Hex hex im Matriarchat – „Grrrrrl“ in den Sophiensälen

Die vier Performer*innen des Kollektivs Henrike Iglesias kreieren an diesem Abend in den Sophiensälen einen utopischen Raum namens Fort Grrrrrl, in dem das Patriarchat ausgeschaltet ist und Konnotationen des Bösen, die Weiblichkeit zugeschrieben werden, ausgelebt werden können. Sie spielen tabuisierte und negativ assoziierte Themen wie Masturbation, Menstruation, sexuelle Selbstbestimmtheit, was es bedeutet eine „gute“ Mutter zu sein, kraftvoll und unterhaltsam durch.

Zu Beginn des Stückes befinden wir uns noch in einem 90er/Goth/Hexenzirkel, der uns eine Anleitung unangepasst und unartig zu sein, darbietet. Es wird erklärt wie eine Verwünschung durchgeführt wird, schwangere Bäuche werden geboxt, Chips durch Langhaarperücken in Gesichter gestopft und an blutigen Tampons gelutscht. Kombiniert werden diese Momente mit Kritik an den Verhältnissen. Gegen Ende spitzt sich der Ton zu: „Wenn ich irgendwann 60 bin und nie vergewaltigt wurde, werde ich erstaunt sein, ich werde Glück gehabt haben“. Die Performer*innen belassen es nicht beim Spiel. Zum Schluss wenden sie sich direkt an das Publikum und fordern Widerstand. Sie imaginieren Fort Grrrrrl, einen Ort, von dem aus Utopien gedacht, Normen abgeschüttelt und der Protest organisiert wird.

Böse Frauen* und Popkultur

Wie für das Kollektiv üblich, wird Popkultur miteinbezogen: Der Begriff „Grrrrrrl“ ist auf die feministische Bewegung der Riot Grrrls zurückzuführen. In den 90er Jahren haben ebenfalls wütende junge Frauen, die genervt von der von Männern dominierten Punkszene waren, begonnen eigene Bands zu gründen und ihre feministische Subkultur durch Zines (DIY Magazine) zu verbreiten. Außerdem werden sexistische Interviews mit Lady Gaga, Britney Spears und Nicki Minaj rezitiert. (Lady Gaga wird Selbst-Sexualisierung vorgeworfen, Britney Spears eine schlechte Mutter zu sein und Nicki Minaj sei bei Fotoshoots zu fordernd und „bitchy“.)

Die Performer*innen weben verschiedene Themen ineinander und führen vor Augen, dass patriarchale Weiblichkeit in ein Korsett geschnürt ist, denn der performativer Handlungsspielraum von Frauen* ist extrem begrenzt. Dies wird besonders in einer Szene deutlich, in der sich die Performer*innen ungefähr alles vorwerfen, was das Patriarchat zu bieten hat: „Wenn du 20 Kilo weniger wiegen würdest, würde ich mit dir ins Bett gehen“, „Du Laura, lächle doch mal“, „Sag mal Sophia, du weißt aber schon, dass du die Dorfmatratze bist.“ Wo sich Solidarität untereinander einstellen sollte, tritt ein Szenario „biestiger“ internalisierter Misogynie ein, das als Frauen sozialisierten Menschen bekannt sein dürfte.
Ein weiterer eindrucksvoller Moment ist jener, in dem eine der Performer*innen beschreibt, dass sie aufgrund ihrer Körperfülle versucht immer nett zu sein, immer zu lächeln, um mit ihrer Persönlichkeit nicht anzuecken und nicht zu viel Platz einzunehmen. Der Clou an der Szene: Die Performer*in brüllt ihren Monolog und trägt eine aufgeplusterte Jacke, ein Fell aus Zahnstochern. Ihr Kostüm fügt Volumen hinzu, sie ist nicht glatte Oberfläche, sie sticht. Am Ende ihres Monologs lacht sie laut und dreckig. Stinkefinger.

Politischer Aufruf – an wen?

Als Zuschauer*in beobachte ich ein Abhaken von Situationen, Zuschreibungen und Dynamiken, die mir mal mehr, mal weniger bekannt sind. Allerdings fällt auf, dass die Performer*innen Frauen* im Allgemeinen anzusprechen scheinen, das Stück inhaltlich aber eine nicht besonders diverse Zielgruppe adressiert oder repräsentiert. Gegen Ende der Performance werden Frauen* aus unterschiedlichen Gebieten der Welt und deren Erfahrungen angesprochen, welche ansonsten an diesem Theaterabend nicht auftauchen. Damit wird leichtsinnig ein globaler Feminismus beschworen, dem historisch eine koloniale Geste anhaftet und damit die politische Botschaft schwächt. Auch das nacheinander Abhaken der verschiedenen Themen hat dazu beigetragen, dass mich der Aufruf auf politischer und auf Ebene nicht berührt hat. Vielleicht hätten sie mehr Tiefe erreicht, hätten sie sich auf weniger Themen konzentriert und aus unterschiedlicheren Perspektiven beleuchtet. So bedient sich die Gruppe einer relativ mainstreamigen und privilegierten Version von Feminismus (Miley Cyrus trägt mittlerweile edgy/sexy Achselhaare), die die Performance nicht weniger stark und wichtig macht, deren Anspruch, die Zuschauer*innen am Ende mit einer Art politischem Manifest anzusprechen, aber meiner Meinung nach in der Symbolik versackt.

 

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