Bewegung in der Freien Szene: Tag 2 der Nachwuchsplattform beim Performing Arts Festival

Nach dem heutigen Auftakt geht es morgen mit der Nachwuchsplattform auf dem Performing Arts Festival weiter.

Auch am zweiten Tag des Festivals bespielt der Nachwuchs die größeren Häuser der Freien Szene Berlins: Wer möglichst überall hineinschnuppern will, kann zwischen den Sophiensælen, dem Ballhaus Ost und dem HAU pendeln. Es bleibt so divers wie schon am ersten Tag: Installationen, Vorträge, musikalische Performances und Tanz stehen zur Auswahl. Weiterlesen

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Zwischen Séance und Leichenschmaus – „Experimenting Müller“ am HAU

Von Marlene Schock und David Meiering

Eine Woche lang nimmt das HAU mit dem Festival Heiner Müller! die Kommunikation mit einem Toten auf: Heiner Müller.Wie viel dabei der Ikone des DDR-Theaters wirklich zugehört, oder doch eher mit sich selber gesprochen wurde, ob seine Leiche dabei genüsslich vernascht oder doch eher im Kerzenschein verehrt wurde – um das herauszufinden besuchten Marlene Schock und David Meiering den Performance-Abend „Experimenting Müller“.

Vier Stücke sind aus der Auseinandersetzung mit Heiner Müller entstanden, drei Performances und ein Film. Eine Stärke des Abends ist, dass trotz der Monothematik des Müller’schen Schaffens sehr verschiedene Aspekte herausgetrennt und in den jeweiligen Stücken behandelt wurden.

Vom Verlust der Utopie und der Einheit der Identität über die Ewige Antike, das Thema der Schuld und des gewaltsam entstellten Körpers bis hin zur Bearbeitung der (kommunistischen) Geschichte   Bruchstücke zahlreicher monumentaler Themenblöcke werden an diesem Abend in den Zuschauersaal geschleudert. Weiterlesen

Ein blassblauer Geist auf grauem Untergrund. In der Pilotveranstaltung der Reihe “Fearless Speech“ am HAU setzt sich Alex Demirović mit dem Foucaultschen Parrhesia-Begriff auseinander.

img_0608Gedämpftes Raunen erfüllt den brechend vollen Saal des HAU1. Der Flyer zur heutigen Veranstaltung – himmelblaue Schrift auf glänzend grauem Untergrund – raschelt verheißungsvoll in meiner Hand. Na gut, das ist vielleicht etwas übertrieben. Aber doch spricht schon der große Andrang dafür, dass an den Abend bestimmte Erwartungen geknüpft sind. Neben mir werden enthusiastisch Selfies gemacht. Und ja, auch ich habe den Termin schon vor Wochen in meinen Kalender eingetragen. Trotzdem weiß ich selbst keine unmittelbare Antwort darauf, worin meine Erwartungen eigentlich bestehen. Es geht also um Foucault. Der ist übrigens auch dem Flyer dabei abgebildet, wie er – den Kopf im Nacken – in ein Megaphon brüllt. Ein blassblauer Geist auf grauem Hintergrund.

Hierin liegt erst mal nichts Weltbewegendes, schließlich ist Foucault zumindest in den Geisteswissenschaften nach wie vor omnipräsent, um seine Diskursanalyse ist hier nicht herumzukommen, wohingegen die klassische marxistische Philosophie und die kritische Theorie mehr und mehr an den Rand gedrängt werden.

Wenn sich aber all diejenigen, die hier versammelt sind, jederzeit in eine Foucault-Vorlesung setzen können, wie lässt sich dann die gesteigerte Erwartungshaltung erklären, die unterschwellige Aufregung, die meinem Eindruck nach im Saal herrscht? Vielleicht liegt es daran, dass es sich bei dem Vortragenden um Alex Demirović handelt, einen Alt-68er, der immerhin noch als „echter“ Marxist zu begreifen ist und im Wissenschaftsbetrieb eine gewisse Underdog-Position inne hat.

Oder liegt es am Theater selbst, welches in uns die Erwartung weckt, dass hier etwas anderes als ein „bloßer“ Vortrag stattfinden wird? Weiterlesen

Im Kampf gegen das Vergessen „Oblivion“ von Sarah Vanhee im HAU3

Von Gesche Beyer

Die Künstlerin Sarah Vanhee hockt auf dem Boden und packt einen Karton aus. Mit fließenden, ruhigen Bewegungen befördert sie vertrocknete Teebeutel, alte Plastikflaschen, Wattepads und leere Milchkartons ans Licht und platziert sie behutsam im Raum. Wie lange widmet sie sich bereits dieser Aufgabe? In jedem Fall war sie schon damit beschäftigt, als die ersten Zuschauer den Saal betraten.

