„Selbstbeschwichtigung“ von Turbo Pascal in den Sophiensaelen

„Werden wir unser Verhalten in Zukunft in irgendeiner Form verändern?“, steht im letzten Absatz der Postkarte zum Stück „Selbstbeschwichtigung“ des Berliner Theater- und Performancekollektivs Turbo Pascal, das seine Premiere am 29.09.2016 in den Sophiensaelen feierte.

Die Antwort gleich vorweg: nein, werden wir vermutlich nicht. Zumindest nicht, solange wir uns selbst beschwichtigen. Was zunächst als Schwachstelle, als nicht eintreffende Intension der Gruppe, vermutet werden kann, entpuppt sich bei nochmaliger Reflexion allerdings als ein stimmiges Konzept. Denn mit dieser Schlussfolgerung ist das Stück in sich aufgegangen. Und das ohne erhobenen Zeigefinger.

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Hex hex im Matriarchat – „Grrrrrl“ in den Sophiensälen

Die vier Performer*innen des Kollektivs Henrike Iglesias kreieren an diesem Abend in den Sophiensälen einen utopischen Raum namens Fort Grrrrrl, in dem das Patriarchat ausgeschaltet ist und Konnotationen des Bösen, die Weiblichkeit zugeschrieben werden, ausgelebt werden können. Sie spielen tabuisierte und negativ assoziierte Themen wie Masturbation, Menstruation, sexuelle Selbstbestimmtheit, was es bedeutet eine „gute“ Mutter zu sein, kraftvoll und unterhaltsam durch. Weiterlesen

Bewegung in der Freien Szene: Tag 2 der Nachwuchsplattform beim Performing Arts Festival

Nach dem heutigen Auftakt geht es morgen mit der Nachwuchsplattform auf dem Performing Arts Festival weiter.

Auch am zweiten Tag des Festivals bespielt der Nachwuchs die größeren Häuser der Freien Szene Berlins: Wer möglichst überall hineinschnuppern will, kann zwischen den Sophiensælen, dem Ballhaus Ost und dem HAU pendeln. Es bleibt so divers wie schon am ersten Tag: Installationen, Vorträge, musikalische Performances und Tanz stehen zur Auswahl. Weiterlesen

Wilmersdorf! Und Kreuzberg, Neukölln, Mitte, Prenzlauer Berg und Schöneweide! Unsere Mai-VORSCHAU zeichnet ein Berliner Theater-Streckennetz.

Der Mai ist für die deutschsprachige Theaterlandschaft, was der Dezember für die Dienstleistenden der Weihnachtsmarktbranche ist: Man trifft sich, man misst sich, man tauscht sich aus. Dies geschieht vor allem im tiefen Westen der Stadt, beim Theatertreffen der Berliner Festspiele. Unser Autor Janis El-Bira berichtet als rasender Reporter des Theatertreffen-Blogs übrigens live über die Geschehnisse desselben.

Abgesehen von diesem Tête-à-Tête der Großen – oder der vermeintlich Großen – des Theaters haben wir einige Produktionen aufgetan, die es attraktiv machen, diesen Monat nicht dauernd in die U-Bahn zur Spichernstraße, zum Haus der Berliner Festspiele, zu steigen, sondern eben auch mal in die U8, die U2, die U6 oder die U7.  Weiterlesen

Der Peter Stein des Underground – „Karamasow“ in den Sophiensaelen

© Arwed Messmer

Natürlich ist Thorsten Lensing nicht wie Peter Stein. Und natürlich sind die Sophiensaele in Berlin auch kein Underground. Trotzdem gingen meiner Begleitung und mir an diesem Sonntagabend im Dezember die Fragen nicht aus dem Kopf: Wer ist denn dieser Regisseur, dessen sechs Aufführungen in den Sophiensaelen binnen kürzester Zeit so ausverkauft waren, dass unsere beiden Eintrittskarten uns regelrecht euphorisierten? Was macht denn dieser Regisseur, so dass sich regelmäßig ein imposantes Aufgebot von Tatort-Kommissaren und Sprechtheater-Profis verpflichtet, mit ihm und seinen Stückbearbeitungen durch die Halb-Off-Koproduktionsstätten des deutschsprachigen Raums zu touren? Und wer ist denn diese eingeschworene Fangemeinde, die sich schon Wochen vorher um Karten bemüht?

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Rambo, Sex und Zuschauerinnen auf vier Beinen – Thikwa und Monster Truck präsentieren „Regie“!

