Rassistischer Zwischenfall beim Theatertreffen der Jugend

Vom 3. – 11. Juni 2016 gastiert das Theatertreffen der Jugend im Haus der Berliner Festspiele. Das Theatertreffen der Jugend stellt als jugendliche Version des Theatertreffens das wichtigste überregionale Treffen für junge Theatermacher_innen dar.
Eingeladen wurde diesmal auch «One day I went to Lidl» von den Autodidakten des Ballhaus Naunynstrasse, ein gemeinsames Musik- und Theaterprojekt von Geflüchteten und Berliner_innen of Color, das die Migrationsgeschichte eines Refugees in London mittels Spoken Word, Performance und Live-Musik erzählt. Dass das «ttj» damit gesellschaftliche Normalität abbildet und keine ausschließlich weiße Veranstaltung bleibt, überforderte anscheinend die ebenfalls eingeladene weiße Theatergruppe «rohestheater» aus Aachen.

«Die schlimmste Beleidigung, die ich als Künstlerin je erlebt habe»

Gleich am Eröffnungsabend verunglückte das Theatertreffen der Jugend. Die eingeladenen Gruppen sollten sich gegenseitig vorstellen. Anstatt sich mit dem Projekt «One day I went to Lidl» auseinanderzusetzen, nutzen die Aachener Jugendlichen die Gelegenheit, einen Auftritt hinzulegen, der die Autodidakten des Ballhaus Naunynstrasse rassistisch beleidigte und angriff.

Benita Bailey, die selbst am Ballhaus-Stück mitgewirkt hat und anwesend war – im Gegensatz zum Autor dieses Artikels – beschreibt die Vorgänge so: «21 Jugendliche marschierten militant mit Sonnenbrillen «maskiert» und Einkaufsbeuteln ausgestattet auf die Bühne. Die Steigerung in den Alptraum begann mit dem gemeinsamen Ausspruch «Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann», dann wurde der Song im Ghetto Blaster aufgedreht und affig dazu rumgetanzt, es sah wie ein schlechtes Imitat einer unserer Szenen aus – das alles war wahrscheinlich nicht genug, denn am Ende gingen sie mit ihren Einkaufsbeuteln ins Publikum und verteilten Bananen.»

Kann das Festival trotzdem weitergehen?

Damit erreichte das «ttj» gleich zu Beginn einen vorläufigen Tiefpunkt. War bereits das große Theatertreffen der «bemerkenswertesten» Inszenierungen mehrmals dem Vorwurf des Rassismus ausgesetzt, zeigt sich nun, dass wir es nicht mit einem Generationen-Problem zu tun haben und es (wieder) nicht um abstrakte ästhetische Fragen geht: Die Verwendung rassistischer Darstellungsmittel richtete sich, so scheint es, diesmal direkt gegen die anwesenden Schwarzen und People of Color.

Ein Übergriff, der es rechtfertigen würde, die Aachener Gruppe vom Festival wieder auszuladen?

Die Festivalleitung beschwichtigt und entschuldigt sich in inzwischen mehrmals abgeänderten Statements für den Vorfall. Dieser sei Teil eines Spontanprogramms gewesen und ein «unreflektierter Akt», der zeige, dass «auch Teile der Welt des Jugendtheaters nicht klüger sind als die Gesellschaft als Ganzes». Es werde versucht, Aufarbeitung zu betreiben und die Betroffenen werden gebeten, weiterhin am Festival teilzunehmen.

«We are here and we will fight!»

Allein: was ist ein «unreflektierter Akt»? Dachten die Aachener_innen, die von ihnen Beleidigten würden ihnen danach dankbar und gerührt in die Arme fallen?
Wie dem auch sei, die Autodidakten der Naunynstrasse haben sich entschlossen, weiterzumachen. Jetzt erst recht. Am Samstag den 4.6. lief «One day I went to Lidl» im Berliner Festspielhaus. Fortsetzung folgt.

PS: Inzwischen scheint ein Annäherungs- und Gesprächsprozess stattzufinden, das verspricht zumindest das neue Statement der Festivalleitung vom 6. Juni.

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14 Gedanken zu “Rassistischer Zwischenfall beim Theatertreffen der Jugend

  1. Könnte jemand mal Bitte genau beschreiben, was die Aachener Gruppe gesagt und gegen hat? OHNE zu interpretierten wie es gemeint gewesen sein soll.

