VORSCHAU: Was bringt der Juni?

Vielleicht gaben sich manche zuletzt schon beim Performing Arts Festival freie-Szene-mäßig die Kante. Und vielleicht ist es überhaupt müßig im Juni, wenn sich alle Welt zum Knutschen oder Kiffen an kleinen Wasserflächen versammelt, Ausgehtipps zu geben. Aber man kann ja auch mal bekifft ins Theater. Und händchenhaltend, mit großen Augen warten, dass der Vorhang aufgeht. Wie dem auch sei: Hier eine Auswahl von Premieren und allerlei Dienliches für den Juni!

Im Ackerstadtpalast bringen die Regisseurin Yael Gaathon und die Tänzerin Vangeline das absurde Körpertheater Butoh aus Japan mit der Musik Ludwig van Beethovens zusammen. “Dancing with Ghosts” zieht seine Inspiration aus der Formsprache des Butoh-Begründers Hijikata Tatsumi (Abb. oben), den Gesten des Dirigierens sowie der Geisterwelt: “I’m exploring human history in all its beauty and violence.”, kündigt Vangeline an, “I’ve also learned to invite spirits into my dance”. Klingt schon mal großartig. (Dancing with Ghosts, Ackerstadtpalast, 15.6., 20h)

Ein Butoh-Workshop eröffnet auch das Performance- und Workshoptreffen “NoMAD House”, für das die finnische Kompanie Mad House und andere Gäste vom 8. bis 11.6. den Theaterdiscounter übernehmen. Auf dem Programm stehen Workshops und Gespräche, in denen kollaborativ ergründet werden soll: “How to do Art in this World?” Des Weiteren locken Performances, eine artistische Suppenküche und alkoholische Getränke. (NoMAD House, Theaterdiscounter, 8.-11.6, je 11-23h). Und auch im HAU ist ein Tanzstück zu sehen, das sich auf Hijikata Tatsumi bezieht. Im Rahmen des Festivals “Projeto Brasil – The Sky Is Already Falling” performt der brasilianische Tänzer Thiago Granato am 18.6. erstmals in Deutschland “Treasured in the Dark”, das Versatzstücke von Choreographien Tatsumis und anderer neu auf die Bühne bringt. (Treasured in the Dark, HAU3, 18.6, 20h; Festival Projeto Brasil, HAU, 7.-19.6.)

Selbigen Abend macht Granato damit dem Stück “Geheimnisse” streitig, das im TAK–Theater im Aufbau Haus Premiere feiert. Das unter anderem in dokumentarischen Workshops erarbeitete Stück von Monika Dobrowlanska erkundet Erfahrungen von Kindern, deren Eltern inhaftiert wurden und nennt in der Ankündigung eine erstaunliche Zahl von Betroffenen: 100.000, derzeit, in Deutschland. (Geheimnisse, TAK, 18.6., 20h) Wer passend dazu verstehen möchte, welche Funktion der wachsende Gefängniskomplex für die Beherrschung der ebenfalls wachsenden Armut im neoliberalen Zeitalter hat, dem sei ein Vortrag des Soziologen Loic Wacquant in der Reihe “Fearless Speech” am HAU ans Herz gelegt. (Fearless Speech #4: Foucault, Bourdieu und der Gefängnisboom, HAU1, 22.6., 19h).

Bleiben noch drei Premieren zu erwähnen: Beginnend in den Sophiensaelen führt die Live-Hörspiel-Performance “Es ist so deutsch im Kaltland” durch Mitte in den Wedding. Vor der Folie einer dystopischen Zukunftsfiktion werden die ZuschauerInnen von ‘Walkern’ durch die Stadt geführt, mysteriöse Strahlungen und Mutationen werden zu Chiffren sozialer Spannung und unsichtbarer Grenzen. (Es ist so deutsch im Kaltland, Sophiensaele, 3.6., 18h) Im HAU ästhetisiert “Normal Dance” von Antonia Baehr die Körperlichkeit femininer Maskulinität, “kräftiger Griff, fester Stand, Stärke, Kaliber”, also das was man gemeinhein butch nennt. (Normal Dance, HAU1, 2.6., 19h)

Und zuletzt beschäftigen sich in einem Stück mit dem wunderbaren Titel “How long is paradise?” DarstellerInnen des Jugendclubs am Heimathafen Neukölln mit Religion und Glauben: “Was wissen wir? Was glauben wir? Und woher wissen wir was wir glauben?” Das Übersinnlich-Unsichtbare steht also auf dem Programm, die Vernunft und das dazwischen: “Ich glaube an gute und böse Bakterien”, schreibt einer der Beteiligten im Ankündigungstext… (How Long is Paradise?, Heimathafen, 16.6., 19h30)

Und sonst so?

  • Theaterscoutings lädt am 11.6. zu einer Backstage-Tour durch Spielstätten der Freien Szene mit der Regisseurin Susanne Chrudina (Spielstättentour, Treffpunkt vorm TAK-Theater im Aufbau Haus, 11.6., 14h)
  • Im Theater RambaZamba wird das Sophokles-Drama “Philoktet” upgedatet. Am 15.6. ist auch hier Theaterscoutings vor Ort und lädt zum Publikumsgespräch in Anschluss an das Stück. (Philoktet, Theater RambaZamba in der Kulturbrauerei, 15.6., 19h)
  • Im türkischen Theater TIYATROM ist ein Stück über den schwulen jüdischen Widerstandskämpfer Gad Beck zu sehen. (Und GAD ging zu David, TIYATROM Türkisches Theater, 4./5., 9./10., 16./17.6., je 19h30)
  • Auf seiner intensiven Ein-Mann-Bühne gibt Adolfo Assor den “Großinquisitor” (Der Großinquisitor, Garntheater, alle Tage außer dienstags und mittwochs, 20h)
  • Im Theaterdiscounter läuft nochmals die von uns vor kurzem lobend besprochene “Legende von Dimi und Ela” (23. und 24.6, 20h)

Einen wundervollen Juni allerseits!

Euer unruhiger Oberrang

 

Abbildung: Tatsumi Hijikata and Japanese People: Rebellion of the Body 1968
© Tatsumi Hijikata Collection, Keio University Archive, Tokyo

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