Off the beaten track – der Guide zur Berliner Freien Szene

Lotte Marlene Thaa und David Meiering

Das Performing Arts Festival hat sich zum Ziel gesetzt auch unbekanntere Orte für Theater, Tanz und Performance-Kunst ins Bewusstsein der theaterinteressierten Menschen Berlins zu bringen.

Ateliers, Cafés, der „öffentliche Raum“, private Wohnzimmer – Orte, die oft nur Kunstschaffenden vorbehalten sind, werden im Rahmen des Festivals auch Normalsterblichen zugänglich gemacht und erlauben so einen erweiterten Blick auf die Stadt und ihre sehr lebendige, aber oftmals, ob freiwillig oder nicht, doch ein wenig unter sich bleibende Kunstszene. Die Unruhe-Kapazitäten erlauben es nicht, jede Spielstätte vorzustellen, aber wir haben eine kleine Auswahl von besonders exotischen Orten getroffen. Von weit außerhalb des Rings liegenden Orten bis zu Spielstättenjungfrauen wollen wir euch ermutigen, auch gerade die unbekannten Teilnehmer_innen des Festivals zu besuchen.

Greenhouse Berlin

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Wenn es das Greenhouse nicht schon gäbe, wäre die Stadt Berlin aus Imagegründen verpflichtet, eine solche Institution irgendwo aufzubauen. Mehr Berlin geht eigentlich nicht, als ein leerstehendes Arbeitsamt, das von Künstler_innen aus aller Welt als Studio, Proberaum und Bühnenspace genutzt wird – inklusive Non-Profit Café und Aussicht auf Schrebergärten.

Schon allein für dieses Panorama lohnt es sich den 8. Stock dieses Gebäudes zu besuchen, wo die PAF-Veranstaltung am Freitag stattfinden wird. Das Bonobo Café im 1.Stock bietet für die thriftigen Besucher_innen, die ihr eigenes Geschirr und Besteck mitbringen, Essen und Getränke, selbstredend alles auf Spendenbasis, wir sind hier ja schließlich nicht in London oder Paris. Die BZ verhandelte das Greenhouse unter der Überschrift: „Hippie-Kommune haust in Ex-Arbeitsamt und zahlt überhöhte Mieten.“ Auch damit ist Berlin 2016 wohl ziemlich gut auf den Punkt gebracht. Wer mitreden will, sollte also schon hier gewesen sein.

Gottlieb-Dunkel-Str. 43/44, 8. Stock, 12099 Berlin | http://greenhouse-berlin.de/about.html

Agora Collective

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In der Mitte von Neukölln und doch etwas versteckt im Niemandsland zwischen Hermannstraße und Karl-Marx-Straße gelegen, bietet das Agora Collective nicht nur ein nettes Café im Grünen, sondern auch Ateliers, eine Artist Residency und einen Coworking Space. Interessant ist diese Institution auch deshalb, weil sie prominent bei der Neugestaltung des Geländes der Kindl-Brauerei vertreten ist. Nur fünf Minuten Fußweg entfernt entsteht dort die zweite Zweigstelle des Kollektivs, womit sie an einem der Neuköllner Kieze sitzen, die sich am schnellsten verändern. Erst diesen Samstag wurde die neue Treppe zwischen dem Gelände und der Isar/Neckarstraße eingeweiht, was stark nach piefiger Lokalpolitik klingt, aber mit einem Kiezfest gefeiert wurde, bei dem klar wurde, dass es durchaus eine hohe Bereitschaft gibt diesen bis dato eher ausgestorbenen Teil von Neukölln zu nutzen.

Am Freitag findet im alten Agora-Gebäude der Fachtag des PAF statt, für den man sich bis zum 25. anmelden muss; einen Café trinken kann man hier aber so gut wie immer.

