Don’t be a prisoner of the moment – Zur Eröffnung des letzten Foreign Affairs-Festivals 2016.

 

Das internationale Performing Arts Festival Foreign Affairs der Berliner Festspiele findet dieses Jahr vom 5. Juli bis 17. Juli im Haus der Berliner Festspiele und dem Martin-Gropius Bau statt.
Zum letzten Mal finden sich Künstler und Performer zusammen, um ihre künstlerischen Arbeiten zum diesjährigen Thema „uncertainity“ zu zeigen. Der Martin-Gropius-Bau widmet dem südafrikanischen Künstler William Kentridge eine umfassende Werkschau. An der Schnittstelle von Performance und Ausstellung tummeln sich vielseitige Formate und Events, die auf welche Weise auch immer „uncertain“ sein sollen. Das Thema „Unsicherheit“/ „Uncertainity“, so erklärt der Direktor des Festivals Matthias von Hartz in seiner Eröffnungsansprache, sei von William Kentridge inspiriert und würde weniger einen zeitgenössischen gesellschaftlichen Status quo der Angst ins Zentrum rücken, als vielmehr das Potenzial an Freiheit, das sich in unsicheren Verhältnissen verbirgt. Das Freiheit sich vor allem über Selbstbestimmung herstellt und Sicherheit dafür ein unverzichtbares Gut ist, wird beiseite gelassen. Weiterlesen

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Rassistischer Zwischenfall beim Theatertreffen der Jugend

Vom 3. – 11. Juni 2016 gastiert das Theatertreffen der Jugend im Haus der Berliner Festspiele. Das Theatertreffen der Jugend stellt als jugendliche Version des Theatertreffens das wichtigste überregionale Treffen für junge Theatermacher_innen dar.
Eingeladen wurde diesmal auch «One day I went to Lidl» von den Autodidakten des Ballhaus Naunynstrasse, ein gemeinsames Musik- und Theaterprojekt von Geflüchteten und Berliner_innen of Color, das die Migrationsgeschichte eines Refugees in London mittels Spoken Word, Performance und Live-Musik erzählt. Dass das «ttj» damit gesellschaftliche Normalität abbildet und keine ausschließlich weiße Veranstaltung bleibt, überforderte anscheinend die ebenfalls eingeladene weiße Theatergruppe «rohestheater» aus Aachen.

«Die schlimmste Beleidigung, die ich als Künstlerin je erlebt habe»

Gleich am Eröffnungsabend verunglückte das Theatertreffen der Jugend. Die eingeladenen Gruppen sollten sich gegenseitig vorstellen. Anstatt sich mit dem Projekt «One day I went to Lidl» auseinanderzusetzen, nutzen die Aachener Jugendlichen die Gelegenheit, einen Auftritt hinzulegen, der die Autodidakten des Ballhaus Naunynstrasse rassistisch beleidigte und angriff.

Benita Bailey, die selbst am Ballhaus-Stück mitgewirkt hat und anwesend war – im Gegensatz zum Autor dieses Artikels – beschreibt die Vorgänge so: «21 Jugendliche marschierten militant mit Sonnenbrillen «maskiert» und Einkaufsbeuteln ausgestattet auf die Bühne. Die Steigerung in den Alptraum begann Weiterlesen

Foreign Affairs (VI) – FC Bergmanns „Van den vos“ und die Grausamkeit des Menschen

Wenn dir übel ist, trinke einen Schnaps. Altes Hausmittel! Nach der gestrigen Eröffnung des Foreign Affairs Festivals der Berliner Festspiele durch FC Bergmanns Inszenierung „Van den vos“ hatte man einen alkoholischen Downer auch dringend nötig. Es gab zwar nichts Hochprozentiges, aber kostenlosen Wein und Käse – auch gut zur Bekämpfung des flauen Gefühls, das einem nach der Vorstellung bleibt. Weiterlesen

Foreign Affairs (V) – FC Bergmann ist FA-Meister! Jetzt: „300el x50el x30el“ und Rodrigo Garcías „Gólgota Picnic“ in der Analyse.

