Die Würde des Menschen im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit – Die Paulsens II im Theater im Kino

 

Paulsens II

© Girl to Guerilla

Die Familie Paulsen wohnte vor einem Jahr noch im Wedding, doch es drohte sich an, dass sie weggentrifiziert würde. Glücklicherweise konnten alle Paulsens (Mama Daniela, die Söhne Tristan, Harry, Stefan, Jörg, Harrys Sohn Dieter) bei den Movie Kingdom Studios in der Boxhagener Straße 18 in Friedrichshain Unterschlupf finden. Der Preis für die Wohnung: Sie müssen täglich Besucher_innen Zutritt in ihre Wohnung gewähren, ihren Alltag teilen und abends (natürlich ebenfalls vor Publikum) eine Sitcom drehen, deren Skript von Sohn Tristan, dem aufstrebenden Regisseur der Familie, stammt.

Das Kollektiv Girl to Guerilla erkundet mit „Die Paulsens II“ vom 11. bis zum 15. Mai das sog. „Hartz-TV“ im TIK bzw. in den Movie Kingdom Studios. Mit Raufasertapete, Holzschalen aus den 70er Jahren, einem Plasma-Bildschirm mit Playstation, Familienfotos und allerlei anderem ist die Wohnung der Familie, die abends zum Set wird, ausgestattet. Was treibt die Familie dort den ganzen Tag?

Eine nette Familie – Eine schreckliche TV-Welt

Sie waschen ihre Autos, Sohn Stefan kommt aus seiner WG an der Hermannstraße, Tristan plant das Drehbuch für den Abend, was Dieter macht, weiß man nicht so genau und Mama Daniela kümmert sich um alle und alles, trotz gesundheitlicher Probleme. Aber wo ist Jenny, die Tochter, ein Kind von Traurigkeit, das vor einem Jahr im Wedding zu reichlich Spekulation Anlass bot? Sie wird abends zur Aufzeichnung der Serie durch eine ganz und gar nicht passende Schauspielerin ersetzt, die die Marotten Jennifers (zum Beispiel das Pulen an allen erdenklichen Gegenständen und Menschen) für ihre Rolle einstudiert hat. Und warum muss Stefan vor der Kamera einen Scout-Rucksack tragen, obwohl er gar nicht mehr zur Schule geht? Weil das eben im Skript steht, weil die Serie ein paar Jahre zuvor ansetzt. Und weil der Studio-Boss des zwielichtigen Filmstudios, das unter anderem durch den „Saunaführer Oberbayern“ oder die „Partybrüder“ bekannt geworden ist, das so will. Die Familie geht im Zerrbild der Familie verloren, das von Drehtag  zu Drehtag weniger mit der Familie an sich zu tun hat, was für reichlich Missmut und Aggressivität sorgt.

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© Max Böhner

Und die Gespielten spielen selbst, aber nicht sich selbst

Tagsüber begibt sich das Publikum in die „Privatsphäre“ der Familie, die durch die Produktionsfirma und dadurch wiederum durch das Publikum nicht mehr privat ist. Wie im Zoo wird die Familie vom Publikum abfotografiert. Wie Touristen die Heterotope Hogwarts oder die Wisteria Lane für gutes Geld besichtigen können, die angehimmelte Schein- und Pappwelt aus der Nähe betrachten können, so dringt man bei den Paulsens in die Kulisse und zugleich in die echte Welt der Familie mit all ihren Mitgliedern ein. Die Ausbeutung der Familie durch das Studio wird dadurch kritisch offengelegt und ad absurdum geführt. Muss man sich spätestens jetzt nicht an die eigene Nase fassen? Wird das Publikum nicht automatisch mitschuldig an der Demütigung der Familie – egal, ob immersiv im Raum oder hinter den Kameras am Abend, geschweige denn vor den Bildschirmen bei der Ausstrahlung? Durch die souveräne Spielart der Performer_innen von Girl to Guerilla, deren umfassende 24/7-Rollen (und deren Rollen der Rollen – verzwickt ist das!) an keiner Stelle zu bröckeln beginnen, kann man problemlos die Pflegedienst-Fachkraft fragen, welche Medikamente sie für Mama Daniela ordnet, oder mit Stefan ein paar Hanteln stemmen, mit Jörg ein Brötchen essen.

