Erinnerung dekolonisieren – die performative Stadtführung „Dauerkolonie Berlin“ vom Ballhaus Naunynstraße

© Wagner Carvalho

Als ich heute Vormittag bei Edeka in meinem Kiez einkaufen ging, fiel mir wieder ein, wofür die Buchstaben der gelb-blauen Supermarktkette stehen: Einkaufsgenossenschaft der Kolonialwarenhändler. Die Spuren deutscher Kolonialgeschichte sind im Berliner Stadtraum manifest: Sie zeigen sich in Straßennamen, im „Afrikanischen Viertel“ im Wedding, in Humboldt-Forum und –Box und in der Sarotti-Schokolade.

Deutschland kontrollierte zwischen 1884 und 1918 weltweit mehr als 10 Kolonien, vor allem in Afrika und in Südostasien. Die verheerende Berliner Konferenz, bei der internationale Großmächte über die Aufteilung des afrikanischen Kontinents entschieden, fand zwischen November 1884 und Februar 1885 in Berlin statt. Das Netz von Landesgrenzen, das im Rahmen dieser Konferenz reißbrettartig über dem Kontinent verteilt wurde, ist großenteils bis heute gültig. Weiterlesen

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GEWONNEN! VERLOSUNG: 2 Freikarten für „Vorhaut“ im Ballhaus Naunynstraße!

Zwei Freikarten für „Vorhaut“ gewonnen hat: Myssi. Danke für die Einsendungen!

Und hierum ging’s:

Noch … Tage bis Weihnachten und wir haben das fehlende Geschenk! Und auch an alle, die nicht Weihnachten feiern: Wir verlosen mit Unterstützung des Ballhaus Naunynstraße 2 Freikarten für das Stück „Vorhaut“ am 30.12. 2014 um 20 Uhr.

Was ist zu tun?

Die Teilnahme funktioniert so: Ihr schickt uns bis Samstag, den 20. Dezember um 15 Uhr eine Mail an deroberrangdrehtdurch[at]gmail.com. In die Mail schreibt Ihr 1.) den Namen der Kostümbildnerin des Stücks (Weil Kostümbilder_innen auf Unruhe im Oberrang oft zu kurz kommen) und 2.) einen Nickname (bitte dabei koscher / halal bleiben). Wir verlosen mit Zettel und Hut und geben noch am selben Abend bekannt, wer gewonnen hat.

Was ist das für ein Stück?

„Grottenschlechtes (Post-) Migrantenstadl.“ (Berliner Zeitung)

„Ein sehr lustiger Abend.“ (RBB)

Unruhe im Oberrang findet: „Das Ballhaus Naunynstraße bleibt sich treu“. Und weiter: „Die maßlose Übertreibung mit Clownskostüm und hysterischem Geschrei, der Spaß an vulgären Nahostkonflikt-Witzen gipfelt in einer Kunstblutorgie. Eimerweise klatscht das Blut gegen eine Glaswand, hinter der sich der vermeintliche Kreissaal verbirgt – eine performative Mauerschau im Splatter-Stil, wenn man so will. Das Publikum prustet und juchzt, abwechselnd. Es ließe sich symptomatisch deuten, dass ganz unterschiedlich gelacht wird, mal vorsichtig, mal überdreht, mal unterdrückt.“

Die ausführliche Besprechung des Hits der laufenden Ballhaus-Spielzeit findet sich hier.

Foto: Ute Langkafer / Maifoto

Blutiger Schwank statt Rechtfertigungstheater – „Vorhaut“ im Ballhaus Naunynstraße

Das Ballhaus Naunynstraße geht mit Vorhaut so boulevardesk in die Offensive wie lange nicht mehr: Der Angriff gilt der Mehrheitsgesellschaft und den Debatten, die sie produziert und in denen sie das Wort führen will. Der Debatte, die 2012 in Deutschland um ein Verbot religiöser Beschneidungen von minderjährigen Jungen entfacht wurde und dabei von Anfang an eine Steilvorlage für antimuslimisches und antisemitisches Ressentiment bot, wird sich in Vorhaut unter brüllendem Lachen verweigert. Unter der Regie von Miraz Bezar wird stattdessen die deutsche Geburtsstation mit besoffenem Personal zur Kulisse für ein kunstblutiges Kalauerfest. Weiterlesen