„Wir wollen Projekte machen über Menschen, die sich bemühen ihr Leben zu gestalten, und immer wieder scheitern.“ [1]

Das Projekt, das aus diesem Satz entstand, ist 300el x50el x30el von einer Theatergruppe aus Antwerpen, deren Name es sich zu merken gilt: FC Bergman.
FC, weil ihnen die Idee eines Clubs, indem Menschen gemeinsam etwas unternehmen, gefiel und zugleich den nach eigenen Aussagen „naiven Gedanken“ eines Kollektivs aus Gleichberechtigten verwirft, da man immer „als Company“ endet, „in der jeder ihre oder seine Rolle hat.“ [1]
Bergmann, weil es Ingmar gab und Film einen großen Einfluss nimmt auf die Company, die auf den Gipfel des Berges strebt, um einen besseren Blick auf die Welt zu haben. Weiterlesen

Foreign Affairs (IV) – andcompany&Cos „Black Bismarck previsited“ als ein Lehrstück für Brett Baileys „Medeia“

Mit Black Bismarck previsited stellte andcompany&Co  im Rahmen der Foreign Affairs den ersten Zwischenstand ihrer für 2013 geplanten Produktion im HAU vor. Das Zwischenresultat, das präsentiert wurde, macht viel Lust auf mehr. Das Lecture Konzert im Haus der Berliner Festspiele wurde dabei als Konferenz gesettet und Alexander Karschina macht gleich klar in welche Richtung geblickt wird. Recherchiert wurde nicht in Afrika, recherchiert wurde hier. Hier, wo die Berliner Konferenz im Winter 1884/85 unter Otto von Bismarck mit Weltmachtfreunden stattfand, um mal schnell Nägel mit Köpfen zu machen und willkürlich gerade Linien durch Afrika zu ziehen – so wie sie bis heute bestehen. Weiterlesen

Foreign Affairs (II) – Boris Charmatz‘ „Enfant“ vs. Markus Öhrns/Institutet/Nya Rampens „We love Africa and Africa loves us“

Vor uns ein schwarzes Loch. Wir blicken tief hinein, wissen aber nicht wie tief. Neugierde macht sich in mir breit. Was wohl gleich in diesem Nichts entstehen wird? Über die Köpfe der Zuschauer arbeitet sich ein Licht nach vor ins Schwarz. Mein Blick schweift über die gelblich erleuchteten Köpfe und bleibt am Kran auf der Bühne hängen. Er bewegt sich. Ein Seil gibt ihm die Richtung vor. Er schwenkt nach rechts. Das Seil ist gespannt. Plötzlich ein Klacken, das Seil erschlafft und der Kran rotiert zurück. Langsam wird das Seil wieder gespannt. Ein Surren dringt immer klarer an mein Ohr. Es ist ein Gewinde. Es ist der Kran, der über das Seil bestimmt, nicht anders rum. Er rollt es auf, immer schneller und durch den Theaterraum hallt ein metallisches Schlagen, sobald sich das Seil aus der nächsten Verankerung löst. Immer und immer wieder reißt sich das Seil los und knallt gegen die Holz-, Metall- und Betonfassade des Bühnenraums bis am Ende des Seils ein lebloser Körper auf die Bühne gezogen wird. Bald hängen zwei leblose Körper kopfüber am Kran und werden spielerisch hoch und runter gefahren. Alles funktioniert wie am Schnürchen Weiterlesen

Foreign Affairs (I) – Symposium: Stages of Colonialism / Stages of discomfort. Oder wie eine wissenschaftliche Konferenz zu einer Bühne des Unbehagens wird.

Unter dem neuen Intendanten der Berliner Festspiele, Thomas Oberender, und der Kuratorin, Frie Leysen, findet zum ersten Mal das internationale Festival für Theater und performative Künste Foreign Affairs statt. Vom 28.09. – 26.10.2012 präsentieren 19 Künstler aus Afrika, Asien, Lateinamerika und Europa in Berliner Spielstätten (Haus der Berliner Festspiele, Sophiensaele, Ballhaus Ost und Kleiner Wasserspeicher) „ihre Visionen, ihre Befürchtungen und Träume, ihre persönliche Perspektive und kritische Analyse unserer Welt, unserer Zeit und unserer Gesellschaft“, um den Worten Leysens zu folgen. Das Festival steht im Zeichen individueller künstlerischer Perspektiven, die mittels ihrer eigenen ästhetischen Sprache (skandalöse) Angelegenheiten des Fremdseins (Rassismus, Einsamkeit, Kolonialismus, etc.) behandeln.
Wie unangenehm Auseinandersetzungen mit dem Anderen und den eigenen An- und Einsichten sein können, zeigte sich gestern (03.10.2012) im Rahmen des Symposiums: Stages Colonialism / Stages of discomfort. Was die Aussagen der fünf vortragenden Akademiker und dem Regisseur Brett Bailey konstativ festhielten, entwickelte im Verlauf der wissenschaftlichen Konferenz eine performative Dynamik, die die Räumlichkeit der Berliner Festspiele in eine Bühne des Unbehagens verwandelte. Weiterlesen