  2. @Sascha: langweilt Dich Dein Geplapper nicht? Es ist nicht auszuhalten, was Du da schreibst. Es gibt keine Entschuldigung für dieses Verhalten und ein sofortiger Ausschluss wäre mehr als angebracht gewesen. Es wird wie immer mit zweierlei Maß gemessen und das ist unwürdig und zum Kotzen. @Clemens: Mach Dir nicht die Mühe auf diese mühseligen Rechtfertigungen zu reagieren.

    • Es geht nicht um Entschuldigungen, es geht darum, was angemessen ist und was etwas bringt. Ein Ausschluss fühlt sich schön an für alle, die auf der „richtigen Seite“ stehen. Bringt er etwas? Tut er etwas gegen Rassismus? Führt er dazu, dass die Jugendlichen sich hinterfragen? Natürlich nicht. Wem billiger Aktionismus reicht, schon, ich wünsche mir, dass etwas Zielführendes passiert. Und das geschieht. Ausschließen ist einfach, Auseinandersetzen schwer. Und schmerzhaft, ohne Frage. Was bringt mehr?

  3. Was jetzt passiert, ist das, was bei so einem Scheiß immer passier: Klassische Täter-Opfer-Umkehr. Nicht der Rassismus ist jetzt also das Problem, sondern der Rassismusvorwurf. Und das Statement der Achener macht ja ganz deutlich, dass sie es nicht kapieren. Ätzend. #checktmaleureprivilegien

    • Nein, genau das passiert nicht. Über das Schwachsinns-Statement des Spielleiters der Aachener (der mir als „beratungsresistent“ beschrieben wurde) müssen wir nicht reden. Keiner teilt diese Einschätzung und niemand behandelt die Aachener entsprechend. Also bitte keine Mythen in die Welt setzen. Danke.

      • Wie bitte? Natürlich passiert das! Im Statement der Aachener (das in der ersten Person plural geschrieben und mit „rohestheater“ signiert ist und somit nicht als Einzelmeinung des Spielleiters zu erkennen ist, wie Du unbelegt behauptest). Im Statement der Festspiele, bei dem die Entschuldigung bei den Aachenern inzwischen mehr Raum einnimmt als der ursprüngliche Vorfall. Im Beitrag von kulturradio rbb, die ernsthaft fragen, warum die Aachener mit Klischees zurückstecken sollten, nur weil sie zur weißen gesellschaftlichen Mehrheit gehören, und behaupten, die Vorwürfe der Autodidakten seine aus der Luft gegriffen. Und letztendlich auch latent in Deinem blog, wenn Du die Aufmerksamkeit auf vermeintlich schwere Geschütze gegen die Aachener lenkst. Stattdessen forderst du „Auseinandersetzung“. Was soll das bedeuten? Wieso sollten die Autodidakten überhaupt dabei helfen, den rassistischen Mist, den andere verbockt haben wieder aufzuräumen?

  4. Danke trotzdem für die Kommentare. Ich habe den Text nochmals abgeändert, um den neuen Statements der Berliner Festspiele Rechnung zu tragen und klarzumachen, dass ich nicht vor Ort war. Die Forderung, die Gruppe auszuladen, habe ich zur Frage umgewandelt. Der Text muss ja nicht alle Probleme auf einmal lösen.

    • Lieber Clemens, keine angst, ich lasse es gleich ruhen, aber hier muss ich noch einmal antworten. Du schreibst, es sei nebensächlich, ob die Beleidigung intentional war oder nicht. Da widerspreche ich vehement. Es macht einen Riesenunterschied, ob es absicht war oder nicht. Weniger in der Bewertung des Vorfalls als vielmehr im Umgang mit der inkriminierten Gruppe. Ist es Absicht, gibt es nur eine Möglichkeit: Die Gruppe so scharf sanktionieren wie möglich. Heißt: sofortiger Ausschluss. Lag jedoch keine Absicht vor, müsste es doch darum gehen, den Jugendlichen deutlich zu machen, was sie getan haben, warum das nicht in Ordnung ist und sie dazu bringen sich zu hinterfragen, welche nicht reflektierten Ressentiments zu der Entscheidung geführt haben. Das ist der weg, den die Festspiele wählen, und den halte ich auch für richtig. Wenn es also keine Absicht gab (nehmen wir das mal als Arbeitsthese an), wie würde ein Ausschluss nutzen? Wie würde er das notwendige Nach- und Umdenken fördern? Das erschließt sich mir nicht.

