Der Mai – eine kleine VOR- und große LEISTUNGSSCHAU

Wenn in der Schaperstraße die Kastanien blühen und im Garten des Hauses der Berliner Festspiele zuverlässig die größten Brillen die Gesichter verschaufenstern, wenn buntquellende Stecktücher die Herren- und kaum Tücher überhaupt die Damenbrust zieren und volle Weizengläser beim Anstoßen mehr „ploink“ als „pling“ machen, dann darf man wieder beruhigt feststellen: Der Mai ist da und mit ihm zieht es wie in jedem Jahr die Elite des deutschsprachigen Theaters nach Berlin wie die Fussel in den Bauchnabel. Das Theatertreffen ist toll – es ist die allergrößte, -schönste und -beste „Leistungsschau“, die es überhaupt gibt. So angelockt kommen sie alle und blickten in den vergangenen Jahren mit Kennermiene und umgetrieben von der beklemmenden Frage nach der Leistungsfähigkeit unserer guten, stehenden Schaubühnen auch schon auf die Darm- und Blasentätigkeit eines norwegischen Allmachtsphantasten (große Leistung!), den letzten Gruß eines bitter Vermissten (traurig-schöne Leistung!) oder auch einfach mal auf eine gut fünfstündige, halbszenische Lesung (Niemand-weiß-warum-das-eingeladen-wird-ist-aber-trotzdem-super-Leistung!).

Wem nach soviel Hochleistung die Glieder und Lider schmerzen, kann abseits des feinen Schaperstraßen-Kiez‘ und seiner Wilmersdorfer Witwen Linderung finden: In Berlin ist schließlich jeden Monat Theater, auch ohne dass man sich und alles und jeden dort treffen müsste. Das bringt im Vergleich mit dem „main act“ dieses Wonnemonats seine ganz eigenen Vorteile mit sich: Man bekommt in der Regel tatsächlich einfach so mal Karten, sitzt meistens nicht ganz so lange auf dem eigenen Hintern und – so hat man uns versichert – die Vorstellungen finden sogar statt! Also raus aus dem Taxi und rein in die rote U-Bahn-Linie; Unruhe im Oberrang führt mit einer Alternativauswahl küsschen- und proseccofrei durch den Mai. Weiterlesen

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VORSCHAU: Die Anlageberatung für den April

Ja, die Krise. Das Wort mag so wund benutzt sein, dass ihm schon die Buchstaben abfallen, es ernähren sich davon doch ganze Sparten des Bruttosozialprodukts. Sind Sie Berater im Finanzministerium, AfD-Kassenwart oder Mittelklassenseelenklempner mit Expansionswünschen, dann ist Ihnen das bekannt. Sonnenstrahlen im Frühling sind da immer potenziell geschäftsschädigend. Was denn tun, wenn es wieder allen gut geht? Ach und wie würden sie jammern, all die Coaches, wenn ALLE nun plötzlich ins Theater laufen würden, um sich all die politisch und gesellschaftlich inspirierten Stücke und Performances anzuschauen, die auch diesen April auf den „kleinen“ Berliner Bühnen Premiere feiern werden! Für uns zumindest ist ein zweistelliges Celcius keine Ausrede. Weiterlesen

VORSCHAU: Was blüht im März?

Für die Prophezeiung im März haben wir keine Tier geschlachtet und in deren Gedärmen gewühlt. Religiöse Orakelei ist ohnehin nicht mehr ganz zeitgemäß. Wir bedienen uns modernster Technologie und eigens entworfener Listen, und versinken im glasfasernduchzogenen Meer des Web 2.0, zapfen nach naivstem Wissen Big Data an und glauben aufs vermeintlich Unreflektierteste den Pressetexten, die am meisten Sog entwickelt haben. Alles wird gut. Weiterlesen

Angst vorm Spiegelbild? „Ich rufe meine Brüder“ im Ballhaus Naunynstraße

Es ist der Tag nach dem Selbstmordanschlag in Stockholm 2010, der jetzt überall im Fernsehen besprochen wird. Amor (Jerry Hoffmann) streift von Paranoia getrieben durch die Stadt, sein Handy in der einen, sein Messer in der anderen Tasche. Von Telefonaten und Erinnerungen heimgesucht ruft er seine „Brüder“ an. Aber wer ist tatsächlich ein Bruder? Was passiert, wenn die Paranoia sich nach innen wendet? Weiterlesen

VORSCHAU: Was geht im Februar?

Wir gehen vielleicht… weil… (Grund) / am… (Datum) / zu… (Stück) / ins… (Theater XY). / (+Zitat)

  • weil sich das gehässige Tagebuch des Philostratos hervorragend für einen Monolog eignet zum Hundertsten von Arno Schmidt am 6. Februar zu Enthymesis in die Brotfabrik (auch 7.-9.2.).

„Ist der frühe Prosatext von Arno Schmidt eine Geschichte über Weltflucht oder eine Hommage an Literatur und menschliche Phantasie?“

VORSCHAU: Was geht im Januar?

