Wohlfühlwahnsinn am Beckengrund: „Kiez Oper: Insanity“ im Stattbad Wedding

Nicht erst seitdem ein bekanntes deutsches Plattenlabel aus dem Bereich der klassischen Musik regelmäßig zu Lounge-Veranstaltungen seiner hochprominenten Künstler in die Berliner Clubs und Bars einlädt, wächst die Nachfrage an vermeintlich niederschwellig angebotener, „ernster“ Musik am ungewöhnlichen Ort rapide. Dabei hat sich eine lebendige Off-Szene meist hochprofessioneller Musiker herausgebildet, die es nicht mehr vorrangig auf die teuren Bühnen von Philharmonie oder Opernhaus, sondern in die Tanztempel, leerstehenden Fabrikhallen, Hinterhöfe und U-Bahnschächte der Hauptstadt zieht. Dass man dabei in der Regel keine Kompromisse eingehen, nicht Lachenmann mit Lady Gaga versöhnen will, wird mit dem gleichen Selbstbewusstsein behauptet, mit dem der sanfte erzieherische Impetus vieler dieser Projekte zwischen den Zeilen der schicken Werbeflyer anklingt: Klassische Musik für ein Publikum, das damit normalerweise wenig in Berührung kommt; reizvoll aufbereitet an den gewohnteren Vergnügungs- oder Alltagsorten der so Angelockten – dies scheint die leise paternalistische Devise zu sein. Dass dann am Ende doch weitgehend dieselbe U30-Fraktion erscheint, die am Abend vorher an den Kassen der Opernhäuser auf verbilligte Restkarten gewartet hatte, mag für beides sprechen: Die Qualität des Angebotenen einer- und die seitens der Veranstalter unvermutete Vereinbarkeit von Philharmonie und Berghain andererseits. Weiterlesen

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