Wo sind die Roboter? – L’OdYSSÉE von hotairproduction im Ballhaus Ost

Heute gehe ich mit meiner Lieblingsmaschine ins Theater. Wir hatten lange keine Zeit mehr zu zweit, aber die Vorschau verspricht Roboter als Darsteller und Musiker.

In der S-Bahn sitzt sie auf meinem Schoß und ich streichele sie zärtlich, während sie mir weiter vorliest: Maschinen auf der Suche nach ihrem Ursprung. (…) Roboter leiden, lieben und kämpfen mit den Göttern. (…) Kann ein Stück ohne Schauspieler die Aufmerksamkeit der Zuschauer gewinnen und emotionale Reaktionen hervorrufen?

Im Ballhaus Ost werden wir in eine Kunstgalerie geleitet. Es hängen schwarze Bilder an den Wänden, an kleinen Tischen bekommt man von einer Dame in griechischer Tracht kostenlos Wein ausgeschenkt, ein Staubsauger-Roboter fährt eine weiße Gips-Skulptur durch die Gegend. Der Roboter spricht verzerrtes Deutsch, Englisch und Französisch:

Wir glauben an euch, die ihr uns Leben eingehaucht habt.

Als er an einem Kabel hängen bleibt, steht ein verlotterter Typ im goldenen Mantel aus einem Sessel auf und schlurft der Maschine zur Hilfe. Dann betrachtet er der die schwarzen Bilder eingehend. Hm… sagt der Typ, der einen prima Jesus von Nazareth abgeben würde oder den Dude aus The Big Lebowski, aber wo ist da der Unterschied, denke ich, beide sind Auserwählte, die mit der Welt wie sie eingerichtet ist, mächtig Probleme bekommen. Und beide sind Amerikaner, was man so hört.  Weiterlesen

Die Würde des Menschen im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit – Die Paulsens II im Theater im Kino

 

Paulsens II

© Girl to Guerilla

Die Familie Paulsen wohnte vor einem Jahr noch im Wedding, doch es drohte sich an, dass sie weggentrifiziert würde. Glücklicherweise konnten alle Paulsens (Mama Daniela, die Söhne Tristan, Harry, Stefan, Jörg, Harrys Sohn Dieter) bei den Movie Kingdom Studios in der Boxhagener Straße 18 in Friedrichshain Unterschlupf finden. Der Preis für die Wohnung: Sie müssen täglich Besucher_innen Zutritt in ihre Wohnung gewähren, ihren Alltag teilen und abends (natürlich ebenfalls vor Publikum) eine Sitcom drehen, deren Skript von Sohn Tristan, dem aufstrebenden Regisseur der Familie, stammt.

Das Kollektiv Girl to Guerilla erkundet mit „Die Paulsens II“ vom 11. bis zum 15. Mai das sog. „Hartz-TV“ im TIK bzw. in den Movie Kingdom Studios. Mit Raufasertapete, Holzschalen aus den 70er Jahren, einem Plasma-Bildschirm mit Playstation, Familienfotos und allerlei anderem ist die Wohnung der Familie, die abends zum Set wird, ausgestattet. Was treibt die Familie dort den ganzen Tag?

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Der gute Mensch von WARTE11: „Heimatgefühle“ in den Spreewerkstätten

Warte11

Foto: WARTE11

Heimat, was ist das eigentlich? Gerade heutzutage, wo laut UNO-Flüchtlingshilfe mehr als 60 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht sind. Das fragt sich das Duo WARTE11 (Lea Langenfelder, Nils Kirchgeßner), das in Berlin die Performance „Heimatgefühle“ vom fünften bis zum achten Mai in den Spreewerkstätten in Mitte zeigte.

