VORSCHAU: Was bringt der Juni?

Vielleicht gaben sich manche zuletzt schon beim Performing Arts Festival freie-Szene-mäßig die Kante. Und vielleicht ist es überhaupt müßig im Juni, wenn sich alle Welt zum Knutschen oder Kiffen an kleinen Wasserflächen versammelt, Ausgehtipps zu geben. Aber man kann ja auch mal bekifft ins Theater. Und händchenhaltend, mit großen Augen warten, dass der Vorhang aufgeht. Wie dem auch sei: Hier eine Auswahl von Premieren und allerlei Dienliches für den Juni!

Im Ackerstadtpalast bringen die Regisseurin Yael Gaathon und die Tänzerin Vangeline das absurde Körpertheater Butoh aus Japan mit der Musik Ludwig van Beethovens zusammen. “Dancing with Ghosts” zieht seine Inspiration Weiterlesen

„Er war Elektra, der Vater war Elektriker.“ Die Legende von Dimi und Ela im TAK Theater im Aufbau Haus

They fuck you up, your mum and dad.
They may not mean to, but they do.
They fill you with the faults they have
And add some extra, just for you.

…beginnt Philip Larkins charmantes Gedicht This Be the Verse. Die Vererbung des Scheiterns, der Makel, Ticks und Tragödien, die Umklammerung des eigenen Lebens durch fremde Vergangenheit – dieses literarische Dauerthema zieht sich auch durch Sarah Amanda Dulgeris’ Text Die Legende von Dimi und Ela, der am 19.2. als szenische Lesung im TAK zu hören war und dem eine nochmalige Theateradaption sehr zu wünschen ist. Das Stück erzählt die Geschichte eines Paares, das sich Mitte der 1970er Jahre auf dem Alexanderplatz findet: Die Ostberlinerin Ela wird von einer Freundin dorthin geschleppt, Dimi kommt aus Westberlin, um Schmuggelware zu verkaufen. Als Sohn griechischer Exilanten mythologisch gefirmt erkennt er in ihr seine Eurydike, die Legende beginnt wie jede Legende: Er bietet ihr eine Zigarette an – „und Feuer, damit sie entflammt“.

Schon folgen wir den beiden (behutsam und konzentriert gespielt von Maximilian Rösler und Dulgeris selbst) durch einen so dermaßen verliebten Sommer, das man die unterdrückten Jauchzer des Publikums förmlich spüren kann. Doch der Bösewicht erscheint Weiterlesen

Die Liebe in Zeiten der Einzelprojektförderung – „Save Your Love Part I“ im Theaterdiscounter

von Clemens Melzer und Linus Westheuser (oben: im Bühnenbild)

Liebe, Internet, Kapitalismus, zwei Leute in Wollpullis – naja. Wahrscheinlich hingerotzte, pseudo-experimentelle Mittehipster-Selbstbespiegelung… Wer sich hinreißen ließ, so über „Save Your Love Part I“ im Theaterdiscounter-Programm zu denken, ging spektakulär fehl und hat womöglich einen Abend verpasst, der es wirklich in sich hatte. „Save Your Love Part II“ wird all jenen hoffentlich bald eine zweite Chance geben.

Das Licht geht an und schon befinden wir uns mitten im klebrig-süßen Beziehungsmorast zweier ganz normaler Kosmopoliten, Weiterlesen

LINK: Intervention MIND THE TRAP! am Deutschen Theater

„Warum besuchen gerade junge Menschen, Menschen mit Migrationshintergrund aus nicht westlichen Herkunftsländern, Menschen mit Behinderung und viele Menschen mit geringen Einkünften klassische Kultureinrichtungen besonders selten?“ überlegten die Veranstalter einer Tagung im Deutschen Theater zähneknirschend. Und fragten dann bei denen nach, die es am besten wissen müssen: älteren, weißen, migrationsfernen Akademikern.

Nicht eingeladen waren die kritischen Expert_Innen der Gruppe MIND THE TRAP! Gekommen sind sie trotzdem, im Gepäck ein niedrigschwelliges Angebot zum Ausstieg aus der Monokultur, „man könnte auch sagen: Entwicklungshilfe“. Morgen um 14h folgt nun eine Pressekonferenz vorm DT. Dies und alles Weitere hier: http://mindthetrapberlin.wordpress.com/

Ein Hörspiel mit Schminke und Mimik – „Josefine, die Sängerin oder das Volk der Mäuse“ in der Theaterkapelle

Von Gabriel Schimmeroth und Linus Westheuser

Die Kritik kann sich relativ kurz halten: Kafkas Josefine, die Sängerin oder das Volk der Mäuse (die auch auf diesem Blog bereits Thema war) ist eine über alle Maßen großartige Parabel auf die gesellschaftliche Position des Künstlers in der Moderne. In ihrem Zentrum steht eine Mäusesängerin, deren ‚Gesang‘ eigentlich nichts anderes ist, als das Pfeifen, das alle Mäuse permanent und ohne darüber nachzudenken von sich geben, und deren Aufführungen dennoch – oder gerade deswegen – Anlass für große Volksversammlungen der Mäuse sind, in denen diese sich, vermittelt über die Sängerin, ihrer Gemeinschaft vergewissern. Wer den Text nicht kennt, dem sei er dringend ans Herz gelegt.1 Wer nicht so gerne selber liest, der kann noch am Freitag den 29.11. in die Theaterkapelle gehen und sich dort eine sinnvoll gekürzte aber weitgehend unveränderte Hörspielfassung vom geübten Radiosprecher Ilja Pletner vortragen lassen. Pletner schminkt sich während diesem Vortrag, schaltet das Licht an und aus, zuletzt klettert er auf einen Tisch. So weit, so unzureichend für die Theaterbühne. Weiterlesen