Inzwischen hat sich eine ganze Landschaft alter, verbrauchter, nutzlos gewordener Gegenstände Weiterlesen

Die Geschichte wird zur Farce – „Le Capital et son Signe“ von der Gruppe d’ores et déjà im HAU

Von Gesche Beyer

 

„Was? Man stiehlt mir die Hälfte meines Lebens und die restliche Zeit bin ich eine Flasche?!“
Entrüstet springt Firmin, ein junger, bebrillter Mann mit rundem Gesicht und schläfrigen Augen auf und greift sich das in der Ecke stehende Gewehr.
„Zeigt mir den schnellsten Weg zur Nationalversammlung!“, brüllt er, überschäumend vor Wut und grimmiger Entschlossenheit. Im Publikum wird kreischend gelacht.

Zuvor hatte Firmin (ähnlich dem Publikum) lethargisch da gesessen und das hitzige Wortgefecht seiner Tischgenossen stumm verfolgt, mit offen stehendem Mund sein Unverständnis bekundend. Als „gemäßigter Republikaner“ hatte er sich eingangs vorgestellt. Dann war ihm von seinem Sitznachbarn unter Zuhilfenahme einer leeren Rotweinflasche die Marxsche Bestimmung des relativen Mehrwerts erklärt worden.

Wir schreiben den 13. Mai 1848 Weiterlesen

VORSCHAU: Was rumort im Juni?

Der Sommer ist endlich da. Dem Reflex, der Arbeit fernzubleiben, zu streiken, Schule oder Uni schwänzen, in der Sonne zu faulenzen, sind oft Grenzen gesetzt: Immer mehr Menschen geben an, keine Zeit mehr zum Streiken zu haben, da sie so viel zu tun hätten. Aber dann in der Freizeit auch noch ins Theater zu gehen, statt sich mit ’ner Molle an den Landwehrkanal zu setzen oder einfach mal auf dem Tempelhofer Feld ’ne Drohne steigen zu lassen, scheint nicht so plausibel.

Open-Air-Theater

Das Problem ergibt sich aber gar nicht zwingend, zieht man all die Theateraufführungen in Betracht, die im Juni draußen an der Berliner Luft stattfinden. Zum Beispiel spricht am 13. Juni Kabarett Kosovo dafür, sich mal ins Amphitheater im Monbijoupark zu trauen. Das Gastspiel aus dem Nationaltheater Priština Weiterlesen

VORSCHAU: Was erreicht der März?

Der Berliner Märzanfang wurde mit großem Hall durchs 100 Grad-Festival eingeleitet. Ehrgeizige Projekte, das war schon dem Programm abzulesen – und tatsächlich war das Festival der Freien Szene (in der Form zum letzten Mal?) ein Knaller. Das hat uns so die Sprache verschlagen, dass wir uns für die März-Vorschau gleich bis zur Monatsmitte Zeit gelassen haben. Nachlesen, was los war beim 100 Grad, lässt sich dafür auf dem 100 Wort-Blog. Das Beste: Die Gewinner-Inszenierungen der einzelnen Spielstätten werden ab April alle nochmal zu sehen sein. Los geht’s im Hau am 30.3.

Aber der Reihe nach durch die zweite Märzhälfte: Die Gefangenen der JVA Tegel melden sich ab dem 16.3. wieder zu Wort. „Klassenfeind“, ein Drama aus den 70er vom Briten Nigel Williams, bündelt die Wut der ausgegrenzter Jugendlicher in einem Klassenzimmer. Dass die Akteur_innen des Gefängnistheater Aufbruch dazu etwas zu sagen haben, steht außer Zweifel. Ob die Inszenierung eine stimmige Form findet, lässt sich beim Besuch im Knast erfahren. Achtung: Karten 5 Tage vorher reservieren!

Das Ballhaus Naunynstraße hat ein dichtes Programm. In den letzten Monaten kamen dabei aber die vom Haus entwickelten, grundsoliden Theateraufführungen zu kurz, könnte man meinen. Das ändert sich mit „Tableau“ am 18.3. Das „bitterböse Familienportrait dreier Frauengenerationen“, uraufgeführt im Januar, jetzt wieder mehrmals hintereinander zu sehen, ist die erste Produktion der jungen Autorin Reihaneh Youzbashi Dizaji am Ballhaus Naunynstraße.

