Horror vacui – „Titus Andronicus“ auf der Probe der Volksbühne

Titus Andronicus ist ein antipsychologisches Stück. Nicht im programmatischen Sinne, sondern in dem einfach materiellen, dass jeglicher psyché (griechisch: Atem) hier in kurzen Takten die Gurgel durchgeschnitten wird. Darin bietet es sich an – und wohl nur dazu, wenn man am Text bleibt wie Sebastian Klink in der aktuellen Inszenierung auf der Probebühne der Volksbühne – für dionysisches Gemetzel, für permanente Lautstärke und den Wunsch, endlich einmal die ganze Bandbreite an Kunstbluteffekten in einen Abend zu stopfen. Demnach ist dem großartigen Satz aus dem Progammtext, der „Staub der Jahrhunderte über diesem Stück“ verfliege „bei der ersten Inhaltsangabe“ wenig hinzuzufügen.

Dass dabei ein „seltenes ästhetisches Niveau“ erklommen wird, ist sogar richtig, denn Klink die Inszenierung läuft konsequent, ohne Glättung und mit direkter Energie. Auf weißer T-Plattform vor übergroßer Leinwand beschreien, begrapschen und ermorden sich die angehenden Profis von der Ernst-Busch in weißen Bodys und Schminke und spielen sich dabei anfänglich so in Rage, dass die Rechnung aufgeht. Diese ist die gleiche wie im Zombiefilm: unhinterfragbare Präsenz von Gewalt. Das ist so einfach und platt, dass Weiterlesen

Was übrig bleibt sind wir: „Macbeth (P14)“ in der Volksbühne

MACBETH, bearbeitet von Heiner Müller, auf die Bühne gebracht von Silvia Rieger mit dem Jugendclub der Volksbühne P14, ist ein großartiges und anstrengendes Stück.

Der Raum ist erfüllt von Schreien. In der völligen Dunkelheit der Bühne sind sie nicht lokalisierbar und nicht verstehbar, weder bitten sie um Hilfe noch können sie überhaupt als Teil einer Handlung fiktionalisiert und entschärft werden. Sie kommen aus der Leere des Raums und gehen in ihn zurück, dazwischen lassen sie in unerträglicher Intensität und Dauer namenlose Körper erscheinen. Im Licht, das vom Notausgang hinter den Reihen kommt, sind die anderen Zuschauer als Schemen zu erkennen. Jede Salve von Schreien bildet sich hier ab als Rascheln, das durch die Reihen geht, Rücken schwanken, Blicke werden ausgetauscht, Stühle quietschen, es ist, als müsse man sich angesichts des Angriffs, der von vorne kommt, der Macht und des Schutzes vergewissern, den man als Teil der Zuschauerherde genießt. Spätestens als kurz danach der Zuschauerraum ausgeleuchtet wird (die Bühne bleibt dunkel), versteht man, dass dies ein wohlkalkulierter Teil der Inszenierung ist. Er bleibt nicht ohne Wirkung. Weiterlesen