most definitively one of the highlights of this year’s Tanz im August program. The former place of worship doesn’t just allow an absolute focus on the three performers, it also alludes to the historical role of Judson Church.  In the Sixties this congregation as well as art space in Greenwich Village opened up its doors to artists from various genres, offering them a space for their art and freeing them from financial and/or political constraints. The resulting Judson Dance Theatre turned into the cradle of post-modern dance, with contributions by dance icons such as Trisha Brown, Lucinda Childs, Steve Paxton and Yvonne Rainer. Ever since its first performance in 1962 the company played a major role in revolutionizing the world of dance.

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Transnationales Aktionstheater: „Der (kommende) Aufstand nach Friedrich Schiller“ im HAU 1

Marquis: „Geben Sie Gedankenfreiheit“

König: „Sonderbarer Schwärmer!“

(Friedrich Schiller, Don Karlos, 3. Akt, 10. Aufzug)

Neun Männer, in Lumpen gekleidet und mit Duttenkragen, tragen überdimensionale Eier auf die Bühne; die Geuzen (`Bettler`) sind zurück und auf der Theaterbühne soll nun der Aufstand ausgebrütet werden.

Die andcompany&Co. (Karschina/Nord/Sulimma) haben zusammen mit flämischen und niederländischen Theatermachern einen Aufstand des transnationalen Theaters versucht. Ein Aufstand der im doppelten Sinne des Wortes „geprobt“ wird gegen eine neoliberale Kulturpolitik und gegen die herrschende Alternativlosigkeit in Europas Vorstellungen der Zukunft. Weiterlesen

Jenseits von Intimität: „I hope you die soon“ im HAU 1

Das Wummern setzt ein, schwillt an, ergießt sich durch die Zuschauerreihen im kargen schwarzen Raum, und verebbt. Der Tinitus bleibt.

Zu Beginn von “I hope you die soon“ liegen die beiden Körper von Angela Schubot und Jared Gradinger nahezu regungslos nebeneinander; eine pulsierende Halsschlagader ist der Hauptdarsteller dieser ersten Minuten.

Minimalbewegungen beginnen sich zu entfalten, wie in close-ups verfolgt man gespannt die kleinsten Zuckungen, Impulse der Gelenke und Fingerspitzen, einzelne Körperteile führen eigenständige Choreographien auf.

Ein Zittern und Vibrieren beginnt durch die Körper zu gehen, nicht changierend zwischen, sondern sexuelle Extase, Verzweiflung und medizinisch bedenklicher Zustand in Einem. Weiterlesen