Wo sind die Roboter? – L’OdYSSÉE von hotairproduction im Ballhaus Ost

Heute gehe ich mit meiner Lieblingsmaschine ins Theater. Wir hatten lange keine Zeit mehr zu zweit, aber die Vorschau verspricht Roboter als Darsteller und Musiker.

In der S-Bahn sitzt sie auf meinem Schoß und ich streichele sie zärtlich, während sie mir weiter vorliest: Maschinen auf der Suche nach ihrem Ursprung. (…) Roboter leiden, lieben und kämpfen mit den Göttern. (…) Kann ein Stück ohne Schauspieler die Aufmerksamkeit der Zuschauer gewinnen und emotionale Reaktionen hervorrufen?

Im Ballhaus Ost werden wir in eine Kunstgalerie geleitet. Es hängen schwarze Bilder an den Wänden, an kleinen Tischen bekommt man von einer Dame in griechischer Tracht kostenlos Wein ausgeschenkt, ein Staubsauger-Roboter fährt eine weiße Gips-Skulptur durch die Gegend. Der Roboter spricht verzerrtes Deutsch, Englisch und Französisch:

Wir glauben an euch, die ihr uns Leben eingehaucht habt.

Als er an einem Kabel hängen bleibt, steht ein verlotterter Typ im goldenen Mantel aus einem Sessel auf und schlurft der Maschine zur Hilfe. Dann betrachtet er der die schwarzen Bilder eingehend. Hm… sagt der Typ, der einen prima Jesus von Nazareth abgeben würde oder den Dude aus The Big Lebowski, aber wo ist da der Unterschied, denke ich, beide sind Auserwählte, die mit der Welt wie sie eingerichtet ist, mächtig Probleme bekommen. Und beide sind Amerikaner, was man so hört.  Weiterlesen

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Bewegung in der Freien Szene: Tag 2 der Nachwuchsplattform beim Performing Arts Festival

Nach dem heutigen Auftakt geht es morgen mit der Nachwuchsplattform auf dem Performing Arts Festival weiter.

Auch am zweiten Tag des Festivals bespielt der Nachwuchs die größeren Häuser der Freien Szene Berlins: Wer möglichst überall hineinschnuppern will, kann zwischen den Sophiensælen, dem Ballhaus Ost und dem HAU pendeln. Es bleibt so divers wie schon am ersten Tag: Installationen, Vorträge, musikalische Performances und Tanz stehen zur Auswahl. Weiterlesen

Performing Arts Festival Berlin: 6 Tage lang 279 x Freie Szene – followed by Unruhe im Oberrang

Am Montag, den 23.5. geht’s los: Das größte Festival der Freien Szene Berlins startet mit über 120 Produktionen in 279 Veranstaltungen. „Festival der Superlative“ schwärmt die taz.

Unruhe im Oberrang goes Festival!

Wir finden: Das ist ein angemessener Rahmen für die Vielfalt der Berliner Freie Szene. Deshalb ist Unruhe im Oberrang dieses Jahr Medienpartner und Unterstützerin des Festivals. Wir helfen den neugierigen Besucher_innen mit Infos&Tipps und begleiten kritisch das Festivalprogramm mit Tagesvorschauen, Kommentaren, Kurzkritiken auf Facebook und Twitter.

Schon die Spielorte des Festivals sind eine Attraktion: Von der Willner-Brauerei bis zur Studiobühne Alte Feuerwache gibt’s Kiezatmosphäre zu schnüffeln. Selten öffnen mit über 50 Spielorten so viele Kunsträume ihre Türen, um die Arbeits- und Lebenswelten Berliner Künstler_innen zu zeigen. Sogar in eine Privatwohnung im Prenzlberg werden die Besucher_innen gelockt. Alle Spielstätten finden sich hier.

Wo soll ich bloß anfangen?

