Sehen und gesehen werden: „Who’s there“ von Monster Truck in den Sophiensälen

Jedem Theater sein Festival, so scheint es beinahe. Mit „Strange Magic“ klinken sich die Sophiensaele in den Berliner Festival-Herbst ein, und stellen die Frage nach der illusionären Kraft des Theaters. Theater als Zauberkasten, oder als sichtbar gewordenes Technik-Knowhow? Wollen wir das überhaupt so genau wissen? „Strange Magic“ ist als inhaltliche Klammer zu sehen für Performances verschiedener Façon, einen hermetischen Garten sowie eine Magic Lounge inklusive.

Mit der Performance „Who’s there“ bildet das in Gießen gegründete Kollektiv Monster Truck den sehenswerten Ausklang des Festivals. Auf raffinierte Weise werden darin die Karten zwischen beobachten und beobachtet werden neu gemischt. Mehr wird an dieser Stelle nicht verraten – es ist magic. Und strange.

Das Festival „Strange Magic“ läuft noch bis zum 27. November.
Achtung: „Who’s there“ hat gestaffelten Einlass zwischen 18 und 22 Uhr. Vorherige Anmeldung empfiehlt sich.

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Ich bin im Himmel und ich bin allein! – “4:3″ zum Abschluss des No Limits-Festivals

Foto: Only The Best

Das Theaterkollektiv Tibaldus en andere hoeren (dt. Tibaldus und andere Huren) und das Theater Stap aus Belgien zeigten „4:3“ zum Abschluss des No Limits-Festivals

Muttergott trägt Gesundheitsschuhe, Bundfaltenhose und einen Wollpulli mit Teddybär drauf. Schwer atmend steht Nancy Schellekens auf der Bühne. Sie ist „Muttergott“, die Übermutter, Mutter aller Menschen. Eine dicke, kleine Spießerin mit Fransenhaar, Lesebrille, Ohrring-Plunder und Plastikdiadem. „Ich bin im Himmel und ich bin allein“ sagt sie und keucht. Weiterlesen

Zum Abschuss freigegeben – Theater Thikwa mit „Vogelfrei“ beim NO LIMITS

Foto David Baltzer

Aus dem Off eine Stimme. Sie gibt Feldpositionen vor: „3B“, „5A“, „2 grün“, „9A“, „-3“. Bestimmend führt sie ihre Spielfiguren und gibt die Bewegungen vor. Höhnisch lacht sie über die Figuren, wird herrisch, sobald sie das Kommando über die Gruppe zu verlieren scheint: „RUHE!“ Kurze Stille tritt ein, bis aus der Gruppe jemand beginnt mit dem Hocker über das graue Karree der Bühne zu rutschen und die anderen ihm folgen. Weiterlesen

Im Meskalinrausch von Agathe Chions „Ich liebe dich, du teure Freiheit“

Foto Michael Bause

Ohne irgendwie das Bedürfnis zu verspüren, Agathe Chions „Ich liebe dich, du teure Freiheit!“ intellektualisieren zu wollen, gar zu müssen, fiel im kurzen Plausch mit Musiker Sébastien Alazet (deluxe!) der Name William Blake. Eigentlich benötigte ich dringend Hilfestellung, die Musik zu beschreiben. Gib mir ein Genre! Ich bekam Blake. Aber beginnen wir von vorne. Weiterlesen

NO LIMITS – Internationales Theaterfestival. Ein Porträt.

Foto: DenisDarzacq

In unregelmäßigen Abständen werden hier vereinzelte Beiträge zum NO LIMITS-Festival erscheinen. Die volle Ladung an Berichterstattung findet ihr auf dem offiziellen NO LIMITS-Blog. Zwei mitschreibende Unruhe-Autoren erdreisten sich und stellen hier gleichzeitig ihre unzensierten, unredigierten Artikel online.

NO LIMITS – Ein Porträt

Das internationale Theaterfestival NO LIMITS mit Künstler_innen mit und ohne Behinderung ist gestern in die sechste Runde gegangen. Seit 2005 findet das Festival alle zwei Jahre statt. Das Ziel? „Uns abzuschaffen.“ Sagt der Festivalleiter Andreas Meder gebetsmühlenartig seit 1997, dem Beginn seiner Arbeit im Feld integrativer Theaterfestivals. Sein Augenzwinkern nicht zu vergessen, da es ein beliebtes und oft das einzige Zitat sei, dass es in eine Berichterstattung schafft. Weiterlesen

Mama said: Don’t stop the Dance!

The bleak shotcrete interior of a typical late sixties West German church provides the setting for New York choreographer Trajal Harrell’s piece Judson Church is Ringing in Harlem (Made-to-Measure)/Twenty looks or Paris is Burning at the Judson Church (M2M), most definitively one of the highlights of this year’s Tanz im August program. The former place of worship doesn’t just allow an absolute focus on the three performers, it also alludes to the historical role of Judson Church.  In the Sixties this congregation as well as art space in Greenwich Village opened up its doors to artists from various genres, offering them a space for their art and freeing them from financial and/or political constraints. The resulting Judson Dance Theatre turned into the cradle of post-modern dance, with contributions by dance icons such as Trisha Brown, Lucinda Childs, Steve Paxton and Yvonne Rainer. Ever since its first performance in 1962 the company played a major role in revolutionizing the world of dance.