Eine Vorschau für den ersten Monat des Jahres zu schreiben, kommt einem Hindernisparcours gleich, allenthalben muss ausgelutschten Formeln à la Neubeginn, guten Vorsätzen und Jahresbilanzen ausgewichen werden. Dabei spricht eigentlich nichts dagegen, sich der Übermacht des gregorianischen Kalenders einfach trotzig zu widersetzen, das Theaterjahr folgt seinen eigenen Gesetzen! Der Beginn des Theaterjahres wird von jeder Bühne fröhlich anarchisch selbst bestimmt, ganz ohne Bürgerkriegsaudiokulisse. In diesem Sinne: Schmeißt die Klumpen Blei und Glückskekse aus dem Fenster! Frohe 2- 3 ½ monatige Spielzeit! Weiterlesen

Schutzraum? Und wenn ja, wie viele? „Schwarz tragen“ im Ballhaus Naunynstraße

„Ich spiele jetzt in so einem Film mit!“ berichtet Joy euphorisch am Küchentisch. Der dauere zwar nur fünf Minuten, aber sie habe sogar Text: „Hilfe! Hilfe!“und „Ich liebe dieses Land!“. Sie solle eine Asylbewerberin spielen. Sie lacht und fragt in die Runde: „Wie kann man das Land lieben, wenn man es gar nicht kennt?“ Nach dem teils gefälligen, teils bitteren Theater-Abend im Ballhaus Naunynstraße , an dem Alltagsrassismus beim Frühstück besprochen wird, lässt sich diese Frage in verschiedene Richtungen wenden, auch in diese: Wie kann man als weiße_r Deutsche_r Berlin lieben, wenn man es gar nicht kennt?

…zumindest nicht aus der Perspektive der Schwarzen WG aus Elisabeth Blonzens „Schwarz tragen“ in der Inszenierung der Filmemacherin Branwen Okpako kennt. Weiterlesen

Braunes Nirwana: „Fahrräder könnten eine Rolle spielen“ im Ballhaus Naunynstraße

„Fahrräder könnten eine Rolle spielen“ soll BKA-Chef Jörg Ziercke 2006 als Ermittlungsergebnis des NSU-Untersuchungsausschusses bekannt gegeben haben. So Mely Kiyaks Notizen, die als Material für die gestrige Uraufführung des neuen Stücks von Marianna Salzmann und Deniz Utlu dienten. Die Zuschauer erwartet aber kein Re-enactment und keine dokumentarisch Besonnenheit, sondern sie werden mit opulent-verspielter Fiktion beschossen, die jäh bricht und Hilfe im Appell sucht.

Die Zuschauer sitzen in schräg in die Ecken gedrückten Rängen und schauen auf ein ovales Bassin mit braunem Matsch. Alle sitzen sie drin, im widerlichen, braunen Matsch: Weiterlesen

„Scheppernde Antworten auf dröhnende Fragen“ im Ballhaus Naunynstraße

Road-Movie, Laufsteg-Model im Loop, Fußball-Doku – Drei Inszenierungen junger Regisseurinnen.

Hunting von Trier“ von Nora Abdel-Maksoud

Zwei junge Schauspielerinnen schreien, posen, grimassieren auf einem offenen Cabriolet und zielen mit Pappknarre auf Lars von Trier, der die beiden filmt und immer abwegigere Anweisungen gibt: Statt Gangster zu geben, sollen sie effiminiert und dümmlich-lasziv in die Kamera fluchen, dabei den Colt in den Mund nehmen. Schließlich fällt aber ein Schuss und Lars von Trier stirbt. Daraufhin fliehen die beiden im Cabrio, wippen kreischend über extrem kurvige Straßen und begegnen Stars mit prä-emanzipatorischen Weltbildern, wie zum Beispiel der besoffenen Brigitte Bardot, die schließlich vom Auto eingesaugt wird, bevor die Fahrt weiter geht, die letztendlich doch genauso von Lars von Trier geplant war, den die beiden Schauspielerinnen aber schließlich fertig machen, die nach ein bisschen biographischer Preisgabe sich selbst gefunden haben. Weiterlesen

Das Experiment entschuldigt sich, bevor es begonnen hat – „Beg your pardon“ im Ballhaus Naunynstraße

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Autogenes Training als Einbürgerungstest: „Deine Emanzipation und Individualität werden ganz schwer!“ Der Psychotherapeut, der mit dem Rücken zum Publikum sitzt, versucht seiner Patientin das Abendland in den Körper zu reden, die im nächsten Moment zur Interviewerin des Vertreters der rechtspopulistischen Volkspartei wird, um sich ein Duell mit ihm zu liefern: Er protzt mit heterosexuellem Charisma und sie bittet ihn, doch sein glattes Gesicht anfassen zu dürfen.

Bei solch lässiger Verspieltheit plus parodierter Ausländerpolitik weiß man sofort, dass man in der Naunynstraße sitzt. Wer aber meint, dies sei nun Exposition und Konflikt, hat sich geirrt. Weiterlesen