Foto von Florian Krauss

Lange nachdem die letzte Zuschauerin den Hochzeitssaal verlassen hat, stehen immer noch die Akteurinnen des Theater Thikwa (Sabrina Braemer, Jonny Chambilla, Oliver Rincke) auf der Bühne der Sophiensaele und tanzen zu deutschem Schlager. Das Ende von „Regie“ unter der Produktion von Monster Truck hatte Volksfestcharakter. Es war ein offenes Ende einer scheinbar freien Regiearbeit der drei Thikwas.

Monster Truck provozierte mit „Dschingis Khan“ (2012) eine Kontroverse in der freien Theaterszene à la Love-It or Hate-It. Sie schufen eine mongolische Völkerschau-Satire und besetzten jene mit den drei Down-Syndrom-Akteurinnen des Theater Thikwa. „Regie“ wirkt nun wie ein Meta-Kommentar auf diese Kontroverse und wirft Fragen der Selbstermächtigung und Emanzipation auf. Und viel interessanter: Was ist überhaupt Regie? Und wie überbrückt man die Kluft zwischen Vorstellung und Realisierung? Weiterlesen

Sehen und gesehen werden: „Who’s there“ von Monster Truck in den Sophiensälen

Jedem Theater sein Festival, so scheint es beinahe. Mit „Strange Magic“ klinken sich die Sophiensaele in den Berliner Festival-Herbst ein, und stellen die Frage nach der illusionären Kraft des Theaters. Theater als Zauberkasten, oder als sichtbar gewordenes Technik-Knowhow? Wollen wir das überhaupt so genau wissen? „Strange Magic“ ist als inhaltliche Klammer zu sehen für Performances verschiedener Façon, einen hermetischen Garten sowie eine Magic Lounge inklusive.

Mit der Performance „Who’s there“ bildet das in Gießen gegründete Kollektiv Monster Truck den sehenswerten Ausklang des Festivals. Auf raffinierte Weise werden darin die Karten zwischen beobachten und beobachtet werden neu gemischt. Mehr wird an dieser Stelle nicht verraten – es ist magic. Und strange.

Das Festival „Strange Magic“ läuft noch bis zum 27. November.
Achtung: „Who’s there“ hat gestaffelten Einlass zwischen 18 und 22 Uhr. Vorherige Anmeldung empfiehlt sich.

Simple Science-Fiction: „Sprachlabor Babylon“ in den Sophiensälen

Headsets und durchsichtige Kugeln mit Mushrooms hängen von der Decke, weiße Plastikstühle sind locker im Raum verteilt, mittig steht eine weiße Säule mit leuchtendem Kopf, sphärische Klänge und Minimal-Musik lullen die Gäste ein und statt auf eine Bühne schauen die Zuschauer auf eine große Schalttafel. Zwei Moderatoren in blauen Anzügen nach Star-Trek-Art, Nina Tecklenburg und Martin Schick, plappern eifrig und wie ferngesteuert über die neuen Sprachprodukte der Firma „Deutsch“: „Hochpoetisch“, „Exzellenzdeutsch“ und „Spardeutsch“. Weiterlesen

Foreign Affairs (III) – Über erlebte und ferngesehene Traumata in Ullerup Schmidts „Schützen“ und Ómarsdóttir „We saw Monsters“

Wie eine Tigerin schleicht die dänische Performancekünstlerin und Choreografin Cecilie Ullerup Schmidt  auf zwei Beinen durch den Hochzeitssaal der Sophiensaele. Ganz in Weiß gekleidet gleicht sie mit ihren blonden Haaren und strahlender Aura einem Engel, der uns mit sanfter Stimme begrüßt und auf freundlich einschmeichelnde Art einführt in den ersten Teil ihres Langzeitprojekts Schützen.  Die dreiaktige Struktur legt sie uns offen dar, als wolle sie uns vor dem grausamen Alltag des Kriegsgeschehens schützen . Was sie erzählt, soll hier hinten angestellt werden, denn viel dringlicher ist das Wie, welches auf sonderbare Weise erst eine Reflexion zulässt und somit in ihrer Wirkung jegliche mediale Berichterstattung über militärische Ausbildungsmethoden, Drohnenangriffe und traumatisierte Soldaten überdauert. Eine Zeitung wird weggelegt, ein Fernseher ausgeschaltet und die Erinnerung verliert das Interesse am Sich-Erinnern. Ullerup Schmidt schleicht sich in unsere Köpfe ein und kurz bevor wir sie wahrnehmen, sind wir ihr auch schon erlegen. Weiterlesen