Mittelweg 50, 12035 Berlin | www.agoracollective.org

District

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Zwar verschlägt es Frischzugezogene wie Alteingesessene gelegentlich ins Gewerbelabyrinth unterhalb des Südkreuzes; allerdings endet die Exkursion meistens nach kurzer Zeit mit neuen Topfpflanzen und Schreibtischlampen. Dabei verbirgt sich hinter der Betonwüste des Ikea-Parkplatzes eine regelrechte Kulturoase: die Malzfabrik. Das alte Mälzereigelände stellt mit seiner Industriearchitektur nicht nur einen perfekten Drehort für Filmproduktionen dar, sondern veranstaltet dieses Jahr auch ein Musikfestival auf der Malzwiese. Die vielen ehemaligen Produktionshallen bieten allem einen Platz, was mit Kunst und Kultur zu tun hat – darunter auch „District Berlin“, ein Kunstraum, der eine große Ausstellungshalle und Künstler_innenateliers umfasst. District bietet nicht nur jungen Künstler_innen die Chance, ein Atelierstipendium zu ergattern, sondern versucht auch mit seinen Projekten aus dem abgeschlossenen Kunstzirkel hinaus in die Stadt zu wirken. So untersuchen Künstler_innen und Kinder der Großraumsiedlung Marzahn-Hellersdorf zusammen die Bauweise der sozialistischen Stadt im aktuellen Projekt „Raumschiff Marzahn“. Für das Performing Arts Festival lädt District die Besucher_innen aber zunächst in die eigenen Räume ein: Im Rahmen der Installation „Public Speaking“ findet die Konzertperformance „Raze de Soare“ am Freitag, den 27.5. um 21 Uhr in der District-Veranstaltungshalle in Haus G statt. Der Ausbruch aus dem Berliner Ring lohnt sich!

Bessemerstraße 2-14, 12103 Berlin | www.district-berlin.com

Ehemaliges Stummfilmkino Delphi

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Zwar nicht in der geographischen Mitte, aber doch im Epizentrum der Freien Szene, befindet sich das ehemalige Stummfilmkino Delphi. Eine berlintypische Erzählung von Leerstand, Ankauf, Nachnutzung und künstlerischer Wiederbelebung, hat diese schicke Reminiszenz an die 20er und 30er hervorgebracht. Aus dieser Zeit stammt dieses wunderhübsche Gebäude, dessen Entstehungsgeschichte bereits ein wenig Tragik enthält: Wie der heutige Name andeutet als Stummfilmkino gebaut, wurde das Kino schon ein Jahr später, mit dem Aufkommen des Tonfilms, anachronistisch. Mit dem heutigen Anspruch jeglicher Form von (Performance-) Kunst einen Raum zu bieten, ist die Institution heute alles andere als anachronistisch (das belegen schon die 174 Berliner Kneipen mit ähnlich unverputzten Wänden) und verspricht, ein spannender Ort für den Kiez aber auch darüber hinaus zu werden/bleiben. In der Ruinenporn-Ästhetik-Kulisse wird hier Donnerstag und Freitag die Berlin Opera Group mit Le Nozze di Figaro das Spektrum des Festivals um ein eher ungewöhnliches Genre bereichern. Über das Entstehen einer Off-Opera Szene wird auch im Gespräch mit theaterscoutings vor der Vorstellung diskutiert werden. Irgendwie passend in einem Gebäude eines so gut wie ausgestorbenen Genres eine der (vermeintlich) altmodischsten Formen des Theaters wiederzubeleben.

Gustav-Adolf-Straße 2, 13086 Berlinhttp://ehemaliges-stummfilmkino-delphi.de/

Lake Studios Berlin

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Idyllischer geht’s kaum: wildwuchernder Garten mit Schaukel, Tanzsaal mit Deckenfenster zum blauen Himmel – in den Lake Studios in Friedrichshagen fühlt man sich wie in einer stilvollen und doch bodenständigen Künstlerkolonie auf dem Lande. In den Räumlichkeiten wohnen insgesamt 9 Künstler_innen in Kurzzeit-Residencies oder auch permanent. Dabei handelt es sich jedoch keinesfalls um einen Versuch, klösterliche Abgeschiedenheit herzustellen. Zahlreiche Tanz- und Yogakurse, Workshops und Abendveranstaltungen öffnen diesen Ort für lokales und aus dem Innern des Rings angereistes Publikum. So auch während des Performing Arts Festivals, dessen Intention, den Horizont der Berliner Theatergänger_innen zu erweitern, hier voll aufgehen dürfte. Im Gegensatz zu den zentralen Hauptstadtlocations verspricht hier auch das Miteinander nach der Vorstellung intimer auszufallen – die Kunstschaffenden wohnen schließlich hier und allzu viele hippe Alternativen für das Glas Wein oder Bier danach gibt es auch nicht. Wer also am Freitag die Zeit findet (nur 35 Minuten vom Alexanderplatz, wenn die S-Bahn funktioniert, die Peripherie rückt näher!) sollte sich die Stücke der derzeitigen Artists in Residence anschauen und im Anschluss mit ihnen darüber plaudern.

Scharnweberstr. 27, 12587 Berlin | https://lakestudiosberlin.com

Selbst wenn ihr vor lauter Hauptstadtbetriebsamkeit nicht dazu kommen solltet, euch eine der Performances im Rahmen des PAF anzugucken, solltet ihr die exotischeren Spielstätten Berlins im Blick behalten. Viele der Orte bieten regelmäßig Veranstaltungen an oder können auch von euch für eure nächste Polit-Versammlung oder Erstkommunion genutzt werden.

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