Der Schmerz und das bekiffte Plenum: „Zeig doch mal positiv, wie du mit Schmerz umgehst“ im Theaterdiscounter

Wie mit dem Schmerz umgehen? Wie dem diffusen Unbehagen eine Form geben, der Unbehaustheit oder der Ahnung, dass mein Leben auf etwas angewiesen ist, über das ich keine Verfügung habe? Wie mit der Dürftigkeit dessen, was mich in meinem Alltag umgibt? Und weil ja alle depressiv oder prä- oder post-depressiv sind, auch kollektiv gesprochen: Wie können wir füreinander einen Schmerz so durchspielen, dass er eine Form annimmt, in der wir Gemeinsames vorfinden? Was ist die dem Leiden eigene Schärfe des Blicks, die zutage fördert, was auch gültig bleibt, wenn wir wieder sicher ins Normale eingelassen sind? Und in welcher Form kann der Ausdruck von Schmerz zwischen uns mehr sein, als Anlass für mitleidende Bevormundung oder schlichte Peinlichkeit – vielleicht stattdessen eine Art von Euphorie, die wir gebrauchen können, um das abzuschaffen, worunter wir leiden? Wie können wir füreinander sorgen?

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Freiheit und Alltag: „Melodrama“ im HAU1

In Kafkas Erzählung „Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse“ berichtet ein namenloser Erzähler von der Maus Josefine, die sich mit großer Sturheit dazu berufen fühlt, vor den anderen als Sängerin aufzutreten – und das, obwohl ihr Gesang nichts weiter ist als das Pfeifen, das doch alle Mäuse ohne darüber nachzudenken von sich geben. Trotz oder gerade wegen ihrer Gewöhnlichkeit jedoch, stößt Josefines Kunst bei den Mäusen auf große Resonanz. Die Gesellschaft der Mäuse versammelt sich in den schwierigsten Zeiten ihres an Belastungen ohnehin nicht armen Lebens, um ihr zuzuhören:

„Hier in den dürftigen Pausen zwischen den Kämpfen träumt das Volk, es ist, als lösten sich dem Einzelnen die Glieder, als dürfte sich der Ruhelose einmal nach seiner Lust im großen warmen Bett des Volkes dehnen und strecken. Und in diese Träume klingt hie und da Josefinens Pfeifen; […] Etwas von der armen kurzen Kindheit ist darin, etwas von verlorenem, nie wieder aufzufindendem Glück, aber auch etwas vom tätigen heutigen Leben ist darin, von seiner kleinen, unbegreiflichen und dennoch bestehenden und nicht zu ertötenden Munterkeit. Und dies alles ist wahrhaftig nicht mit großen Tönen gesagt, sondern leicht, flüsternd, vertraulich, manchmal ein wenig heiser. Natürlich ist es ein Pfeifen. Wie denn nicht? Pfeifen ist die Sprache unseres Volkes, nur pfeift mancher sein Leben lang und weiß es nicht; hier aber ist das Pfeifen freigemacht von den Fesseln des täglichen Lebens und befreit auch uns für eine kurze Weile. Gewiß, diese Vorführungen wollten wir nicht missen.“ Weiterlesen

Was übrig bleibt sind wir: „Macbeth (P14)“ in der Volksbühne

MACBETH, bearbeitet von Heiner Müller, auf die Bühne gebracht von Silvia Rieger mit dem Jugendclub der Volksbühne P14, ist ein großartiges und anstrengendes Stück.

Der Raum ist erfüllt von Schreien. In der völligen Dunkelheit der Bühne sind sie nicht lokalisierbar und nicht verstehbar, weder bitten sie um Hilfe noch können sie überhaupt als Teil einer Handlung fiktionalisiert und entschärft werden. Sie kommen aus der Leere des Raums und gehen in ihn zurück, dazwischen lassen sie in unerträglicher Intensität und Dauer namenlose Körper erscheinen. Im Licht, das vom Notausgang hinter den Reihen kommt, sind die anderen Zuschauer als Schemen zu erkennen. Jede Salve von Schreien bildet sich hier ab als Rascheln, das durch die Reihen geht, Rücken schwanken, Blicke werden ausgetauscht, Stühle quietschen, es ist, als müsse man sich angesichts des Angriffs, der von vorne kommt, der Macht und des Schutzes vergewissern, den man als Teil der Zuschauerherde genießt. Spätestens als kurz danach der Zuschauerraum ausgeleuchtet wird (die Bühne bleibt dunkel), versteht man, dass dies ein wohlkalkulierter Teil der Inszenierung ist. Er bleibt nicht ohne Wirkung. Weiterlesen