Nach einem Glas Wein im Foyer zu „Heimweh nach dem Kurfürstendamm“ der Knef, was immer ein heimeliges und für mich ungreifbares Gefühl des Westberlins der 60er auferstehen lässt, wird das Publikum in den Saal gelassen, der mittels Baustrahlern in ein surreal-überhelles Licht getüncht ist, das von goldenen Rettungsdecken reflektiert wird. Die Rauminstallation mit Holzbänken stammt von Marina Sylla und Florian Hauß (+Kollektiv), die Technik von Sebastian Arnd. Im Bankkreis sitzt man um die beiden Performer, die sich während der ca. 45-minütigen Performance mehrmals annähern und abstoßen, sich angrinsen oder panisch betrachten, das Publikum betrachten. Das Publikum selbst kann sich durch die Sitzanordnung ebenso im Auge behalten wie die Performer, während man sich fragt: Was sind Heimatgefühle, wenn man sie durchdekliniert?

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„AfD-Ficken“: Die Performance von Knife Knightbusch & Lores versteigert im Acker Stadt Palast einen rechten Redner zum Frustabbau ans Publikum.

Kopulation als Konfliktlösung – so wie die Bonobo-Affen soziale Spannungen im Sex entladen, möchten Knife Knightbusch & Lores dem Publikum einen AfD-Redner zum eigenen Frustabbau in einer öffentlichen Auktion anbieten. Die Performance „AfD-Ficken“ eröffnet damit die Reihe behaupten.wagen, die Diskurse zur aktuellen Politik anzetteln will. Auch durch provokante Inszenierungen: Denn wer den Zuschlag erhält, darf auf der Bühne mit dem AfDler alles anstellen; Startgebot: 10 Euro. Ist das Ernst gemeint? Wird überhaupt jemand mitbieten? Und was wird dem Schauspieler am Ende angetan?

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„Our true inner self is full of shit.“ In „Privacy“ am HAU spielen De Warme Winkel & Wunderbaum mit den Grenzen der Intimität

Von Felix Krause und David Meiering

Was ist eigentlich das Private?

Das Stück „Privacy“ behandelt die Problematik des Privaten auf mehreren Ebenen, denn Wine Dierickx und Ward Weemhoff spielen nicht nur ein Künstlerpaar, die sich der Öffentlichkeit exponieren, sondern sind laut Programmheft auch in „Wirklichkeit“ ein Paar. Allein diese Konstellation wirft die wesentlichen Fragen des Abends auf, noch bevor er beginnt: Wo verläuft die Grenze zwischen Spiel und Realität? Spielen die beiden sich wirklich selbst? Gibt es so etwas wie „Authentizität auf der Bühne“ überhaupt?

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Der Peter Stein des Underground – „Karamasow“ in den Sophiensaelen

© Arwed Messmer

Natürlich ist Thorsten Lensing nicht wie Peter Stein. Und natürlich sind die Sophiensaele in Berlin auch kein Underground. Trotzdem gingen meiner Begleitung und mir an diesem Sonntagabend im Dezember die Fragen nicht aus dem Kopf: Wer ist denn dieser Regisseur, dessen sechs Aufführungen in den Sophiensaelen binnen kürzester Zeit so ausverkauft waren, dass unsere beiden Eintrittskarten uns regelrecht euphorisierten? Was macht denn dieser Regisseur, so dass sich regelmäßig ein imposantes Aufgebot von Tatort-Kommissaren und Sprechtheater-Profis verpflichtet, mit ihm und seinen Stückbearbeitungen durch die Halb-Off-Koproduktionsstätten des deutschsprachigen Raums zu touren? Und wer ist denn diese eingeschworene Fangemeinde, die sich schon Wochen vorher um Karten bemüht?

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Blutiger Schwank statt Rechtfertigungstheater – „Vorhaut“ im Ballhaus Naunynstraße

Das Ballhaus Naunynstraße geht mit Vorhaut so boulevardesk in die Offensive wie lange nicht mehr: Der Angriff gilt der Mehrheitsgesellschaft und den Debatten, die sie produziert und in denen sie das Wort führen will. Der Debatte, die 2012 in Deutschland um ein Verbot religiöser Beschneidungen von minderjährigen Jungen entfacht wurde und dabei von Anfang an eine Steilvorlage für antimuslimisches und antisemitisches Ressentiment bot, wird sich in Vorhaut unter brüllendem Lachen verweigert. Unter der Regie von Miraz Bezar wird stattdessen die deutsche Geburtsstation mit besoffenem Personal zur Kulisse für ein kunstblutiges Kalauerfest. Weiterlesen

Ich feier meine Freunde. Ich feier die hart. – «Société des amis. Tindermatch im Oderbruch» im Ballhaus Ost

© Hannah Dörr

Schade, jetzt ist es schon vorbei. Am vergangenen Wochenende zeigten sechs Freunde ihre Version der Fünf Freunde, frei nach den Abenteuergeschichten von Enid Blyton.

