Glück auf, Glück auf, wer kommt? – „2030 – odyssee im leerraum“ im Theaterdiscounter

Sing mal mit! Ungewöhnlich: Ein Mann in Gummistiefeln und weißem Kittel betritt das Foyer des Theaterdiscounters und animiert das Publikum, „Glück auf“ zu singen. Die „odyssee im leerraum“ vom Jungen Theater Göttingen startet wie jede Tour in unbekannte Städte oder Gegenden mit einem Fremdenführer. Mühselig versuche ich, meine Aversion gegenüber Menschenmengen, die dasselbe singen, abzulegen und einfach mitzusingen. Anschließend begeben wir uns auf eine Reise nach Südniedersachsen. Kubricks Science-Fiction-Film „Odyssee im Weltraum“ wird zwar im Titel anzitiert, das Stück schlägt aber eine ganz andere Richtung ein: Zurück aufs Land, ins Dorfleben.

© Dorothea Heise

© Dorothea Heise

Dem Publikum wird vom selben Schauspieler die Region Göttingen vorgestellt, die laut einer Hochrechnung bei ähnlichem demographischen Wandel wie derzeit 2155 ausgestorben sein wird. Das ist die positive Prognose, mit der das Stück beginnt, mit der sich das Wanderlied bricht. Der Steiger kommt? Wohl eher kam der Steiger ins Harz, aber das ist lange her.

Kommen Sie nach Osterode, nach Jühnde, nach Seesen, oder doch Adelebsen, Schwiegershausen, oder vielleicht Clausthal Zellerfeld? Als Zuschauer_in muss man sich einer dieser Gemeinden sozusagen anschließen und dort „einziehen“ resp. Platz nehmen. Wir sind also in Niedersachsen, einem Bundesland, das für mich bis dahin ein weitestgehend weißer Fleck auf der Landkarte gewesen ist. Aber Zyklopen oder Sirenen gibt es natürlich auch in Südniedersachsen nicht, stattdessen ganz andere Probleme. Die Schauspieler_innen beginnen, zum Teil in Ärztekitteln mit Playmobil-Figuren, also in Miniaturform, darzustellen, wie der demographische Wandel sich bemerkbar macht und, vor allem, künftig bemerkbar machen wird. Die Playmobilfiguren verschwinden vom Rasen in die Jackentasche. Die alten Leute sterben weg, junge Leute ziehen nicht in die Dörfer, sondern nehmen lieber Reißaus.

„Es wird immer nur versucht, Schadensbegrenzung zu betreiben, statt nach den Ursachen zu suchen.“

Eine dieser Ursachen für die Landflucht und Verstädterung, so die Nachforschung vom Jungen Theater Göttingen, sei die neue Konsumkultur: Wir bestellen mehr online, in den Städten wie auf dem Land, wodurch ganze Straßen von Leerstand und anschließendem Verfall betroffen seien. Diese sich ständig verkleinernden Gemeinden, in diesem Fall Südniedersachsens, könnten mit anderen fusionieren, im Konjunktiv. Auch hierbei stößt man nämlich auf Probleme: Wie soll man zwei endlos verfeindete Schützenvereine miteinander fusionieren können?

© Dorothea Heise 2

© Dorothea Heise

Dass die Schauspieler_innen da etwas ratlos bleiben, wenn sie die O-Töne von Politiker_innen wiedergeben, die der Regisseur Nico Dietrich und der Dramaturg Lutz Keßler in niedersächsischen Dörfern gesammelt haben, ist nicht verwunderlich. Eine Lösung liegt nicht auf der Hand. Jedoch ist erstaunlich, wie gut der Ton der Landbevölkerung von Politiker_innenseite bis hin zu Bürger_innen getroffen wird. All diese Zitate kreiseln immer wieder um die eine Frage: Was kann man ändern, damit nicht ganze Teile Deutschlands leerstehen und verkommen? Konkret hieße dies: Metropole versus rechtsfreier Raum, den man den Nazis nicht überlassen will. Im Hintergrund werden währenddessen Fotos an die Wand projiziert, die illustrativ das Gesprochene auf der Bühne unterstützen. Beispielsweise sieht man ein Graffiti, das besagt, dass das Kino doch wiedereröffnen solle, oder ein ehemaliges Kohlekraftwerk, das zu einem Museum umfunktioniert wurde. Auch wird ein Casino präsentiert, das mitten in der Ödnis steht und an Skurrilität US-amerikanischen Landstrichen gleichkommt.