Gäbe es das Programm mit Ankündigungstexten als Buch, ließen sich damit Ratten erschlagen, so breit und vielfältig ist die Auswahl an Veranstaltungen. Auf der PAF-Website findet Ihr hier das Programm. Um damit fertig zu werden und Orientierung zu bieten, veröffentlichen wir jeden Tag Vorschauen auf die spannendsten Events des folgenden Tags. Wichtig zu wissen ist außerdem: Das Festival besteht aus drei Teilen:

1. Der Nachwuchsplattform vom 23. bis 25. Mai.
2. Dem rauschenden Festivalfest am Donnerstag, den 26. Mai.
3. Dem extravaganten Hauptteil, der auch für internationales Publikum geeignet ist, vom 27. bis 29. Mai.

Das heißt also, während der ersten drei Tage kann sich jede_r langsam ans Festivalhoppen herantasten, um dann am Donnerstag wild zu feiern und sich dann mit dem Wochenendprogramm von morgens bis abends den Rest zu geben.

Was passiert morgen?

Hauptspielstätten der Nachwuchsplattform vom 23.-25. Mai sind der Theaterdiscounter, das Ballhaus Ost und das HAU2. Also ab ins Zentrum! Schon am ersten Abend wird das ganze Spektrum präsentiert: Tanz, Solotheater, Publikumsbeteiligung – alles dabei.

1. In Admission to a new reality – Eintritt in eine neue Realität experimentieren die Zeitbanditen* and friends mit Intimität, auf und vor der Bühne des Ballhaus Ost (19 Uhr). Die Frage des Abends: Was könnte ein Glaube sein jenseits von Religion?

2. Oder lieber doch in den Theaterdiscounter? Hier erforschen Sunia Asbach und Darko Radosavljev in Federn lassen choreographisch Bewegungsqualitäten und – dynamiken: Auch hier geht’s um Intimität, aber auch um Sperrigkeit. Eine Performance mit einer ehemaligen Matratze (auch 19 Uhr).

3. Danach schnell, schnell weiter. Um 21 Uhr wagt sich Lois Bartel mit Unordentliche(n) Verhältnisse(n) in beunruhigend chaotische Hörwelten im Theaterdiscounter. In der Doppelvorstellung wirft Felix Lüke in Unser Herr Kießling oder: Gedanken zur Situation Deutschlands mit Lokalkolorit um sich. Er nimmt die Perspektive eines Berliner Politikers ein, woraus eine Stadtrundfahrt der besonderen Art entsteht. Hier der spaßige Trailer.

4. Im HAU 2 hagelt’s um 21 Uhr Sozialkritik – oder doch schon wieder Kunstkritik …? In Das Stück mit der Zweckmäßigkeitsfrage stellt ScriptedReality sich der Fragen von Zweck oder Zwecklosigkeit von Kunst im Kontext von ökonomischer Krise.

5. Um 23 Uhr gibt’s im Theaterdiscounter dann die Mitternachtssuppe. Also auch dafür ist gesorgt.

Wie komm ich an Karten?

Tickets für zahlreiche Veranstaltungen des Performing Arts Festival können über Reservix online gebucht werden. Die Ticketlinks hierfür finden sich bei den jeweiligen Veranstaltungen im Programm. Aber: Für einige wenige Veranstaltungen des Performing Arts Festival ist der Ticketkauf nur direkt über die Veranstaltungsorte/Gruppen möglich. Schaut also ins Programm. Am Wochenende lohnt es sich viel zu gucken: Beim Kauf von 3 Tickets gibt’s einen Rabatt von 10 % auf den Gesamtpreis, beim Kauf von 10 Tickets sogar einen Rabatt von 20%.

Wir wünschen ganz viel Spaß beim Festival!

Eure Unruhe Im Oberrang

Perfoming Arts Festival followed and powered by Unruhe:
Facebook: https://www.facebook.com/PerformingArtsFestivalBerlin/?fref=ts
Twitter: https://twitter.com/PAFBerlin (@PAFBERLIN, #PAFBerlin)
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Wilmersdorf! Und Kreuzberg, Neukölln, Mitte, Prenzlauer Berg und Schöneweide! Unsere Mai-VORSCHAU zeichnet ein Berliner Theater-Streckennetz.