Vor Kurzem haben wir von einem Theaterabend berichtet, an dem Geld verschenkt wurde. Diesmal geht’s in der Brotfabrik ums Geld. Für „geld: komplex“ haben die Künstler_innen von syn:format Berliner_innen befragt. In einem musikalisch-theatralen Experiment soll das liebe Geld nun personifiziert und zur Rede gestellt werden. Geldkritik ist ja noch keine Kapitalismuskritik, aber wer weiß: Vielleicht hält die Brotfabrik mit „geld:komplex“ am 19.3. neben Unterhaltung auch ein paar Erkenntnisse bereit.

In seiner eigenen schrullig-experimentellen Art nimmt der Theaterdiscounter das 130jährige Jubiläum der Kongokonferenz zum Anlass, mit „KoNGOland“ die verlogene weiße Charity-Selbstinszenierung gegenüber dem afrikanischen Kontinent anzugreifen – mit bösem Humor, so verspricht’s das Programm, und hoffentlich mit genug dekolonialem Background. Ab dem 26.3. in der Klosterstraße: KoNGOland.

Bereits das vierte Stück inszeniert Jan Meyer im TiK Süd. Am 27.3. fordern fünf Performerinnen den frisch erschienen Fragmenttext „Schaum“ von G.A.Beckmann heraus, bis zur Grenze der Sprache.

Woran erkennt man einen Juden? fragen die 3. und 4. Studiengänge der HfS Ernst Busch am 31.3. im BAT. Das Foto zum Stück zeigt eine Einhorn-Maske, die die antisemitische Erfindung der jüdischen Nase persifliert. Mit Texten von Max Nordau u.a. nähert sich die Inszenierung aber noch von einer anderen Seite dem Thema Antisemitismus und jüdische Identität an, nämlich vom jüdischen Ideal des Muskeljuden im Zusammenhang der Lebensreformbewegung um die Jahrhundertwende.

Bild: Die Zeit. Das Foto zeigt das Lichtschulheim Lüneburger Land  (Apropos Lebensreform…) .

VORSCHAU: Was bewegt sich im Januar?

Im Januar geht es politisch zu in der Freien Szene. Fanden wir in der ersten (!) Unruhe-Monatsvorschau im November 2013 vor allem Tiere in Stücktiteln der Berliner Freien Szene wie Mäuse, Käfer, Seewolf, lesen sich die Theaterprogramme inzwischen vielerorts anders: Weniger Fauna, weniger artiness und mehr (historische) Kontextualisierung. Themen wie Migration und Arbeit dominieren in immer mehr Spielplänen. Oder ist das nur Einbildung? Jedenfalls kommen hier zu den aktuellen Anlässen auf die Straße zu gehen, einige Anlässe, der Freien Szene treu zu bleiben:

Kunst und soziale Bewegung

Vom 9. bis 11. Januar findet im HAU der Kongress statt. Der Kongress bringt über zwanzig von Künstler_innen gegründete Organisationen zusammen, die über singuläre Kunstprojekte hinaus Strukturen aufbauen für „Formen des Widerstandes Weiterlesen

Die Selbstverwirklichung opfern? She She Pop’s „Frühlingsopfer“ im HAU 1

Der Abend ist nach dem eigenen Soundtrack benannt: Igor Strawinskys „Frühlingsopfer“. Ein Schlüsselwerk der Musik des 20. Jahrhunderts, in dessen Zentrum das Opfern einer Jungfrau für den Frühlingsgott steht. Die Auserwählte tanzt sich zu Tode. She She Pop performen den gleichnamigen Abend gemeinsam mit ihren Müttern, um der Frage nachzugehen: Wie viel „Opfer“ steckt eigentlich im Muttersein? Ist es nicht auch ein rituelles Menschenopfer, ein Kind zu gebären?

She She Pop lassen ihre Mütter erst einmal erzählen. Auf vier langen Bahnen erscheinen die Videos der Mütter. Sie stellen sich vor, erzählen ihre Biografie und was sich in ihrem Leben durch das Muttersein verändert hat. Wie selbstverständlich es beispielsweise damals war (die Mütter sind inzwischen im Rentenalter) mit der Schwangerschaft auch den Beruf aufzugeben und sich ganz der Familie zu widmen. Aber auch wie schwer das war, wenn man gerne gearbeitet hat und ein Kind alleine einem zu wenig Beschäftigung bietet. Weiterlesen