Von Revolution, Kunst und Geflügel – „Große Vögel, kleine Vögel“ im Ballhaus Ost

Sein Bart ist längst nicht so schön buschig und weichkantig wie der des Originals. Beim Karl-Marx-Doppelgänger, der gegen Ende dieses Abends als Videoprojektion erscheint, wirkt das Haar eher wie mit der Heckenschere gestutzt, zerzaust und in Zacken abstehend. Ein ordentlich abgerockter Theorie-Saurier ist das und seine etwas fahrig dahingesprochenen Sätze klingen wie müde Durchhalteparolen aus der Eckkneipe: Der Sozialismus habe zwar versagt, aber der Kapitalismus sei doch längst genauso am Ende. Zweifelhafte Hoffnung auf Besserung wird beschworen, denn „nur zwölf Stunden hat die Nacht, danach kommt schon der Tag.“ Dass dieser Rechnung zufolge dem Licht ebenfalls nur zwölf magere Stunden beschieden sind, bevor die Dunkelheit es verlässlich wieder einholt, bleibt dabei ungesagt, aber unüberhörbar im Raum stehen. Weiterlesen

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Schuld und Schönheit in Beton: „BLOCK: this home was once a house“ in der Vierten Welt

„Nicht ausreichend mit dem Umfeld interagiert“ – unter den dieses Jahr sowieso weitgehend von allen guten Geistern verlassenen Jury-Vorschlägen zur Basisförderung der Freien Szene durch den Berliner Senat lässt das Verdikt, mit dem der Kreuzberger Vierten Welt der Geldhahn zugedreht werden soll, besonders staunen. Jedenfalls dann, wenn man dieser Tage spät nachts die schmale Betontreppe in der Adalbertstraße am Kottbusser Tor wieder hinunter stolpert. Viel früher am Abend hatte sie den Eingang gebildet zu fast vier Stunden schönster performativer Zumutung und nun schaut man etwas benommen zurück, zwölf Stockwerke nach oben und in Richtung der scharfkantigen Balkone, Austritte und Loggias des Kreuzberger Zentrums, auf denen man vorher noch gestanden hatte, als wache man wie Batman über Gotham-Kotti. Irgendwie hat sich jetzt etwas verschoben, hier unten, wo noch immer an den Obst- und Gemüseständen die Ware im Scheinwerferlicht gelblich leuchtet. Irrt man, oder hat das Kottbusser Tor selten so einladend gewirkt wie an und nach diesem langen Abend?

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Artaud erinnert sich und träumt schlecht: „artaud.research“ / INVASOR im Ackerstadtpalast

Hier ist die Basis. Wer den Hinterhof des im vorvergangenen Jahr gerade noch glücklich vor der Räumung geretteten „Schokoladen“ in der Ackerstraße betritt und Kurs auf eine Baracke mit dem Schild „Ackerstadtpalast“ nimmt, ahnt, dass hier vieles ganz weit weg ist: Die rotgepolsterte Theaterabendwärme der Berliner Renommeebetriebe sowieso, aber allemal auch manch großzügig subventionsbedachte Eisbergspitze der freien Szene, deren durchgestylte Höchstprofessionalität sich hinter kaum einer Stadttheaterbühne verstecken müsste. „Ist ja wie nach der Wende“, murmelt denn auch verlässlich (und hörbar begeistert) jemand beim Blick auf den sagenhaft zugemüllten Hof, der im Schein rotgelber Lichterketten daliegt wie ein müder Ausflugsdampfer aus dem ideologischen Vorgestern. Weiterlesen

Wohlfühlwahnsinn am Beckengrund: „Kiez Oper: Insanity“ im Stattbad Wedding

Nicht erst seitdem ein bekanntes deutsches Plattenlabel aus dem Bereich der klassischen Musik regelmäßig zu Lounge-Veranstaltungen seiner hochprominenten Künstler in die Berliner Clubs und Bars einlädt, wächst die Nachfrage an vermeintlich niederschwellig angebotener, „ernster“ Musik am ungewöhnlichen Ort rapide. Dabei hat sich eine lebendige Off-Szene meist hochprofessioneller Musiker herausgebildet, die es nicht mehr vorrangig auf die teuren Bühnen von Philharmonie oder Opernhaus, sondern in die Tanztempel, leerstehenden Fabrikhallen, Hinterhöfe und U-Bahnschächte der Hauptstadt zieht. Dass man dabei in der Regel keine Kompromisse eingehen, nicht Lachenmann mit Lady Gaga versöhnen will, wird mit dem gleichen Selbstbewusstsein behauptet, mit dem der sanfte erzieherische Impetus vieler dieser Projekte zwischen den Zeilen der schicken Werbeflyer anklingt: Klassische Musik für ein Publikum, das damit normalerweise wenig in Berührung kommt; reizvoll aufbereitet an den gewohnteren Vergnügungs- oder Alltagsorten der so Angelockten – dies scheint die leise paternalistische Devise zu sein. Dass dann am Ende doch weitgehend dieselbe U30-Fraktion erscheint, die am Abend vorher an den Kassen der Opernhäuser auf verbilligte Restkarten gewartet hatte, mag für beides sprechen: Die Qualität des Angebotenen einer- und die seitens der Veranstalter unvermutete Vereinbarkeit von Philharmonie und Berghain andererseits. Weiterlesen