Der Mai ist für die deutschsprachige Theaterlandschaft, was der Dezember für die Dienstleistenden der Weihnachtsmarktbranche ist: Man trifft sich, man misst sich, man tauscht sich aus. Dies geschieht vor allem im tiefen Westen der Stadt, beim Theatertreffen der Berliner Festspiele. Unser Autor Janis El-Bira berichtet als rasender Reporter des Theatertreffen-Blogs übrigens live über die Geschehnisse desselben.

Abgesehen von diesem Tête-à-Tête der Großen – oder der vermeintlich Großen – des Theaters haben wir einige Produktionen aufgetan, die es attraktiv machen, diesen Monat nicht dauernd in die U-Bahn zur Spichernstraße, zum Haus der Berliner Festspiele, zu steigen, sondern eben auch mal in die U8, die U2, die U6 oder die U7.  Weiterlesen

Von Revolution, Kunst und Geflügel – „Große Vögel, kleine Vögel“ im Ballhaus Ost

Sein Bart ist längst nicht so schön buschig und weichkantig wie der des Originals. Beim Karl-Marx-Doppelgänger, der gegen Ende dieses Abends als Videoprojektion erscheint, wirkt das Haar eher wie mit der Heckenschere gestutzt, zerzaust und in Zacken abstehend. Ein ordentlich abgerockter Theorie-Saurier ist das und seine etwas fahrig dahingesprochenen Sätze klingen wie müde Durchhalteparolen aus der Eckkneipe: Der Sozialismus habe zwar versagt, aber der Kapitalismus sei doch längst genauso am Ende. Zweifelhafte Hoffnung auf Besserung wird beschworen, denn „nur zwölf Stunden hat die Nacht, danach kommt schon der Tag.“ Dass dieser Rechnung zufolge dem Licht ebenfalls nur zwölf magere Stunden beschieden sind, bevor die Dunkelheit es verlässlich wieder einholt, bleibt dabei ungesagt, aber unüberhörbar im Raum stehen. Weiterlesen

Ich feier meine Freunde. Ich feier die hart. – «Société des amis. Tindermatch im Oderbruch» im Ballhaus Ost

© Hannah Dörr

Schade, jetzt ist es schon vorbei. Am vergangenen Wochenende zeigten sechs Freunde ihre Version der Fünf Freunde, frei nach den Abenteuergeschichten von Enid Blyton.

„So jugendlich!“ ist so ein Satz, der mir am Wochenende immer wieder in den Kopf kam, dachte ich zurück an den Donnerstagabend, an die Premiere von „Société des amis. Tindermatch im Oderbruch“ im Ballhaus Ost. Jugendlich nicht nur die Stimmung des Abends, jugendlich auch das Konzept.
Jan Koslowski hat zusammen mit fünf seiner Freunde eine eigenwillige Interpretation der berühmten Fünf Freunde von Enid Blyton vorgelegt. (Wobei hier die zahlreichen an der Produktion beteiligten Freunde, die im Anschluss an die Vorstellung zum Verbeugen auftraten, unterschlagen sind!) Jan führte Regie, für die Dramaturgie zeichnete Nele Stuhler verantwortlich. Die Texte wurden kollektiv im Ensemble entwickelt, sie erzählen von Freundschaft, Gemeinschaft und Abenteuer. Der Enid Blyton-Sprech wird darin aufgegriffen (klar!), sowie diverse Termini des Denkers Michel Foucault (auch: klar!), vor allem aus dessen Überlegungen „Von der Freundschaft als Lebensweise„. Wie passend, dass ich mir vorgenommen habe, als eine Freundin des Produktionsteams von dem Stück zu berichten. Kein einfaches Setting, denn so inspiriert ich mich dazu fühle, so befangen bin ich, natürlich. Freundschaften sind empfindliche Strukturen, das zeigt auch dieser Abend.

