Horror vacui – „Titus Andronicus“ auf der Probe der Volksbühne

Titus Andronicus ist ein antipsychologisches Stück. Nicht im programmatischen Sinne, sondern in dem einfach materiellen, dass jeglicher psyché (griechisch: Atem) hier in kurzen Takten die Gurgel durchgeschnitten wird. Darin bietet es sich an – und wohl nur dazu, wenn man am Text bleibt wie Sebastian Klink in der aktuellen Inszenierung auf der Probebühne der Volksbühne – für dionysisches Gemetzel, für permanente Lautstärke und den Wunsch, endlich einmal die ganze Bandbreite an Kunstbluteffekten in einen Abend zu stopfen. Demnach ist dem großartigen Satz aus dem Progammtext, der „Staub der Jahrhunderte über diesem Stück“ verfliege „bei der ersten Inhaltsangabe“ wenig hinzuzufügen.

Dass dabei ein „seltenes ästhetisches Niveau“ erklommen wird, ist sogar richtig, denn Klink die Inszenierung läuft konsequent, ohne Glättung und mit direkter Energie. Auf weißer T-Plattform vor übergroßer Leinwand beschreien, begrapschen und ermorden sich die angehenden Profis von der Ernst-Busch in weißen Bodys und Schminke und spielen sich dabei anfänglich so in Rage, dass die Rechnung aufgeht. Diese ist die gleiche wie im Zombiefilm: unhinterfragbare Präsenz von Gewalt. Das ist so einfach und platt, dass Weiterlesen

Advertisements

Eine Frage des Schätzens: „Zusammenstoß“ im Ballhaus Ost

Man mag es als ungerecht empfinden, eine Aufführung auf ihren Entstehungsgrund zu befragen, nur weil das realisierte Stück der klassischen Avantgarde zuzurechnen ist. In Anbetracht der weitgehend konventionellen Spielpläne der großen Theater kommen schließlich auch wenige auf die Idee, der verwendeten Literatur ihre Geschichtlichkeit zum Vorwurf zu machen – dabei wäre sie vielleicht manchen Fällen angebracht. Auf der anderen Seite provoziert natürlich der Name Kurt Schwitters die Assoziation mit der schon lange mythologisierten Revolution in der Berliner Kunst der Zwischenkriegszeit, das sich gerade im Falle DADA den Widerstand gegen jeglichen Kanon, gegen überhistorische Geltungs- und Sinnansprüche im Allgemeinen auf die Fahnen geschrieben hatte.

Auf den ersten Blick legitimiert und beantwortet sich die Frage also von selbst: die Avantgarde lässt sich nicht wiederholen. Weiterlesen