Paulsens

© Girl to Guerilla

Abends wiederum, zur Aufzeichnung der Sitcom, wird man von einem Animateur aufgeheizt, um mit Lachern usw. eine gute Geräuschkulisse abzugeben. Man wird als Publikum in den Dienst des Studios, der Sitcom gestellt und instrumentalisiert wie die Familie. Die Paulsens selbst fangen zu zweifeln an, ob alles mit rechten Dingen zugeht. Neben mir fragt jemand: „Aber ist das jetzt nicht blöd, wenn man über die Familie lacht? Ich meine, der eine da vorn wohnt doch wirklich hier, oder?“. Gute Frage. Wenn sich Jörg und Stefan in der Serie schlagen, schlagen sich dann auch Jörg und Stefan als Familie und was ist mit den Performern selbst? Schläge tun schließlich auch so weh. Die Grenzen zwischen Rolle, Rolle der Rolle und den tatsächlichen Menschen verschwimmen – wie im Unterschichtsfernsehen eben. Das ist spannend und herausfordernd, weil man als Zuschauer_in sich aktiv wehren muss, den Durchblick zu verlieren.

Die Würde des Menschen im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit

Bei der Nachbesprechung zum Dreh mit dem Studio-Chef wird klar, dass einige Mitglieder der Familie höchst unzufrieden damit sind, wie sie dargestellt, genauer gesagt, bloßgestellt werden, um ein paar Lacher zu generieren. Der Chef beschwichtigt, dass die Leute vor den Fernsehern ausschließlich über das Skript, über die (fiktiven) Figuren lachen würden und niemand die Blödheit der Figuren auf die Familie selbst übertragen würde. Wirklich? Man tappt in die Falle.

„Der da könnte ja auch von Schwiergertochter gesucht sein!“, höre ich hinter mir jemanden sagen. Wie passend: Erst am 12.5. hat Jan Böhmermann in die RTL-Schmuddelkiste gegriffen und einen kleinen Coup gelandet, indem er die dreckigen Machenschaften des Formats aufgedeckt hat. Doch das ist nur ein Fall unter tausenden. Bei den Paulsens muss man sofort an diverse Familien im Brennpunkt denken, die wohl gar nicht so sehr im Brennpunkt stehen und wahrscheinlich nicht einmal eine Familie, sondern billig erkaufte Laiendarsteller_innen in Knebelverträgen sind.

Die Paulsens II

© Girl to Guerilla

Wichtig ist, dass man als Zuschauer_in die Familie nicht mit dem Scripted-Reality-Abbild gleichsetzt. Denn wer tagsüber mit den Paulsens Zeit verbringt, merkt schnell, dass der ganze Mist, der am Abend inszeniert wird, nichts mehr mit der Familie zu tun hat. Durch die Verquickung von immersiver Installation/Performance und abendlicher Show gelingt es Girl to Guerilla, wie man es von diesem Kollektiv gewohnt ist, mit ausgeklügelten, differenzierten Charakteren, opulenter Requisite und einem witzig-detaillierten Bühnenbild Stereotype einer deutschen Unterschichtsfamilie in prekären Verhältnissen und die unsauberen Geschäfte der Fernsehwelt aufzudecken. Besonders schön und spannend ist es, Teil eines facettenreichen Narrativs zu werden. Daher lohnt es sich, öfter und auch tagsüber zwischendurch in die Movie Kingdom Studios zu kommen.

Wer die Paulsens tagsüber im „Privaten“ und/oder abends zur Aufzeichnung vor Publikum besuchen möchte, hat noch bis zum 15.5. im TIK Süd (Boxhagener Str. 18) die Gelegenheit dazu.

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