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Foreign Affairs (V) – FC Bergmann ist FA-Meister! Jetzt: „300el x50el x30el“ und Rodrigo Garcías „Gólgota Picnic“ in der Analyse.

„Wir wollen Projekte machen über Menschen, die sich bemühen ihr Leben zu gestalten, und immer wieder scheitern.“ [1]

Das Projekt, das aus diesem Satz entstand, ist 300el x50el x30el von einer Theatergruppe aus Antwerpen, deren Name es sich zu merken gilt: FC Bergman.
FC, weil ihnen die Idee eines Clubs, indem Menschen gemeinsam etwas unternehmen, gefiel und zugleich den nach eigenen Aussagen „naiven Gedanken“ eines Kollektivs aus Gleichberechtigten verwirft, da man immer „als Company“ endet, „in der jeder ihre oder seine Rolle hat.“ [1]
Bergmann, weil es Ingmar gab und Film einen großen Einfluss nimmt auf die Company, die auf den Gipfel des Berges strebt, um einen besseren Blick auf die Welt zu haben. Weiterlesen

Foreign Affairs (IV) – andcompany&Cos „Black Bismarck previsited“ als ein Lehrstück für Brett Baileys „Medeia“

Mit Black Bismarck previsited stellte andcompany&Co  im Rahmen der Foreign Affairs den ersten Zwischenstand ihrer für 2013 geplanten Produktion im HAU vor. Das Zwischenresultat, das präsentiert wurde, macht viel Lust auf mehr. Das Lecture Konzert im Haus der Berliner Festspiele wurde dabei als Konferenz gesettet und Alexander Karschina macht gleich klar in welche Richtung geblickt wird. Recherchiert wurde nicht in Afrika, recherchiert wurde hier. Hier, wo die Berliner Konferenz im Winter 1884/85 unter Otto von Bismarck mit Weltmachtfreunden stattfand, um mal schnell Nägel mit Köpfen zu machen und willkürlich gerade Linien durch Afrika zu ziehen – so wie sie bis heute bestehen. Weiterlesen

Foreign Affairs (III) – Über erlebte und ferngesehene Traumata in Ullerup Schmidts „Schützen“ und Ómarsdóttir „We saw Monsters“

Wie eine Tigerin schleicht die dänische Performancekünstlerin und Choreografin Cecilie Ullerup Schmidt  auf zwei Beinen durch den Hochzeitssaal der Sophiensaele. Ganz in Weiß gekleidet gleicht sie mit ihren blonden Haaren und strahlender Aura einem Engel, der uns mit sanfter Stimme begrüßt und auf freundlich einschmeichelnde Art einführt in den ersten Teil ihres Langzeitprojekts Schützen.  Die dreiaktige Struktur legt sie uns offen dar, als wolle sie uns vor dem grausamen Alltag des Kriegsgeschehens schützen . Was sie erzählt, soll hier hinten angestellt werden, denn viel dringlicher ist das Wie, welches auf sonderbare Weise erst eine Reflexion zulässt und somit in ihrer Wirkung jegliche mediale Berichterstattung über militärische Ausbildungsmethoden, Drohnenangriffe und traumatisierte Soldaten überdauert. Eine Zeitung wird weggelegt, ein Fernseher ausgeschaltet und die Erinnerung verliert das Interesse am Sich-Erinnern. Ullerup Schmidt schleicht sich in unsere Köpfe ein und kurz bevor wir sie wahrnehmen, sind wir ihr auch schon erlegen. Weiterlesen

Foreign Affairs (II) – Boris Charmatz‘ „Enfant“ vs. Markus Öhrns/Institutet/Nya Rampens „We love Africa and Africa loves us“

Vor uns ein schwarzes Loch. Wir blicken tief hinein, wissen aber nicht wie tief. Neugierde macht sich in mir breit. Was wohl gleich in diesem Nichts entstehen wird? Über die Köpfe der Zuschauer arbeitet sich ein Licht nach vor ins Schwarz. Mein Blick schweift über die gelblich erleuchteten Köpfe und bleibt am Kran auf der Bühne hängen. Er bewegt sich. Ein Seil gibt ihm die Richtung vor. Er schwenkt nach rechts. Das Seil ist gespannt. Plötzlich ein Klacken, das Seil erschlafft und der Kran rotiert zurück. Langsam wird das Seil wieder gespannt. Ein Surren dringt immer klarer an mein Ohr. Es ist ein Gewinde. Es ist der Kran, der über das Seil bestimmt, nicht anders rum. Er rollt es auf, immer schneller und durch den Theaterraum hallt ein metallisches Schlagen, sobald sich das Seil aus der nächsten Verankerung löst. Immer und immer wieder reißt sich das Seil los und knallt gegen die Holz-, Metall- und Betonfassade des Bühnenraums bis am Ende des Seils ein lebloser Körper auf die Bühne gezogen wird. Bald hängen zwei leblose Körper kopfüber am Kran und werden spielerisch hoch und runter gefahren. Alles funktioniert wie am Schnürchen Weiterlesen