Die verlorenen Kinder in den Straßen von Berlin: „Peng! Peng! Boateng!“ im Heimathafen Neukölln.

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Unter der Regie von Nicole Oder wird auf der Probebühne des Heimathafen Neukölln eine Hommage an die drei Berliner Boateng Brüder gefeiert. Bis Ende März spielen Tamer Arslan, Nyamandi Mushayavanhu und Daniel Mandolini im Industriekomplex der Probebühne zwischen Stangen, Boxen und Nebel. Die ohnehin schon nach Theaterstoff riechende Lebensgeschichte der drei Berliner Brüder – die einen Vater und ihre Leidenschaft für Fussball teilen, aber nicht denselben Stadtteil- wird mit allen wichtigen dramatischen Mitteln als tänzerische Blaupause auf die Bretter, die die Welt bedeuten gebracht. Kevin-Prince und George wuchsen im Berliner Wedding auf, trieben sich auf Beton-Bolzplätzen rum und inhalierten die harte Schule der Berliner Straße. Jerome, nur ein Jahr jünger als Prince, wächst behüteter in Wilmersdorf auf.

George sorgt dafür, dass die Brüder zusammenkommen und auch bleiben. Er ist der tragische Held der Sage „Peng! Peng! Boateng!“. Georg opfert sich auf, gibt alles auf für seine Brüder und seine Familie. Einen muss die Straße ja verschlingen. Daniel Mandolini untermalt als George Boateng die Geschichte der drei Brüder mit den Rap-Lyrics des echten George Boateng. Er rappt von Käfigtigern und Beton.Er rappt von dieser Zeit, von der man meint, sie sei die schönste seines Lebens gewesen. Das sind zarte Momente, die schnell entblößend und für den Zuschauer unangenehm peinlich werden könnten, werden sie aber nicht.img_0256

Das Stück lebt von seiner Ehrlichkeit, die vor allem von Tamer Arslans (Prince) unmittelbarem Spiel geschaffen wird. Prince ist ein verlorenes Kind in den Straßen von Berlin. Ein Kämpfer, ein klassischer Berliner Junge ausm Wedding. Außerordentlich gut darin sich durchzubeißen, aber zu sensibel sich anzupassen, sich aufzugeben für die Autoritäten im Fussballgeschäft. Er verdient schnell viel Geld und stürzt schnell wieder ab. „Wenn sie sehen wollen, wie sich ein junger Mann zu Grunde richtet, geben sie ihm eine Millionen Euro“, sagt er am Ende des Stücks. Tamer Arslan ist das Herzstück der Sage und des Stücks. Wenn George der tragische Held ist, ist Kevin-Prince der missverstandene Anti-Held.  Kevin-Prince ist grenzenlos leidenschaftlich, gibt sich für den Fussball auf.

Jerome hingegen ist ruhiger. Ging erst spät durch die harte Schule des Käfigs. Jeromes Fallhöhe ist nicht so hoch wie Prince’. Die Inszenierung lockert die kammerspielartigen Diaologe mit lebhaftem Spiel und mutiger Sprache auf. Die Fussballszenen werden durch choreografierte Tanzeinlagen dargestellt. Man sieht tanzende Körper schwitzen: Fussball als künstlerische Praxis.  Raphael Hillebrands Choreografien sind zart, athletisch und kräftig zugleich. Nyamandi Mushayavanhu zeichnet einen charmanten, ausgeglichenen Jerome Boateng, der sich die Liebe seiner Brüder erkämpfen will. Darin ist er rastlos. Aufgeben, das scheint klar, ist keine Option für einen Boateng. Jerome scheint im Vergleich zu Prince über ihre Erfolge nicht überrascht. Er bleibt am Ball, trainiert immer härter. Obwohl Prince besser war, schon vor ihm überall da, wo er hinwollte, ist Jerome der, der am Ende Ausdauer beweist. Die Inszenierung scheint im zweiten Teil des Stücks das Thema der Anpassung in ihren Mittelpunkt zu nehmen („Ihr wollt doch immer Unangepasste, Charaktere! Aber das stimmt nicht. Die werden rausgeschmissen. Am Ende gibts nur Typen wie Manuel Neuer!“). Die Hinterhältigkeiten des Fussballgeschäfts werden sichtbar, aber nicht weiter verfolgt. Der eine gewinnt, der andere verliert. Jerome ist der Gewinner dieser Geschichte. Ein sympathischer Gewinner, der seinen Erfolg nicht auf Kosten von Prince und George auslebt. Er blieb, so scheint es, immer der Bruder, der seinen Erfolg als den Erfolg aller Boatengs sieht: „Peng! Peng! Baoteng!“ eben. Der Schlachtruf, den sie im Käfig an der Panke riefen.

Vielleicht ist diese Geschichte, diese Sage, so zugänglich und faszinierend, weil sie so von der Zufälligkeit des Lebens erzählt: eine Stadt, drei Brüder, drei Leben, drei Wege. Die Inszenierung von Nicole Oder konserviert die Leichtigkeit und Faszination dieser Geschichte mit Körperlichkeit, Ehrlichkeit und Zärtlichkeit. Lediglich der Einstieg in das Stück wird durch die anfangs medial überladenen Inszenierungsmittel (Stimme aus dem Off, Mikrophone, Musik etc.) verzögert. Dabei ist gerade die Unmittelbarkeit der Inszenierung und ihrer Schauspieler ihre größte Stärke. Eine sehenswerte Inszenierung besonders für die „Kinder“ aus den Straßen von Berlin. „Peng! Peng! Boateng!“ unterbricht die langweilige, immer wiederkehrende Ironie vieler Berliner OFF-Theaterinszenierungen mit schamloser, selbstverständlicher Ehrlichkeit. Und das ist sehr gut so.

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