Kimimiz! Tehata is langweilich aussa is von uns! – Die politische Manifestation der Neuköllner Avantgarde

Kombiniere Feminismus at its best, musikalische und schauspielerische Glanzleistungen, politisches Engagement gegen Polizei- und Staatswillkür, Elemente des  X-Wohnungen Konzepts mit einer durch und durch charmanten Entschlossenheit, die in dieser Form vielleicht nur 8-12 jährigen, unfassbar coolen Mädchen zu eigen ist.

Kimimiz! Tehata is langweilich aussa is von uns!, ein Projekt des Schilleria Mädchencafés und der Künstlerinnen Vera Buhß, Ada Labahn und Katrina Martinez Marrupe überzeugt in jeder Hinsicht. Weiterlesen

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„If there’s anything you need…“ – ‚Together Forever‘ im HAU

Foto: Gerhard F. Ludwig

Ganz im Sinne des Leitthemas ‚Zusammensein‘ handelt es sich bei der neusten Performance des Choreografen Jeremy Wade um eine Kooperation mit den Tanz- und Peformancekolleg_Innen Jared Gradinger, Igor Koruga, Liz Rosenfeld und Michael Keuper. Das kollektive Kunstprodukt ‚Together Forever‘ wurde am 28. Februar im HAU uraufgeführt. Nachdem das Medien- und Blogecho überwiegend positiv bis ironisch distanziert ausfiel („nette Wochenendeinstimmung“), hier einige nachträgliche Reflexionen aus dem Oberrang.

In der ersten Szene dieser von Anfang bis Ende als Mitmachspaß angelegten Performance wird das Publikum mit sich selbst als lebendigem Bühnenbild konfrontiert, die Zuschauer_Innen blicken mit einer Mischung aus Neugier und leichtem Unwohlsein auf ihr Spiegelbild. Als Jared Gradinger anfängt Einzelne mit Namen anzusprechen und gewollt intime Fragen zu stellen, schlägt das Pendel eindeutig in Richtung Unwohlsein aus. Weiterlesen

„We were wild once, don’t let them tame you!“ – Zum 100-jährigen von „Sacre du Printemps“

Wenn es nach den tanzaffinen Kulturwissenschaften geht, setzte die Moderne nicht mit der Ermordung Franz Ferdinands des I. am 28. Juni 1914 in Sarajavo ein, sondern ein Jahr zuvor in Paris. Genauer gesagt auf der Bühne des Champs-Elysées Theaters, auf welcher fünf Tänzer in folkloristischen Kostümen zur treibenden Musik rhythmisch anfangen zu springen und zu stampfen. Die Choreographie von Le Sacre du Printemps revolutioniert mit ihren asymmetrischen Bewegungen, den nach innen gekehrten Fußspitzen, einer neuen Körperschwere und seinen Anleihen bei Riten der russischen Folklore die damalige Tanzwelt. Als modernes Gesamtkunstwerk ist Sacre eine Kollaboration zwischen dem Tänzer und Choreographen Vaslav Nijinsky, dem Komponisten Igor Stravinsky, dem Leiter des Ballets Russes Sergei Diaghilev und dem Kostüm- und Bühnenbildner Nicholas Rörich. Das Werk stellt grundlegende Vorstellungen von Eleganz und Grazie im Ballett in Frage, die primitivistischen Anklänge provozieren und verstören das Publikum. Denn der Mythos Sacre speist sich nicht nur aus dem, was sich auf der Bühne oder im Konzertgraben abspielte; auch die Performance des Publikums, das vor lauter ästhetischer Überforderung im Theater randalierte [Wortwitze im Bezug auf den Namen dieses Blogs verbieten sich], trug maßgeblich zum Ruhm des Stückes bei. Weiterlesen

Mama said: Don’t stop the Dance!

The bleak shotcrete interior of a typical late sixties West German church provides the setting for New York choreographer Trajal Harrell’s piece Judson Church is Ringing in Harlem (Made-to-Measure)/Twenty looks or Paris is Burning at the Judson Church (M2M), most definitively one of the highlights of this year’s Tanz im August program. The former place of worship doesn’t just allow an absolute focus on the three performers, it also alludes to the historical role of Judson Church.  In the Sixties this congregation as well as art space in Greenwich Village opened up its doors to artists from various genres, offering them a space for their art and freeing them from financial and/or political constraints. The resulting Judson Dance Theatre turned into the cradle of post-modern dance, with contributions by dance icons such as Trisha Brown, Lucinda Childs, Steve Paxton and Yvonne Rainer. Ever since its first performance in 1962 the company played a major role in revolutionizing the world of dance.

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Jenseits von Intimität: „I hope you die soon“ im HAU 1

Das Wummern setzt ein, schwillt an, ergießt sich durch die Zuschauerreihen im kargen schwarzen Raum, und verebbt. Der Tinitus bleibt.

Zu Beginn von “I hope you die soon“ liegen die beiden Körper von Angela Schubot und Jared Gradinger nahezu regungslos nebeneinander; eine pulsierende Halsschlagader ist der Hauptdarsteller dieser ersten Minuten.

Minimalbewegungen beginnen sich zu entfalten, wie in close-ups verfolgt man gespannt die kleinsten Zuckungen, Impulse der Gelenke und Fingerspitzen, einzelne Körperteile führen eigenständige Choreographien auf.

Ein Zittern und Vibrieren beginnt durch die Körper zu gehen, nicht changierend zwischen, sondern sexuelle Extase, Verzweiflung und medizinisch bedenklicher Zustand in Einem. Weiterlesen

Let’s break free! „Der Firmenhymnenhandel“ im Heimathafen Neukölln

 

In a world of deep confusion theres so much going on, we need a burning vision, a dream to make us strong. […] Are you ready for adventure, are you ready for something strange, are you ready for the future, are you ready for the change.“

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„Fun ist ein Stahlbad.“

Wem es abwegig erscheint, eine Verbindung zwischen diesen beiden Zitaten herzustellen, dem ist ein baldiger Besuch im Heimathafen zu empfehlen. Die Zusammenführung von den absurdesten Blüten des kapitalistischen Legitimationsbetriebs1 und Versatzstücken einer kulturkritischen Interpretation derselben2, ist Programm im Firmenhymnenhandel, dem Hybridgebilde aus Theaterstück, Musical und Videoclips von Thomas Ebermann, das am 8., 9. und 10. Dezember in Neukölln seine Berlinpremiere feiert. Weiterlesen

Das geopferte Opfer: „Sacré Sacre du Printemps“ im HAU1

Das erste Tanzstück mit dem das HAU in seine neue Saison startet, profitiert davon, dass bei einer Tanzaufführung sich niemand über den Titel beschwert. Dieser könnte sonst schon fast abschreckend wirken – zu gewollt ist der Wortwitz mit seiner bedeutungsschwangeren Dopplung. Ob das geopferte Opfer mehr als eine Tautologie darstellt, kann aber wohl erst nach der Vorführung entschieden werden. Zu gewollt wirkt auch die Brücke zu Lacan, die in den im Programmheft abgedruckten Briefzitaten des Choreographen nur allzu gerne geschlagen wird. Diese kontemporäre Musealisierung des intellektuellen Schöpfergenies, die den Zuschauern schon gleich die Theorieversatzstücke liefert, mit denen sie sich für den Bohème smalltalk rüsten können, trägt weiter zu einer leichten Voreingenommenheit bei. Weiterlesen