Im Meskalinrausch von Agathe Chions „Ich liebe dich, du teure Freiheit“

Foto Michael Bause

Ohne irgendwie das Bedürfnis zu verspüren, Agathe Chions „Ich liebe dich, du teure Freiheit!“ intellektualisieren zu wollen, gar zu müssen, fiel im kurzen Plausch mit Musiker Sébastien Alazet (deluxe!) der Name William Blake. Eigentlich benötigte ich dringend Hilfestellung, die Musik zu beschreiben. Gib mir ein Genre! Ich bekam Blake. Aber beginnen wir von vorne. Weiterlesen

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Ich-setz-mich-mit-Nazis-auf-die-Couch-Theater: Mikats „Unter drei“ im Ballhaus Ost

Für „Unter drei – Beate, Uwe und Uwe“ bedient sich Regisseurin Mareike Mikat steinbruchhaft am Text „Weißes Mäuschen, warme Pistole“ von der Jungdramatikerin Olivia Wenzel, die vor Kurzem erst bei der Langen Nacht der Autoren der DT-Autorentheatertage mit „exzess, mein liebling“ vertreten war.
Unter drei im Ballhaus Ost rückt die Neo-Nazis des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) in den Fokus und tut gut daran, jene Perspektive auch zu verlassen. Weiterlesen

Schaumstoff-Exotik: „Die Schönen und die Schmutzigen“ von „Das Helmi“ im Ballhaus Ost. Ein Nachruf.

Die Puppenspielgruppe „Das Helmi“ ist spätestens seit Nicolas Stemanns „Faust I und II“ 2011 der Theaterszene ein Begriff. Was Brian Morrow, Emir Tebatebai, Florian und Felix Loyke dabei vor allem auszeichnet: Sie treten als Akteure gemeinsam mit den Puppen auf, sie schustern diese – ganz offensichtlich nicht für die Ewigkeit- aus Müllresten zusammen und es gibt kein Thema, vor dem sie zurückschrecken. Was dabei rauskommt, ist im Falle von „Die Schönen und die Schmutzigen“ im Ballhaus Ost weder Kinder- noch Erwachsenentheater, sondern eher Theater für Infantile jeden Alters (was ja zunächst einmal vielversprechend klingen sollte!).

Jeremy, ein dürrer Roma-Junge aus Schaumstoff, wird vom Jugendamt mitgenommen, nachdem er einen Späti ausgeraubt hat. Weiterlesen

Spurensuche im Abwasser: „V“ im Ballhaus Ost

Von einer erhöhten Tribüne aus schaut man auf eine mit Plastikfolie und Neonröhren ausgelegte Bühne, drei mal so breit wie tief. Das Ballhaus Ost scheint dadurch in eine Sportarena verwandelt. Und es findet tatsächlich ein Langstreckenlauf über knapp vier Stunden statt, in welchem Regisseur Daniel Schrader versucht, der Breite und den vielen Nebenschauplätzen von V., Thomas Pynchons Debütroman, gerecht zu werden.

Die Vorteile eines Romans bestehen zuallerst darin, endlos Material schichten und Handlungen gleichzeitig stattfinden lassen zu können, ohne dabei chronologisch vorgehen zu müssen. Mit der Bühne wurde hierauf eine plausible Antwort gefunden. Weiterlesen

Eine Frage des Schätzens: „Zusammenstoß“ im Ballhaus Ost

Man mag es als ungerecht empfinden, eine Aufführung auf ihren Entstehungsgrund zu befragen, nur weil das realisierte Stück der klassischen Avantgarde zuzurechnen ist. In Anbetracht der weitgehend konventionellen Spielpläne der großen Theater kommen schließlich auch wenige auf die Idee, der verwendeten Literatur ihre Geschichtlichkeit zum Vorwurf zu machen – dabei wäre sie vielleicht manchen Fällen angebracht. Auf der anderen Seite provoziert natürlich der Name Kurt Schwitters die Assoziation mit der schon lange mythologisierten Revolution in der Berliner Kunst der Zwischenkriegszeit, das sich gerade im Falle DADA den Widerstand gegen jeglichen Kanon, gegen überhistorische Geltungs- und Sinnansprüche im Allgemeinen auf die Fahnen geschrieben hatte.

Auf den ersten Blick legitimiert und beantwortet sich die Frage also von selbst: die Avantgarde lässt sich nicht wiederholen. Weiterlesen

Foreign Affairs (II) – Boris Charmatz‘ „Enfant“ vs. Markus Öhrns/Institutet/Nya Rampens „We love Africa and Africa loves us“

Vor uns ein schwarzes Loch. Wir blicken tief hinein, wissen aber nicht wie tief. Neugierde macht sich in mir breit. Was wohl gleich in diesem Nichts entstehen wird? Über die Köpfe der Zuschauer arbeitet sich ein Licht nach vor ins Schwarz. Mein Blick schweift über die gelblich erleuchteten Köpfe und bleibt am Kran auf der Bühne hängen. Er bewegt sich. Ein Seil gibt ihm die Richtung vor. Er schwenkt nach rechts. Das Seil ist gespannt. Plötzlich ein Klacken, das Seil erschlafft und der Kran rotiert zurück. Langsam wird das Seil wieder gespannt. Ein Surren dringt immer klarer an mein Ohr. Es ist ein Gewinde. Es ist der Kran, der über das Seil bestimmt, nicht anders rum. Er rollt es auf, immer schneller und durch den Theaterraum hallt ein metallisches Schlagen, sobald sich das Seil aus der nächsten Verankerung löst. Immer und immer wieder reißt sich das Seil los und knallt gegen die Holz-, Metall- und Betonfassade des Bühnenraums bis am Ende des Seils ein lebloser Körper auf die Bühne gezogen wird. Bald hängen zwei leblose Körper kopfüber am Kran und werden spielerisch hoch und runter gefahren. Alles funktioniert wie am Schnürchen Weiterlesen