Solange du deine Füße unter meinen Tisch….

Obszönes Yoga in geräumigen Küchengeräten, Rollschuhhipster, Pelzmantelleichen auf Möbelrollern — das aktuelle Stück Momentum von der Tanzcompany Toula Limnaios hat mehr Theater zu bieten als sonst: mehr Gegenstände, mehr Kostüme, mehr Bühnenbild. Die Verwendung von so zahlreichen Utensilien lenkt aber nur selten vom Tanz ab, die Requisiten dienen der Bewegung und nicht umgekehrt.

Nicht alle 8 Tänzerinnen und Tänzer beherrschen das Spiel mit der Mimik gleich gut. Manchmal fühlt man sich an Teenagergrimassen erinnert, die meiste Zeit jedoch unterstützen die Gesichtsausdrücke oder auch -nichtausdrücke aber die Botschaft des Körpers.

Die Handlung des Stücks lässt sich verschieden interpretieren. Für mich ist klar, dass sich der fulminante Ablauf von Duetten, Soli und Gruppensequenzen im Kopf der einsamen männlichen Hauptfigur abspielt. Diese sitzt oft unbeteiligt daneben und schielt nur manchmal verdattert rüber zu den Sprüngen, Bodenfiguren und Kampfszenen. Der große Esstisch an dem er ein Großteil des Stücks verbringt, spielt eine wichtige Rolle in diesem Psychodrama, ob als Unterlage für komische Machtspielchen, Arbeitsfläche oder Folterwerkzeug.

Auch wenn man sich als Zuschauer mehrfach Sorgen um die Wirbelsäulen vor allem der weiblichen Tänzerinnen macht, sind die Verrenkungen stets schön anzuschauen, bis auf einige recht gewaltsame Szenen, in denen ein Frauenkörper grob hin und her geschoben und gezogen wird. Trotzdem bleiben die weiblichen Körper, wie so oft bei Toula Limnaios, nicht nur verletzlich sondern auch immer stark.

Die Duette belegen, dass es ein schier unerschöpfliches Repertoire an Bewegungen jenseits der Clichés gibt, vor allem wenn gleichgeschlechtliche Paare das selbe Spektrum ausfüllen dürfen wie ihr hetero-Gegenpart.

Die Vielfalt der Tänzer und Tänzerinnen mit ihren komplett unterschiedlichen Ausstrahlungen, beeindruckt immer wieder. Die radikal verschiedenen, individuellen Körper wirken trotzdem nie wie eine United Colors of Benetton Werbung – mehr Mut zum Anderssein, weniger Diversity Training.

Am Ende des Stücks ist der Mann zwar immernoch alleine, aber nicht mehr einsam und auch nicht von Gespenstern und Dämonen umgeben. Dafür hat er jetzt Rotwein im Glas und nicht wie in einer früheren Szene Erbsensuppe im Gesicht. Das ist doch schon mal was.

Es gibt einschließlich heute noch 6 Termine des Stücks und es lohnt sich, auch deshalb weil an kaum einem anderen Ort in Berlin die Choreographin einem das Ticket einreißt oder abscannt. So ein Service is selten in dieser Stadt.

Zeichnungen von Oliver Thie.

© Thie/Thaa Productions

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