  5. Ich war bei dem Abend nicht anwesend, das ist richtig, aber das behaupte ich auch an keiner Stelle, vielmehr habe ich meine Quellen – die verwendeten Zitate – kenntlich gemacht. Aber auch von Dir @Schascha lese ich keine andere Version des Abends. Ich bewerte wohl einfach die Vorfälle anders als Du. Wenn es sich nur ungefähr so abgespielt hat wie beschrieben, wäre das aus meiner Sicht Grund genug, um die Gruppe vom Festival auszuschließen. Das hätte ich als Festivalleitung gemacht. Das wäre auch keine Vorverurteilung, sondern eine Verurteilung. Für beschwichtigend halte ich das Statement der Festspiele-Leitung insofern, als sie von „unreflektiert“ reden, obwohl es ohne Entschuldigung der Aachener Gruppe keine Belege für fehlende Reflektion gibt. An der Gruppe läge es auch zu deeskalieren, ich sehe diese Aufgabe nicht bei mir. Ich denke, Rassismus wird generell schon genug verharmlost.

    • Lieber Clemens, es ist richtig, dass du nicht behauptest, da gewesen zu sein, du machst aber eben auch nicht klar, dass du es nicht warst. Dass dein Bericht ausschließlich auf Angaben Dritter basiert, wird nicht deutlich. 2. wird die Darstellung des Geschehens verkürzt dagegeben. So gab es für die Frage „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?“ (bekanntlich ein populärer Kinderreim) einen Kontext und eine Antwort, die eine kritische Intention (gegenüber einer als rassistisch wahrgenommenen Gesellschaft) durchaus als Interpretation zulassen. Ob das geglückt war, steht auf einem anderen Blatt. Über die Aktion mit den Bananen müssen wir nicht reden. Es gibt mittlerweile übr. ein langes Statement der Festspiele (siehe Seite des TTJ), auf der das ursprüngliche (das eigentlich das 2. war), in dem von „Angriff“ und „Übergriff“ die Rede war zurückgenommen wird. Ich habe mit niemandem, der dabei war, gesprochen, der davon ausgeht, es hätte hier eine Absicht vorgelegen. Die schockierte Reaktion der Aachener Gruppe am Abend selbst spricht deutlich dagegen, wie auch der „Trailer“ selbst. Zudem haben sich die Jugendlichen sehr wohl bei der Gruppe des Ballhauses entschuldigt, die wiederum diese Entschuldigung angenommen haben soll (wie ich von 2 Quellen hörte). Fakt ist, dass die Gruppe sich rassistisch beleidigt fühlte, und das ernst zu nehmen ist. Es muss aber auch Fairness gegenüber Jugendlichen (!!) herrschen, die etwas getan haben, dessen Auswirkungen sie nicht erkannten. Wie Ausgrenzung und Verurteilung hier nützen können, erschließt sich mir nicht. Der Weg, den die Festspiele gehen, hier einen Dialog zu fördern, halte ich für den richtigen.

      • Wenn es eine Entschuldigung gegeben hat, ist das ja schon mal ein erster Schritt. Ansonsten halte ich die Frage, ob das so intendiert war, für nebensächlich. Gerade weil es sich um junge Menschen handelt, die sich zudem mit Theater und gesellschaftlichen Fragen beschäftigen wollen und es besser wissen können, habe ich kein Verständnis. Es gibt viele Jugendliche, die keine Bühne haben, um sich auszuprobieren, die diese Bühne aber nicht nutzen würden, um andere -ob gewollt oder nicht- zu beleidigen.

  6. Dazu ist Folgendes zu sagen: Die Interpretation der entsprechenden Szene ist persönlicher Natur, sie lässt sich auch anders lesen, nämlich als unreflektiertes Spiel mit rassistischen Klischees und fehlgeschlagener Versuch einer Satire. Das wäre dumm genug. Dass die Ballhaus-Gruppe sich verletzt und getroffen sieht, ist unstrittig und nachvollziehbar. Hier von einer Absicht auszugehen, halte ich allerdings für perfide und durch keine Tatsache gedeckt. Übr. hat die Festspielleitung keineswegs beschwichtigt. Das Statement ist vielmehr in seiner Vorverurteilung und seinem aggressiven Duktus weder erträglich noch angemessen. Dass ihr euch an dieser Eskalation beteiligt, ist bedauerlich. Zumal ich den Autor nicht bei der Eröffnung gesehen habe. In diesem Fall ist ein Beitrag, der so tut, als berichtete er aus erster Hand, nicht wirklich als seriös zu bezeichnen.

  7. Sind das nicht Kinder bei dem ttj? Wenn ja, dann haben nicht die Kinder versagt, sondern vor allem die Leitung des Festivals und der betreffende Aachener Theaterpädagoge. Die sollten zur Verantwortung gezogen werden und nicht die Minderjährigen, die sich diese rassistischen Klischess nicht ausgedacht haben, sondern sie – weil sie minderjährig sind – unreflektiert reproduzieren

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