Angst vorm Spiegelbild? „Ich rufe meine Brüder“ im Ballhaus Naunynstraße

Es ist der Tag nach dem Selbstmordanschlag in Stockholm 2010, der jetzt überall im Fernsehen besprochen wird. Amor (Jerry Hoffmann) streift von Paranoia getrieben durch die Stadt, sein Handy in der einen, sein Messer in der anderen Tasche. Von Telefonaten und Erinnerungen heimgesucht ruft er seine „Brüder“ an. Aber wer ist tatsächlich ein Bruder? Was passiert, wenn die Paranoia sich nach innen wendet? Weiterlesen

Schutzraum? Und wenn ja, wie viele? „Schwarz tragen“ im Ballhaus Naunynstraße

„Ich spiele jetzt in so einem Film mit!“ berichtet Joy euphorisch am Küchentisch. Der dauere zwar nur fünf Minuten, aber sie habe sogar Text: „Hilfe! Hilfe!“und „Ich liebe dieses Land!“. Sie solle eine Asylbewerberin spielen. Sie lacht und fragt in die Runde: „Wie kann man das Land lieben, wenn man es gar nicht kennt?“ Nach dem teils gefälligen, teils bitteren Theater-Abend im Ballhaus Naunynstraße , an dem Alltagsrassismus beim Frühstück besprochen wird, lässt sich diese Frage in verschiedene Richtungen wenden, auch in diese: Wie kann man als weiße_r Deutsche_r Berlin lieben, wenn man es gar nicht kennt?

…zumindest nicht aus der Perspektive der Schwarzen WG aus Elisabeth Blonzens „Schwarz tragen“ in der Inszenierung der Filmemacherin Branwen Okpako kennt. Weiterlesen

Braunes Nirwana: „Fahrräder könnten eine Rolle spielen“ im Ballhaus Naunynstraße

„Fahrräder könnten eine Rolle spielen“ soll BKA-Chef Jörg Ziercke 2006 als Ermittlungsergebnis des NSU-Untersuchungsausschusses bekannt gegeben haben. So Mely Kiyaks Notizen, die als Material für die gestrige Uraufführung des neuen Stücks von Marianna Salzmann und Deniz Utlu dienten. Die Zuschauer erwartet aber kein Re-enactment und keine dokumentarisch Besonnenheit, sondern sie werden mit opulent-verspielter Fiktion beschossen, die jäh bricht und Hilfe im Appell sucht.

Die Zuschauer sitzen in schräg in die Ecken gedrückten Rängen und schauen auf ein ovales Bassin mit braunem Matsch. Alle sitzen sie drin, im widerlichen, braunen Matsch: Weiterlesen

„Scheppernde Antworten auf dröhnende Fragen“ im Ballhaus Naunynstraße

Road-Movie, Laufsteg-Model im Loop, Fußball-Doku – Drei Inszenierungen junger Regisseurinnen.

Hunting von Trier“ von Nora Abdel-Maksoud

Zwei junge Schauspielerinnen schreien, posen, grimassieren auf einem offenen Cabriolet und zielen mit Pappknarre auf Lars von Trier, der die beiden filmt und immer abwegigere Anweisungen gibt: Statt Gangster zu geben, sollen sie effiminiert und dümmlich-lasziv in die Kamera fluchen, dabei den Colt in den Mund nehmen. Schließlich fällt aber ein Schuss und Lars von Trier stirbt. Daraufhin fliehen die beiden im Cabrio, wippen kreischend über extrem kurvige Straßen und begegnen Stars mit prä-emanzipatorischen Weltbildern, wie zum Beispiel der besoffenen Brigitte Bardot, die schließlich vom Auto eingesaugt wird, bevor die Fahrt weiter geht, die letztendlich doch genauso von Lars von Trier geplant war, den die beiden Schauspielerinnen aber schließlich fertig machen, die nach ein bisschen biographischer Preisgabe sich selbst gefunden haben. Weiterlesen

Das Experiment entschuldigt sich, bevor es begonnen hat – „Beg your pardon“ im Ballhaus Naunynstraße

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Autogenes Training als Einbürgerungstest: „Deine Emanzipation und Individualität werden ganz schwer!“ Der Psychotherapeut, der mit dem Rücken zum Publikum sitzt, versucht seiner Patientin das Abendland in den Körper zu reden, die im nächsten Moment zur Interviewerin des Vertreters der rechtspopulistischen Volkspartei wird, um sich ein Duell mit ihm zu liefern: Er protzt mit heterosexuellem Charisma und sie bittet ihn, doch sein glattes Gesicht anfassen zu dürfen.

Bei solch lässiger Verspieltheit plus parodierter Ausländerpolitik weiß man sofort, dass man in der Naunynstraße sitzt. Wer aber meint, dies sei nun Exposition und Konflikt, hat sich geirrt. Weiterlesen