Es erscheint paradox, dass immer mehr Leute zurück zur Natur, bewusster essen, gesünder leben wollen und dennoch ganze Teile des Lands leerstehen und dem Verfall preisgegeben sind. Wie beim Domino stößt ein Stein den anderen um: Stirbt der eine, kommt keiner nach, zieht jemand fort, kommt niemand nach. Und wenn dann nur noch 40 Kinder in der Grundschule übrig sind, muss die Grundschule schließen, die Wege verlängern sich bis zum nächsten Konzentrationspunkt, an dem noch eine Grundschule ist. Aus der Not gründen die Menschen vor Ort eigene Vereine und starten Initiativen, um das Leben so erträglich und schön wie möglich zu machen.

Eine Chronik der Zukunft

Das Dörfliche muss nicht schlecht sein. Beige Hosen beispielsweise. Etwas zynisch werden vier verschiedene beige Hosen zu Techno präsentiert, die nun wirklich niemanden irgendwohin locken werden. Auf der Inszenierungsebene gibt es hier eine kleine Modenschau. Wie sonst in „2030 – odyssee im leerraum“ ist die Inszenierung minimalistisch gehalten. Die Schauspieler_innen agieren wenig miteinander, wenden sich vor allem ans Publikum. Das Dokumentartheater erfährt dadurch eine weitere Ebene: Die Leute vom Land, archiviert durch das Junge Theater Göttingen, können von Schauspieler_innen vertreteten zu Wort kommen. Ein bisschen erinnert diese Technik an Swetlana Alexijewitschs Form der Dokumentation in ihren Büchern. Und eben eines dieser („Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft„) spielt das Junge Theater Göttingen passenderweise auch im Mai. Wie sich die aufgenommenen und niedergeschriebenen Stimmen bei der Nobelpreisträgerin den Leser_innen kundtun, so offenbaren sich auch die Einzelstimmen aus Südniedersachsen zu einem vielschichtigen Stimmungsbild der derzeitigen Situation auf dem Land. Durch eben diese Stimmenvielfalt besteht an keiner Stelle die Gefahr, dass das Stück ins Stereotype absinken könnte. Vielmehr fragt man sich irgendwann andersherum: Wo sind die negativen Seiten des Landlebens? Der Regisseur antwortet darauf im anschließenden Publikumsgespräch, dass die Befragten schlichtweg keinen Missmut, keine Bedenken, sondern eben Enthusiasmus geäußert hätten. Auch wenn das gezeichnete Bild positiv ist und teilweise, vor allem an den Stellen, an denen Politiker_innen zitiert werden, einen Pro-Land-Werbecharakter annimmt, verfällt das Stück nicht in einseitige Bejubelung. Einige Stellen, wie zum Beispiel das zur Wandergitarre gesungene „Kein schöner Land“ wirken zynisch, wenn man verfallende Kultur, Architektur, Infrastruktur usw. vor Augen hat. Überhaupt wünscht man sich auf Seiten der Inszenierung einige andere Einfälle, das Land auf die Bühne zu bringen. Diese ist mit den zugehörigen Ortsschildern vollgestellt. Bis auf einen Heuballen erinnert nicht viel an das Ländliche. Wenn im Stück an manchen Stellen längere Passagen vorgetragen werden und kaum „gespielt“ wird, neigt das Stück dazu, einen Lehrcharakter anzunehmen. Dann sehnt man sich nach einer sachlicheren Aufbereitung der Thematik mit mehr Spiel, wo nicht wie in einem Werbefilm suggestiv in die Kamera/ins Publikum gesprochen wird. Dadurch könnte man den Zuschauer_innen mehr Freiraum lassen, Leerraum sozusagen, selbst zu entscheiden, wie sie über die Problematik denken, ob sie die „schönen“ Seiten des Landlebens auch „schön“ finden. Eben weil das Junge Theater Göttingen zu Gast in Berlin ist, wo wohl der Großteil des Publikums auch wohnt, ist es natürlich fraglich, ob sich jemand wirklich überzeugen lässt, aufs Land zu ziehen. Wobei das auch gar nicht Sinn und Zweck des Stücks ist, sondern nur ein etwas seltsamer Nebeneffekt, den das Spiel in Richtung Publikum hinterlässt. Ob die Menschen froh sind, oder nicht, in einer Großstadt wie Berlin zu wohnen, liegt beim Einzelnen, aber konstatieren kann man, dass diese 3,5 Millionen Menschen hier wohnen – aus welchen Gründen auch immer – und wohl einstweilen die Mehrheit nicht mit dem Gedanken spielt, aufs Land zu ziehen.

