White Noise und die Überreizung des Publikums – „Quantified Me 3D. Die Instrumentalisierung meines Schuldgefühls“ im Ballhaus Ost

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Die Inszenierung „Quantified Me 3D“ von virtuellestheater berlin im Ballhaus Ost nimmt sich das Phänomen der Quantified-Self Bewegung zum Thema. Quantified-Self ist ein Phänomen, dessen Wirkung mittlerweile in den verschiedensten Bereichen unseres Lebens zu spüren ist. Die Quantified-Self Bewegung entstand zuerst als eine kleine Community im Internet, die die Daten ihrer Körper archiviert, teilt und vergleicht. Das Datensammeln über die eigene Person und das eigene Leben wird dabei zum Fetisch und die Daten selbst zum Produkt.

Die Hack-your-life und Quantified-Self Bewegung hofft nicht nur in jeder Zahl auf ein vermeintliches Glücksversprechen zu stoßen, sondern erlebt auch in der Visualisierung der Zahlen eine Befriedigung und kreiert sogleich ein weiteres Mittel, um neue Vergleiche und neue Ziele zu bestimmen. Zum Beispiel entwerfen 3D Drucker habtische Objekte aus der individuellen Datensammlung der eigenen Essgewohnheit. Die Ästhetisierung der eigenen Daten erreicht durch die sprichwörtliche Objektivierung ihren Zenit. Diese Daten-Ästhetik legt nicht nur die pervertierte Seite des Warenfetischs offen, sondern ist wahrscheinlich die augenscheinlichste Form der Entfremdung bei gleichzeitig hochgezüchteter Individualität. Diese Bewegung ist dem gesellschaftlichen Zeitgeist entsprungen und spiegelt eine verwaltete Welt wieder, in der die subjektive Handlung zu einem, im Alltag kaum kenntlichen, kollektiven ökonomischen Handeln wird. Und in der Quanitfied-Self Bewegung ganz spezifisch sogar zu einem Handel von Daten. Der Umgang mit dem eigenen Ich ist keineswegs ein empfindsamer, auch kein freiheitlicher, es ist ein ökonomischer – und damit ist er tief in der Gesellschaftsstruktur verankert. Die Datenexkremente schließen sich zu einem Reigen aus Treibsand zusammen, in dem das Subjekt jegliche Handlungsmacht verliert und am Ende sogar sich selbst. Bei näherer Betrachtung der Metapher des Quantified-Self wird augenscheinlich, wie unfrei man in einem Netz aus sich unentwegt multiplizierenden Möglichkeiten wird, und welche Rolle Darstellungs- und Inszenierungsformen dabei spielen. Die Ästhetisierung des eigenen Selbst wird zur Falle jeglicher freiheitlichen Handlungsmacht.

An dieser Stelle lohnt es sich in die Inszenierung „Quantified Me 3D“ im Ballhaus Ost einzusteigen, deren Spielort schon am Bartresen etabliert wird. Ein Bildschirm am Bartresen zeigt einen fiktiven Youtube-Kanal mit einigen Milliarden Klicks. Die Inszenierungsfläche von Barbereich über Einlassbereich bis zum Spielort läuft mit technischem Equipment über. Ein wichtiges Element der Quantified-Self Bewegung wird hier fast bis zur Überpräsentation gezeigt: Digitale Technik. Überall projizierte Screens, Videos, Neonlicht – alles in klassischer Apple-Ästhetik. Die Bedeutung dieser ästhetischen Inszenierungsentscheidung lässt sich schwer nachvollziehen. Im vorderen Bereich, dem des Einlassbereichs, befindet sich neben einer Sitzinsel eine große Projektionsfläche auf der verschiedenste Filme von Menschen, Symbolen und Betriebssysteme zu sehen sind. Der Sinn der Projektionen wird genauso wenig vermittelt wie ihre Präsenz thematisiert wird. Dort, im Einlassbereich, wird der erste theatrale Raum der Inszenierung etabliert: Praia Paradiso. In einem „Aquarium“ ist ein kleiner künstlicher Strand inklusive Strandequipment angelegt. Eine sportlich gekleidete Moderatorin bespickt und belebt den Strand mit Muscheln, während sie über ein Mikrophone die Entstehungsgeschichte von Praia Paradiso erzählt. Eine Parabel zur Entstehungsgeschichte gesellschaftlicher Systeme. Mit viel Hingabe werden hier die kleinen und großen Schwierigkeiten im Leben der Muscheln beschrieben. Ein Moment der Spaß macht, und dann leider zu sehr in die Länge gezogen wird. Ein Satz, der herausgestellt noch häufiger fallen wird: Wir sind unsere Zuschreibungen.