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Die große Gamifizierung – „Das Spiel des Lebens“ von Prinzip Gonzo und dem Ballhaus Ost

Prinzip Gonzo haben das bekannte Brettspiel „Spiel des Lebens“ aus den 80er Jahren für die ganz große gamifizierte Bühne adaptiert und modifiziert. In den Rathenau-Hallen in Schöneweide erstreckt sich auf zwei Etagen ein interdisziplinäres Erlebnis aus Installation, Performance und Live-Rollenspiel. Ein Abenteuerspielplatz aus 18 Räumen, bespielt von 25 Performer_Innen; für bis zu 60 Mitspieler_Innen am Tag. Die Performer_Innen steuern ihre lebenden Spielfiguren mit Smartphones und dem persönlichen QR-Code, der jedem_r Besucher_In zu Beginn auf einer Karte ausgehändigt wird. In jedem Raum werden Lebensentscheidungen getroffen: Studieren oder Ausbildung? Arbeiten oder Urlaub? Kunstkurs oder Fitnessstudio? An der Bar versacken oder Kinder zeugen? Ins Gefängnis wandern oder in die Chefetage? Speeddating + Hochzeit oder doch lieber alleine durchs Leben? Jede Entscheidung ordnet das Ranking neu, das aussagt, wer das schönste Leben hat. Den Wert des eigenen Lebens kann man jederzeit auf der Skala auf einem Flachbildschirm überprüfen. Weiterlesen

„Weißte noch … damals?“ – „Ostern in Kunovice“ im Ballhaus Ost

Foto von Franziska Dick und Cathrin Romeis

von Lukas Gmeiner und Nina Heitele.

Der große Saal des Ballhaus Ost: Eine Dunkelkammer. Stimmen aus dem Off. Ein blitzhaftes Flackern erleuchtet das Terrarium: Die Landschaft Mährens in Miniaturformat (oder ist es doch ein Aquarium, symbolisch für das Schwimmen in der Erinnerung?). Ein Modeschaukasten mit Kleidern aus der Jugendzeit. Auf dem Boden liegt ein weißerleuchteter Rahmen für Röntgenaufnahmen, wie man ihn aus einem Arztzimmer kennt. Doch in „Ostern in Kunovice“ geht es nicht um gebrochene Knochen, sondern um ein kleines, wiedergefundenes Fotonegativ. Die zwei Akteurinnen (Franziska Dick und Cathrin Romeis) halten es in der Hand und versuchen es mit Augen wie Schlitzen zu durchdringen. Was sehen sie und woran erinnert sie das Gesehene? Weiterlesen

Ich will befingert werden – „Les experts d’Internet“ im Ballhaus Ost

(Dieser Text ist viel zu lang für einen Online-Text! Langer Rede kurzer Sinn ganz unten.)

„Wir spielen heute für Sie „Die Internetexperten“ von Bertold Brecht.“

Ein Knaller ist das ja nicht, wenn ein postdramatisches Theatergrüppchen sich an Brecht orientiert. Zuschauer als Angeschauter, Wahrnehmen als Wahrzunehmendes – nix Neues. Das Publikum lacht trotzdem – Internet und Brecht, also bitte… Weiterlesen

Persönlicher Einsatz: ‚Hieu. Liebe deine Eltern‘ im Ballhaus Ost

Ich stelle mir vor, mein Vorname hätte eine Bedeutung. Ich stelle mir vor, er bedeutet: Dankbarkeit, oder genauer: Dankbarkeit gegenüber den Eltern. Wann immer jemand meinen Namen ausspräche, meine Eltern wären mit angesprochen. Meine Eltern wären dann immer bei mir. So geht es Hoang Duc Hieu, dem Performer eines sehr persönlichen Stückes, das am 5. Dezember in der dritten Etage des Ballhaus Ost Premiere hatte. Seine Eltern wollten ihn eigentlich Binh nennen, das bedeutet auf vietnamesisch Frieden, erklärt Hieu zu Beginn des Stückes. Doch sein Vater habe eingewendet, das Leben von jemandem, der Binh heißt, verlaufe so: Er zeichnet mit dem Finger eine flache horizontale Linie in die Luft. Weiterlesen