„Selbstbeschwichtigung“ von Turbo Pascal in den Sophiensaelen

„Werden wir unser Verhalten in Zukunft in irgendeiner Form verändern?“, steht im letzten Absatz der Postkarte zum Stück „Selbstbeschwichtigung“ des Berliner Theater- und Performancekollektivs Turbo Pascal, das seine Premiere am 29.09.2016 in den Sophiensaelen feierte.

Die Antwort gleich vorweg: nein, werden wir vermutlich nicht. Zumindest nicht, solange wir uns selbst beschwichtigen. Was zunächst als Schwachstelle, als nicht eintreffende Intension der Gruppe, vermutet werden kann, entpuppt sich bei nochmaliger Reflexion allerdings als ein stimmiges Konzept. Denn mit dieser Schlussfolgerung ist das Stück in sich aufgegangen. Und das ohne erhobenen Zeigefinger.

In der Selbstbeschwichtigung geht es darum, sich selbst zu beruhigen, sich einzureden, dass alles gut war, wie es verlaufen ist und Reibungspunkte verschwinden zu lassen. Als Setting gibt es deswegen auch kein Gericht oder eine sonst wie anklagende Atmosphäre. Vielmehr findet das Publikum die drei Performer*innen Eva Plischke, Frank Oberhäußer und Margret Schütz in einem abstrakten Zen-Garten vor, dessen Wege an sogenannten Beeten entlang führen. Jedes dieser Beete besticht durch ein anderes akkurates Muster, welches durch eine Vielzahl an weißen Platten geformt wurde. Darauf zu lesen sind insgesamt über 500 Geständnisse und Schuldgefühle, auf einen Satz reduziert, die die Gruppe im Laufe des Jahres auf einer Onlineplattform anonym gesammelt hat. Mit den jeweiligen Beeten hätten die Performer*innen nun versucht thematische Einordnungen (z. B. Familie, Sexualität, Floskeln, Konsumsünden) und deren Intensitätsgrade zu bestimmen und zu verordnen.

 

Geschaffen haben sie damit einen „Ort der Betrachtung und Versenkung“, wie er humorvoll von Frank Oberhäußer genannt wird, an dem, nach kurzem Innehalten, zahlreiche Geständnisse präsentiert werden. Hierfür wählen die Performer*innen immer wieder einzelne Platten aus und halten sie hoch. Ehrliche Sätze wie „ich habe heute nur Fast Food gegessen, ich habe mehr geraucht als gegessen, ich halte religiöse Menschen für dümmer oder halt noch nicht so weit, ich habe meinen Vater nicht besucht, als er im Koma lag“, kann das Publikum im ersten Durchlauf direkt von den Platten oder vergrößert via Projektor auf der Leinwand ablesen; im Zweiten dann zusätzlich von den Performer*innen hören.

 

Währenddessen im Zuschauerraum: laute Lacher. Jene sollen auch über den Rest des Abends anhalten – das Stück scheint eindeutig darauf ausgerichtet. Bisher ist noch nichts von der Tiefer erkennbar, die sonst so charakteristisch für die Gruppe Turbo Pascal ist. Man versucht sie trotzdem zu finden: Geht es um die Lacher? Was sind das für Lacher? Entlarvende? Wer identifiziert sich mit welchem „Ich“ auf welchen Platten? Welches Geständnis ertappt, berührt oder bedrückt hier wen? Fragen, die an diesem Abend jede Person für sich selbst beantworten muss, denn die Künstler*innen halten sich dezent zurück.