Danach wird ein Vorhang gelüftet, der den eigentlichen Spielort eröffnet. Vor der Bestuhlung befindet sich eine Art Genius-Bar oder Schaltzentrale. Hinter diesem Pult warten schon die Darsteller. Unerklärlich viele Darsteller mit Laptops. Genauso sportlich gekleidet und mit den selben Mikrophonen versehene wie die erste Moderatorin am Praia Paradiso. Dadurch etabliert sich eine Uniformität und Exklusivität, die dem Publikum konträr gespiegelt wird. Es besteht also eine ganz klare Grenze zwischen Publikum und Darstellern. Diese wird durch die hartnäckige Frontalmoderation nur verstärkt. Das führt leider gleich zu Beginn zu wenig Sympathie. Auch in diesem Raum sind die ästhetischen Mittel klar gesetzt: DIS-Ästhetik. Das Kuratoren-Kollektiv der diesjährigen Berlin Biennale ist bekannt für seine „Post-Internet-Art Ästhetik“, die digitale Techniken selbst als ästhetisches Prinzip etabliert. Der Bezug zum Thema Quantified-Self ist zu glasklar, um eine Reibungsfläche und einen Reflexionsgrad zwischen der Narration der Inszenierung und ihrer ästhetischen Umsetzung entstehen zu lassen. Eins zu Eins scheint nicht vorbei.

Die Inszenierung arbeitet mit zwei theatralen Räumen von denen einer die Entstehungsgeschichte von, ja, Gesellschaftsstruktur anhand einer Parabel erzählt und andererseits einer Art Genius-Bar, an der alle Informationen zusammenkommen und wiedergegeben werden, die die Protagonisten beziehungsweise „Helden“ produzieren. Mikro – und Makrokosmos quasi. Vor der Genius-Bar stehen zwei Darsteller beziehungsweise Moderatoren, die nun bilingual einleiten wer die „Helden“ dieser Show sind. Hierüber soll sich die sehr oberflächliche Narration der Inszenierung gestalten. Die Oberflächlichkeit ist gewollt, geht es die folgenden knappen neunzig Minuten nun wirklich nur um  die geteilte Informationen der Helden an einem Tag. Leider werden hier weder Unterschiede in der Qualität der Informationen noch in ihrer Form gemacht. Eine lange, nicht enden wollende, Kette aus: „Um 23.56 schrieb #turpedo an xxx. Ausgehende Nachricht um 4:35 an xxx.“ und so weiter, entsteht. Reine Zahlen und Informationen. Die gesamte Inszenierung wird zu einem White Noise. Diese White Noise und Überreizungen sind Teil der Inszenierungsstrategie. Dieser Rausch an überflüssigen, unbedeutenden Informationen schafft allerdings kein Bewusstsein für die eigene Datenproduktion oder die eigenen Entfremdung, sie ersäuft das Publikum vielmehr in ihrer Nichtigkeit. Es gibt keinen Moment der Distanznahme, in dem ein Reflexionsrahmen entstehen könnte. Die Verfremdung der Entfremdung fehlt, stattdessen wird reine Entfremdung produziert ohne einen Verweis auf jenes, was hier nicht gezeigt wird: Gefühle, Zustände, Bezüge. Die Umsetzung der White Noise, des Informationsmülls, ist wiederum zu inkonsequent. Manche der Informationen wollen eben doch witzig sein. Es werden immer wieder „coole“ Codes gestreut. Verweise auf Berghain, Rave, Neukölln, Postkapitalismus sind reichlich zu finden. Die Ästhetik der Inszenierung nimmt sich selbst zu wichtig.

Wieder wird aufgegriffen, dass uns „Zuschreibungen“ erst als das bestimmen, was wir sind. Diese Aussage geht im White Noise unter, wird aber auch an keiner Stelle hinterfragt. Auch die kurzweilige Demonstration einer „Heldin“ auf einem der Bildschirme – aus dem Publikumsraum kaum zu sehen -, sie habe tagsüber was ganz anderes gemacht als von den Moderatoren anhand ihrer Daten interpretiert, erhält kaum Gewicht und wird auch nicht weitergesponnen. Im Fokus bleiben leider nicht-enden-wollende Zustandsbeschreibungen, die zu nichts anderem als zu der reinen Reproduktion der Struktur des Quantified-Self führen.

Es wirkt als sei das Thema Platzhalter, um Raum für eine Ästhetik zu schaffen, die selbst wiederum keine Aussage treffen will. Das Thema wurde leider an seine Ästhetik verraten. Dabei schien der Untertitel „Die Instrumentalisierung meines Schuldgefühls“ den Reflexionsrahmen größer zu spannen. Die Metapher Quantified-Self zeigt die Facetten menschlicher Abgründe und ihre kalte Entfremdung so wunderbar auf, dass es verwunderlich ist, warum sich dem Thema nicht mit größerer Sorgfalt gewidmet wurde und die künstlerische Praxis nicht auf ihr Vorrecht auf Autonomie besteht. Die Katze scheint sich in den Schwanz zu beißen. Die Ästhetisierung der Inszenierung wird hier zur Falle für ihre Handlung und ihre Handlungsträger. Warum bloß so cool?

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