„So jugendlich!“ ist so ein Satz, der mir am Wochenende immer wieder in den Kopf kam, dachte ich zurück an den Donnerstagabend, an die Premiere von „Société des amis. Tindermatch im Oderbruch“ im Ballhaus Ost. Jugendlich nicht nur die Stimmung des Abends, jugendlich auch das Konzept.
Jan Koslowski hat zusammen mit fünf seiner Freunde eine eigenwillige Interpretation der berühmten Fünf Freunde von Enid Blyton vorgelegt. (Wobei hier die zahlreichen an der Produktion beteiligten Freunde, die im Anschluss an die Vorstellung zum Verbeugen auftraten, unterschlagen sind!) Jan führte Regie, für die Dramaturgie zeichnete Nele Stuhler verantwortlich. Die Texte wurden kollektiv im Ensemble entwickelt, sie erzählen von Freundschaft, Gemeinschaft und Abenteuer. Der Enid Blyton-Sprech wird darin aufgegriffen (klar!), sowie diverse Termini des Denkers Michel Foucault (auch: klar!), vor allem aus dessen Überlegungen „Von der Freundschaft als Lebensweise„. Wie passend, dass ich mir vorgenommen habe, als eine Freundin des Produktionsteams von dem Stück zu berichten. Kein einfaches Setting, denn so inspiriert ich mich dazu fühle, so befangen bin ich, natürlich. Freundschaften sind empfindliche Strukturen, das zeigt auch dieser Abend.

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Verträumte Architekten im Neonlicht – „Subway to Heaven“ von Torsten Holzapfel und Martin Clausen im Theater Thikwa

Ein Artikel von Gesche Beyer

Torsten Holzapfel steht vorm Spiegel. Fletscht die Zähne. Grinst. Zieht die Mundwinkel herunter, sodass sich sein Gesicht in eine Trauermiene verwandelt. Dann lehnt er sich weit nach vorne, ist seinem Spiegelbild nun ganz nah – so nah, dass er etwas zwischen seinen Zähnen entdeckt. Prompt streckt er die Hand aus, um es zu beseitigen. Oder ist es Martin Clausen, der sich in diese lautlose Kommunikation mit seinem dreidimensionalen Spiegelbild vertieft? – Wer genau uns (und sich selbst) hier eigentlich gegenübersteht, ist nicht eindeutig zu bestimmen. Denn in Subway to Heaven, der neuen Inszenierung Gerd Hartmanns am Theater Thikwa, verschmelzen die beiden Performer in einem wunderbar abgestimmten, fröhlich-heiteren und doch von melancholischen Klängen durchzogenen Spiel miteinander; „Ich bin Martin Holzapfel!“, „Mein Name ist Torsten Clausen Holzapfel!“ – So und in weiteren ähnlichen Variationen stellen sie sich dem Publikum vor.

Die schlimme Kindheit in der Besenkammer Weiterlesen

Kimimiz! Tehata is langweilich aussa is von uns! – Die politische Manifestation der Neuköllner Avantgarde

Kombiniere Feminismus at its best, musikalische und schauspielerische Glanzleistungen, politisches Engagement gegen Polizei- und Staatswillkür, Elemente des  X-Wohnungen Konzepts mit einer durch und durch charmanten Entschlossenheit, die in dieser Form vielleicht nur 8-12 jährigen, unfassbar coolen Mädchen zu eigen ist.

Kimimiz! Tehata is langweilich aussa is von uns!, ein Projekt des Schilleria Mädchencafés und der Künstlerinnen Vera Buhß, Ada Labahn und Katrina Martinez Marrupe überzeugt in jeder Hinsicht. Weiterlesen