Die totale Party – „Gesellschaft mit beschränkter Haftung“ von Departure Theater im Sturm und Drang ist mehr als ein Tatortersatz

Foto von Jennifer Skutnik

Gerüchte über eine Underground Party führen mich am Sonntag (20.15 Uhr!) nach Schöneberg. Tatortkommissarin Lürsen soll ihrem eigenen Müll nachgehen, ich ermittle vor der Weißen Rose und werde prompt angepumpt. So ein Junge im Rollkragenpulli: „Kann ich deinen Schal haben? Ich habe Halsweh!“ Aha, geht mir perplex durch den Kopf und ein „Nee!“ über die Lippen. Unverschämt. Halsweh, will meinen Schal haben. Arsch offen oder was?

Drei Ecken weiter, durch zwei Hinterhöfe, dort sammelt sich eine Menschentraube. Technobeats pulsieren aus dem Kellerfenster. Die letzte Karte für mich, der Rest muss auf die Warteliste. Großes Bier für zwei Euro, kühl Weiterlesen

Rambo, Sex und Zuschauerinnen auf vier Beinen – Thikwa und Monster Truck präsentieren „Regie“!

Foto von Florian Krauss

Lange nachdem die letzte Zuschauerin den Hochzeitssaal verlassen hat, stehen immer noch die Akteurinnen des Theater Thikwa (Sabrina Braemer, Jonny Chambilla, Oliver Rincke) auf der Bühne der Sophiensaele und tanzen zu deutschem Schlager. Das Ende von „Regie“ unter der Produktion von Monster Truck hatte Volksfestcharakter. Es war ein offenes Ende einer scheinbar freien Regiearbeit der drei Thikwas.

Monster Truck provozierte mit „Dschingis Khan“ (2012) eine Kontroverse in der freien Theaterszene à la Love-It or Hate-It. Sie schufen eine mongolische Völkerschau-Satire und besetzten jene mit den drei Down-Syndrom-Akteurinnen des Theater Thikwa. „Regie“ wirkt nun wie ein Meta-Kommentar auf diese Kontroverse und wirft Fragen der Selbstermächtigung und Emanzipation auf. Und viel interessanter: Was ist überhaupt Regie? Und wie überbrückt man die Kluft zwischen Vorstellung und Realisierung? Weiterlesen

„Weißte noch … damals?“ – „Ostern in Kunovice“ im Ballhaus Ost

Foto von Franziska Dick und Cathrin Romeis

von Lukas Gmeiner und Nina Heitele.

Der große Saal des Ballhaus Ost: Eine Dunkelkammer. Stimmen aus dem Off. Ein blitzhaftes Flackern erleuchtet das Terrarium: Die Landschaft Mährens in Miniaturformat (oder ist es doch ein Aquarium, symbolisch für das Schwimmen in der Erinnerung?). Ein Modeschaukasten mit Kleidern aus der Jugendzeit. Auf dem Boden liegt ein weißerleuchteter Rahmen für Röntgenaufnahmen, wie man ihn aus einem Arztzimmer kennt. Doch in „Ostern in Kunovice“ geht es nicht um gebrochene Knochen, sondern um ein kleines, wiedergefundenes Fotonegativ. Die zwei Akteurinnen (Franziska Dick und Cathrin Romeis) halten es in der Hand und versuchen es mit Augen wie Schlitzen zu durchdringen. Was sehen sie und woran erinnert sie das Gesehene? Weiterlesen

Zum Abschuss freigegeben – Theater Thikwa mit „Vogelfrei“ beim NO LIMITS

Foto David Baltzer

Aus dem Off eine Stimme. Sie gibt Feldpositionen vor: „3B“, „5A“, „2 grün“, „9A“, „-3“. Bestimmend führt sie ihre Spielfiguren und gibt die Bewegungen vor. Höhnisch lacht sie über die Figuren, wird herrisch, sobald sie das Kommando über die Gruppe zu verlieren scheint: „RUHE!“ Kurze Stille tritt ein, bis aus der Gruppe jemand beginnt mit dem Hocker über das graue Karree der Bühne zu rutschen und die anderen ihm folgen. Weiterlesen

