VORSCHAU: Der Juli kennt kein Sommerloch!

Langeweile im Juli? Angst vor’m Sommerloch? Keine Sorge, die Freie Szene Berlins ruht nie! Denn sie weiß um die alte Bauernweisheit: Was der Juli nicht siedet, kann der August nicht braten. Daher haben wir auch in diesem Monat wieder mehr Tipps für euch als der ambitionierteste Theaterguru packen kann.

Zu Beginn des Monats wird ein neues Stück von Milo Rau an den Sophiensælen gespielt: In der Tradition des realistischen Erzähltheaters bearbeitet Raus International Institute for Political Murder (IIPM) das Leben und die Verbrechen des Kindermörders Marc Dutroux. Das Besondere: Die Hauptdarsteller sind Kinder zwischen 8 und 13 Jahre. Fünf Episoden führen nicht nur durch die belgische Geschichte, sondern werfen die Frage auf, wie Kinder diese politische, erwachsene Welt wahrnehmen und sich in ihr „einüben“ können (5 Easy Pieces, Sophiensæle, 1.-3. Juli).

Am Ballhaus Naunynstraße bereitet die akademie der autodidakten die Revolution of Colour vor. 20 junge Schauspieler*innen bringen ihre Erfahrungen mit dem Berliner Alltagsrassismus in Form von Tanz, Musik, Video und Performance auf die Bühne. Seid Teil der prärevolutionären Versammlung, auf der Sesperado, der Anführer aus dem Wedding, alle Kräfte auf den Kampf für die Nation of Colour einschwört (Sesperado – Revolution of Color, Ballhaus Naunynstraße, 1.-4. Juli).

Um Kampf geht es auch in der Ausstellung „Break“, allerdings ist das Thema hier der Riss, den der syrische Bürgerkrieg durch den Alltag der Menschen gezogen hat. Das Duo Rodewaldfoest hat in Gesprächen mit jeweils vier Syrern und Deutschen versucht, greifbar zu machen, wie der Alltag in Syrien vor dem Bürgerkrieg aussah und auf welchen Alltag die Syrer in Deutschland stoßen. Sie konzentrieren sich dabei vor allem auf den akustischen Raum, den die Besucher im Ballhaus Ost erkunden können (Break, Ballhaus Ost, 9. – 10. Juli).

Ebenfalls im Ballhaus Ost experimentiert hotairproduction mit der Verbindung von Wissenschaft und Fiktion. Nachdem es in ihrem letzten Stück um die Interaktion von Menschen und Maschinen ging, sollen die Roboter nun ein Stück alleine stemmen – und zwar nichts Geringeres als die Odyssee. Unter den Robotern geht es dabei sehr menschlich zu: „They struggle to achieve a higher state of consciousness through suffering and love“ (L’Odyssée, Ballhaus Ost, 13.–15. Juli).

Ganz schön viel Bewegung in der Freien Szene im Juli? Das war noch nicht alles! Die Tanz Fabrik Berlin bietet wie jedes Jahr mit dem „Sommer Tanz“ ein breites Tanz-Workshop-Programm an, in dem von Voguing über Technosomatics bis hin zu Laban Studien alles dabei ist (Sommer Tanz, Tanz Fabrik Berlin, 9. Juli–26. August). Außerdem stellen in diesem Rahmen die Studio-Künstler*innen ihre Arbeiten vor, die dieses Jahr von gesellschaftlichen Ausschließungsmechanismen handeln (Open Spaces #2, 21.–24. Juli).

Tanz gibt es auch im Acker Stadt Palast: Patrick Faurot (Pasullero Dance Theater) hat eine experimentelle Tanzoper für eine Sängerin, einen Musiker und einen Tänzer konzipiert, in der die unüberbrückbare Entfremdung der Menschen voneinander durch ihre subjektive Wahrnehmung dargestellt wird (Manifold, Acker Stadt Palast, 14.–16. Juli).

Zu guter Letzt gibt es Ende Juli ein neues Stück vom aufBruch Theater, das mit Gefängnisinsassen aus verschiedenen Justizvollzugs- und Jugendstrafanstalten arbeitet. Ein Ensemble aus Ex-Inhaftierten, Freigängern, Laiendarstellern und professionellen Schauspielern spielt diesmal „Glaube Liebe Hoffnung“ von Ödön von Horváth. Das Stück handelt von einer jungen Frau, die wegen einer harmlosen Ordnungswidrigkeit von der unbarmherzigen Gesellschaft in die völlige Vernichtung getrieben wird. Die Geschichte wird angereichert mit Szenen aus Roswitha von Gandersheims mittelalterlicher Tragödie „Das Leiden der heiligen Jungfrauen Fides, Spes und Caritas“, Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“ und Elfriede Jelineks „Ulrike Maria Stuart“ (Glaube Liebe Hoffnung, aufBruch, 20.–23. Juli u.w.).

Der Juli ist schon lange kein theaterfreier Monat mehr – auch wenn die großen Häuser schlummern, ist in der Freien Szene viel los. Denn wenn die Katze aus dem Haus ist, tanzen die Mäuse auf dem Tisch!

Einen aufregenden Juli!

Eure Unruhe im Oberrang

 

Abbildung aus dem Film „Hundstage“ von Ulrich Seidl ©allegrofilm

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