Vorschnell kann man natürlich gerade jetzt nur denken: Warum ziehen Flüchtlinge dann nicht in eben diese verlassenen Gegenden? Aber auch darauf weiß das Junge Theater Göttingen eine Antwort: Weil die meisten Geflüchteten nicht vom Land kommen, sondern aus nun zerstörten Städten, liegt es eher fern, damit zu rechnen, dass sich nun beispielsweise Syrer_innen am liebsten auf dem Land niederlassen wollen würden. Dass die Unterbringung von Geflüchteten in Lagern auf dem Land oder in Einzelhäusern in verlassenen Gegenden gegen eine Integration arbeitet oder immerhin zunächst große Schwierigkeiten mit sich bringt, wird an dieser Stelle auch verschwiegen. Aber eine Stimme bleibt zum Schluss übrig: „Vielleicht sehen sie dann auch mal Schnee!“. Und das Schießen im Verein sei ja hierzulande nur zum Spaß.

© Dorothea Heise 3

© Dorothea Heise

„Es kommt darauf an, das Hoffen zu lernen. Seine Arbeit entsagt nicht, sie ist ins Gelingen verliebt, statt ins Scheitern.“ (aus: Bloch: „Das Prinzip Hoffnung“)

Mit (nicht nur schwarzem) Humor wird dem Publikum eine höchst brisante, aber gerne in den Medien ausgeklammerte und wenn überhaupt eher einseitig präsentierte Thematik differenziert, vielseitig, und wohlgemerkt auch verständlich vermittelt. Aus dem „Leerraum“ wird zum Schluss des Stücks ein „Lehrraum“, man könne ja vom Dorf vieles lernen. Das positive Ende, das auf eine neue Chance, also einen Neustart, eine Wiederbelebung oder Rettung der Dörfer hofft, ist einerseits gewagt, vielleicht unrealistisch, andererseits ein interessanter Kontrast zu dem sonst gerade in Großstädten herrschenden Ton, der eben – wie das Stück auch treffsicher feststellt – einerseits die Natur und das Ländliche glorifiziert und sich mit Urban Gardening, Bio-Produkten, dem Trend zur Craftsmanship ein Stück Natur in die Stadt holt, alles für einen Landurlaub gibt und eigentlich die Stadt laut und dreckig findet. Die Käffer, aus denen man kommt aber, sind dann zu provinziell, die Infrastruktur lahm, die Geschäfte beschränkt, weggehen kann man da ja auch nicht und da wohnen überhaupt nur alte Leute. Und so weiter. Dieser Common Sense ist paradox: Alles was wir wollen, wäre leicht zu haben. Stattdessen holt man sich den Abklatsch des Originals, einen Hauch Dorf in die Wohnung, in die Stadt. Als Beispiel für eine Überbrückung dieses Paradoxons ist der Fall „St. Andreasberg“. In diese Gegend verschlägt es in jüngster Zeit immer mehr Leute aus Hamburg, die dort günstige Wohnsitze gefunden und bezogen haben, dadurch wiederum die Gegend neu beleben.

Vielleicht ist also doch ein Ende der Landflucht und der stetig wachsenden Großstädte in Sicht. Auch darf man nicht vergessen, dass der Titelheld von Homers Epos ja auch siegreich nach Hause kehrt. Also: Glück auf, Glück auf! Ich begebe mich einstweilen aber aus der Odyssee von 2030, die die realen Hindernisse und Hürden amüsant einfärbt und weiterdenkt, zurück in die Gegenwart.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s