Im Meskalinrausch von Agathe Chions „Ich liebe dich, du teure Freiheit“

Foto Michael Bause

Ohne irgendwie das Bedürfnis zu verspüren, Agathe Chions „Ich liebe dich, du teure Freiheit!“ intellektualisieren zu wollen, gar zu müssen, fiel im kurzen Plausch mit Musiker Sébastien Alazet (deluxe!) der Name William Blake. Eigentlich benötigte ich dringend Hilfestellung, die Musik zu beschreiben. Gib mir ein Genre! Ich bekam Blake. Aber beginnen wir von vorne. Weiterlesen

NO LIMITS – Internationales Theaterfestival. Ein Porträt.

Foto: DenisDarzacq

In unregelmäßigen Abständen werden hier vereinzelte Beiträge zum NO LIMITS-Festival erscheinen. Die volle Ladung an Berichterstattung findet ihr auf dem offiziellen NO LIMITS-Blog. Zwei mitschreibende Unruhe-Autoren erdreisten sich und stellen hier gleichzeitig ihre unzensierten, unredigierten Artikel online.

NO LIMITS – Ein Porträt

Das internationale Theaterfestival NO LIMITS mit Künstler_innen mit und ohne Behinderung ist gestern in die sechste Runde gegangen. Seit 2005 findet das Festival alle zwei Jahre statt. Das Ziel? „Uns abzuschaffen.“ Sagt der Festivalleiter Andreas Meder gebetsmühlenartig seit 1997, dem Beginn seiner Arbeit im Feld integrativer Theaterfestivals. Sein Augenzwinkern nicht zu vergessen, da es ein beliebtes und oft das einzige Zitat sei, dass es in eine Berichterstattung schafft. Weiterlesen

Ich-setz-mich-mit-Nazis-auf-die-Couch-Theater: Mikats „Unter drei“ im Ballhaus Ost

Für „Unter drei – Beate, Uwe und Uwe“ bedient sich Regisseurin Mareike Mikat steinbruchhaft am Text „Weißes Mäuschen, warme Pistole“ von der Jungdramatikerin Olivia Wenzel, die vor Kurzem erst bei der Langen Nacht der Autoren der DT-Autorentheatertage mit „exzess, mein liebling“ vertreten war.
Unter drei im Ballhaus Ost rückt die Neo-Nazis des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) in den Fokus und tut gut daran, jene Perspektive auch zu verlassen. Weiterlesen

Das Wieder(er)finden von Erinnertem: „O Jardim / Der Garten“ im HAU 2

Mit O Jardim / Der Garten feierte die brasilianische Cia. Hiato ihre Europapremiere (29.11.12) im HAU 2. Die Cia. Hiato agiert als ein Kollektiv, das mit ihrem 28-jährigen Regisseuren und Dramaturgen Leonardo Moreiro bereits jetzt in ihrer erst dritten Inszenierung zu einer aufsteigenden neuen Theatergeneration in der brasilianischen Kulturlandschaft gezählt wird. Weiterlesen

Foreign Affairs (V) – FC Bergmann ist FA-Meister! Jetzt: „300el x50el x30el“ und Rodrigo Garcías „Gólgota Picnic“ in der Analyse.

„Wir wollen Projekte machen über Menschen, die sich bemühen ihr Leben zu gestalten, und immer wieder scheitern.“ [1]

Das Projekt, das aus diesem Satz entstand, ist 300el x50el x30el von einer Theatergruppe aus Antwerpen, deren Name es sich zu merken gilt: FC Bergman.
FC, weil ihnen die Idee eines Clubs, indem Menschen gemeinsam etwas unternehmen, gefiel und zugleich den nach eigenen Aussagen „naiven Gedanken“ eines Kollektivs aus Gleichberechtigten verwirft, da man immer „als Company“ endet, „in der jeder ihre oder seine Rolle hat.“ [1]
Bergmann, weil es Ingmar gab und Film einen großen Einfluss nimmt auf die Company, die auf den Gipfel des Berges strebt, um einen besseren Blick auf die Welt zu haben. Weiterlesen