 

In legerer Kleidung und Gartenschuhen spazieren Oberhäußer, Plischke und Schütz durch die schmalen Wege und kommen von den Selbstbezichtigungen nun auch zu ihren Beschwichtigungen. Den Einstieg hierfür liefert das Geständnis „Ich habe 25 Paar Schuhe, Tendenz nach oben“, das groß projiziert inmitten der Bühne ragt. Welche Bedeutung dieser Aussage zugrunde liegt, versuchen die Drei mithilfe überspitzter Umschreibungen zunächst zu manifestieren, um danach eine Vielzahl an Rechtfertigungen und Ausreden für ihr Verhalten zu finden. Diese führen von den unterschiedlichen Wetterverhältnissen zu Zahlen, die ja eigentlich nur relativ sind, über die Wichtigkeit der Kaufkraft für die Wirtschaft bis hin zur Aufzählung der Dinge, die nicht in 25-facher Auflage besessen werden, wie etwa Wohnungen oder Kühlschränke. Durch diese Klimax werden die Erklärungsversuche ad absurdum geführt, aus allen möglichen Perspektiven beleuchtet und die Schuld schließlich auf kluge und unterhaltsame Weise aus dem Weg geräumt.

 

Was anhand dieses Geständnisses durchexerziert wurde, ist nun exemplarisch für alle Weiteren, die immer intensiver werden. Da hat der Badeurlaub und damit der „way of life“ am Ende die Bürger*innen in einem undemokratisch regierten Land (das nicht sicher ist, aber in dem sicher Sonne ist) dazu inspiriert etwas zu verändern und die Hoffnung darauf, dass anderen etwas nicht gelingt, wird zum Ansporn und plötzlich unabdingbar für die persönliche Weiterentwicklung. Ohne Unterbrechung findet die Gruppe für alle möglichen Geständnisse (moralisch verwerflich, politisch unkorrekt, peinlich,…) passende Beschwichtigungen. In der „wir“-Formulierung als Dreierchor angefangen, als „ihr“ an das Publikum gerichtet oder in der „ich“- Form den Kreis zum Anfang des Stückes schließend. Egal ob wir, ihr, ich – wir sitzen alle im selben Boot, „weil die Selbstbezichtigung nicht die eines bestimmten Wesens ist“, um an dieser Stelle das Peter Handke Sprechstück „Selbstbezichtigung“ anzuschneiden, auf welches sich die Gruppe bezieht.

 

Auf diese Weise halten Turbo Pascal dem Publikum zwar einen Spiegel vor, verzichten jedoch auf die sonst übliche direkte Interaktion. Es gibt keinen nächsten Schritt, in dem das Publikum beispielshalber seine Geständnisse öffentlich Preis geben muss, bloß gestellt wird, ins Schwitzen gerät. Nein, stattdessen wird es in eine kollektive Wohlfühlblase gehüllt, in der es für jede Bezichtigung eine passende Beschwichtigung gibt und das Gefühl ertappt worden zu sein nicht lange anhält. Passend dazu platzieren sich die Performer*innen zum Ende des Stückes in den Beeten und nehmen unterschiedliche Yogastellungen ein, bei denen die weißen Geständnisplatten in den Übungen gekonnt integriert werden. Gelbes warmes Licht unterstreicht den meditativen Charakter. Sich frei von der Schuld machen, abschalten, entspannen, den Geist reinigen ist am heutigen Abend also die Devise. Ein ironischer Kommentar darauf, wie wir uns in unseren Geständnissen und Schuldgefühlen suhlen, um sie letztlich wieder abzuschütteln, um alles wieder genauso machen zu können. Denn nein, solange wir die Beschwichtigungen brauchen, werden wir unser Verhalten bestimmt nicht verändern.

 

Fragwürdig wäre nur, ob diese Message auch bei den Zuschauer*innen angekommen oder ob das Stück für die meisten ein Unterhaltungsabend geblieben ist. Denn dann könnte tatsächlich eine Reflexion über bestimmte Verhaltensweisen in Gang gesetzt werden und eine tiefere Ebene würde sich doch noch bemerkbar machen. Bei dem oder der einen oder anderen kann man dies zumindest vermuten, denn der Garten ist mittlerweile für alle geöffnet und es wird angeregt oder in sich gekehrt durch die Wege spaziert. Ob die Geständnisse am heutigen Abend ein neues Gesicht finden und wie mit ihnen umgegangen wird, bleibt weiterhin anonym. So führt die Gruppe ihre subtile Verhandlung bis zum Schluss fort und schafft damit ein rundes und konsequentes Konzept, in dem sich die Stärke des Stückes zeigt.

 

Foto © Manuel Kinzer

 

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