Das Gespenst des Nationalismus

Mit Belgian Rules/Belgium Rules will Jan Fabre keine Geschichte des Nationalismus, sondern “eher eine über seine völlige Abwesenheit” erzählen. Der Titel ist Programm: Belgian Rules/Belgium Rules steckt das Spannungsfeld zwischen soziokulturellen Phänomenen und politischen Verstrickungen ab – angeordnet nicht in einer Chronologie, sondern viel mehr in einer Neben- (bzw. Nach) einanderstellung verschiedener Aspekte. Ein sich durchziehendes Motiv sind beispielsweise Reenactments einer Reihe ausgewählter Gemälde belgischer Künstler von Jan van Eyck über Paul Delvaux zu René Magritte. Gleich zu Beginn wird, in Anlehnung an Letzteren, ein Blickwinkel auf die Geschichte eines Landes und einer Nation vorgeschlagen: „Ceci n‘est pas un pays“. So wie Magrittes Pfeife keine Pfeife ist, ist Belgien auch kein Land, sondern lediglich eine Darstellung eines Landes. Und so wie der Phoenix aus der Asche steigt, erhebt sich Belgien aus Kohle, Pommes und rotem Ziegelstein, um sich Stück für Stück zu einer pausenlosen Abfolge opulenter Bilder zusammensetzen zu lassen – 42 Szenen, 14 Kapitel und knapp 4 Stunden lang.

Im Stakkato folgt Szene auf Szene, in harten Brüchen und mit einigen sich wiederholenden Motiven, die zu roten Fäden in der Materialschlacht werden: Denn der Einsatz von Konfetti, Nebelmaschinen, Bierduschen, nackter Körper und üppiger Kostüme ist immens. Allein der Bühnenboden zeugt von unumgänglicher Zeitlichkeit: Konfetti und Bierlachen häufen sich – ganz im Gegensatz zu den Performenden, die zu jeder Szene in neuem Glanz erscheinen; ganz so, als wären dem noch keine Karnevalsparade oder Ausdauersport-Einheit vorrausgegangen. Die 15 Performenden wechseln stetig die Rollen, sind lebendige Bilder, sprechen, spielen, tanzen, musizieren, feiern, trinken und pinkeln – alles, was die Performance-Palette eben hergibt.

Ja, es wird viel gefeiert. Die Belgian Rules umfassen zum einen die Darstellung und Entzauberung bestimmter Traditionen und Bräuche. Jedes Fest, jede Parade mündet im Rausch. Mal lustvoll, mal überheblich oder gar gewaltvoll. Neben dem öffentlichen Exzess des Karnevals und der Paraden, öffnen sich im Hintergrund der Bühne wiederholt die Türen der schweren Schränke, aus denen die freie Sexualität schreitet – immer lasziv und etwas obszön. Der christliche Blick darauf drückt fest beide Augen zu und beweihräuchert die Pein der Sündigen – und das eigene Vergehen. Zum anderen werden die Belgian Rules  in drei Abschnitten unter den Vorzeichen „It is forbidden“, „It is obliged“ und „It is possible“ vielsprachig beim Ausdauersport zum Besten gegeben. Eine lange Kette absurder Verbote, Gebote und Wünsche an eine bessere Welt. So dann auch das Abschlusskapitel des Abends: Parallel zu der Chorographie von Nationalflaggen der belgischen, flämischen, wallonischen und deutschen Regionen, wird deren Vereinigung mit den visionären und oftmals naiv daherkommenden Wünschen an das Mögliche verbunden. Dann, zum grand-final, schwenken alle Performenden als Friedenstauben die weißen Fahnen: Die Vereinigung Belgiens wird zum Frieden insgesamt. Und so wird die frohe Botschaft verkündet: „Rule number 40: It is possible to be Belgian!“

belgian rules1Ist das also die Abwesenheit von Nationalismus?

Zu dem Gegenstück – Belgium Rules – führt Fabre zwei Schwergewichte in den Ring: Belgische Profite im internationalen Waffenhandel sowie die koloniale Vergangenheit und deren (Nicht-)Aufarbeitung. Im Reenactment Peter Paul Rubens Gemäldes „Het pelsken“ („Der Pelz“) stehen sieben Performerinnen auf der Bühne und tragen unter ihren Pelzmänteln nichts außer Maschinengewehren, die sie immer wieder auf das Publikum richten. Dabei erzählen sie kokett von der belgischen Zurückhaltung im globalen Kriegsgeschehen und rechnen die Gewinne vor, die Belgien minutengenau während der Dauer dieser Szene für den Waffenhandel verbucht. Hier funktioniert der trockene Ton des Zynismus, mit dem Fabre das ein oder andere ruhmlose Kapitel Belgiens aufschlägt. Nicht so jedoch, wenn es zu dem Kapitel „On Catholicism and Congo“ kommt. Hier wird unter anderem der „Carnival Dance of Les Noirauds de Bruxelles“ getanzt – ein Erbstück des Kolonialismus. Zwar wird die mangelnde Aufarbeitung kolonialer Vergangenheit und somit eine Fortführung rassistischer Strukturen und Praktiken benannt. Dies geschieht jedoch mittels deren Replikation – hin bis zum Blackfacing. Die Debatten um den Zwarte Piet, die die Weihnachtsbräuche Belgiens und der Niederlanden als rassistisch entlarven, zeigen, dass Bilder und Figuren nicht ohne deren Entwicklungsgeschichte gedacht und praktiziert werden können. Auch wenn sicherlich nicht dort erfunden, hat das Blackfacing seinen offiziellen Ursprung im Theater der Minstrel Shows des 19. Jahrhunderts. Und auch wer es heute zum Ziel hat, das (weitgehend weiße) Publikum sich selbst vorzuführen, tritt in eine rassistische Tradition, wenn aus weißer Positionierung heraus, das Blackfacing für die ausschließlich weißen Performenden verwandt wird. Der Versuch die Unzulänglichkeiten der postkolonialen Aufarbeitungen darzustellen, fällt hier ins Leere. Oder anders gesagt: er trifft auf sich selbst – denn dies ist Beispiel unzulänglicher Aufarbeitung.

Belgian Rules/Belgium Rules will ironisch und zynisch sein, will entlarven. Die Fundstücke werden dann bildmächtig aufgearbeitet, sind aber häufig vor allem platt. Kritik an Politik, Korruption und nationaler Selbstdarstellung, verschwimmen in Bierströmen, Karnevalsprozeduren, Ausdauersport und Nacktheit. Dies als Abwesenheit von Nationalismus zu feiern kann nur aus einer privilegierten Position heraus funktionieren. Ja, Belgien wird auf die Schippe genommen, aber es ist nur ein Belgien. Es ist das Belgien der Weißen, das mit nationalen Symbolen Schabernack treiben kann. Aber am Ende geht die Rechnung nicht auf, wenn aus Symbolen der nationalen Einigkeit eine belgische Utopie des Friedens wird – denn Nein, Regel Nr. 40 ist nicht wahr: Es ist nicht möglich Belgier zu sein. Denn die Schattenseite Fabres Aussage „Belgien ist aus dem Theater geboren, und Theater soll es bleiben“, ist, dass die Darstellungsmacht sich als Belgier*in zu inszenieren, eben doch sehr limitiert ist.

© Wonge Bergmann

 

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