Kurzrezension: „Tschechensau“ und „Ungarngesocks“: Dicke Luft im Zuschauerraum – „Der Fall Švejk“ im Ballhaus Ost

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„Der Fall Švejk“ spielt zu Zeiten des Ersten Weltkriegs im Kaiserreich Österreich-Ungarn und verhandelt den Fall des Deserteurs Švejk. Das Manuskript des Schelmenromans von Jaroslav Hašek ist in Tschechien, Polen und Ungarn gut bekannt. Viele Lieder, Operetten und Geschichten besingen die Geschichte des braven Soldaten Švejk. Die Inszenierung unter der Regie von Dušan David Parízek im Ballhaus Ost ist der Auftakt zum diesjährigen Festival Tschechischer Kunst und Kultur „Prag-Berlin“. 

Das Ballhaus Ost ist bis auf den letzten Stuhl gefüllt, jung und alt halten sich genauso die Waage wie Tschechisch und Deutsch, was eine sympathische Grundstimmung kreiert. Das Bühnenbild ist mit einem von der Decke hängendem Blätterwald recht minimalistisch gehalten und fügt sich in die raue architektonische Ästhetik des Ballhaus Ost ein. Raritäten aus der Schulzeit bilden den ästhetischen Mittelpunkt der Inszenierung: Over-Head-Projektoren spenden Licht, Schatten und Informationen. Das Licht im Zuschauerraum bleibt bis auf wenige Ausnahmen an, was das auf der Bühne stattfindende Kammerspiel unterwandert und formlos macht. Das präzise psychologische Spiel der Schauspieler fügt sich mit der rauen und schroffen Sprache zu einer realistischen Darstellung nationalistischer Ressentiments zusammen. Der Inszenierung fehlen leider die Brüche, die Überzeichnungen und die Differenzen, die es braucht, um einer bloßen Reproduktion der Beschimpfungen zu entgehen und eine ablesbare Haltung der Inszenierung zu ihren Themen sichtbar zu etablieren. Martin Baum spielt den rassistischen österreichischen Offizier so unumstößlich, schreit das Publikum so aggressiv an, ist so unsympathisch, dass es einem fast inakzeptabel erscheint, nicht auf die Bühne zu gehen und ihn in seine Schranken zu weisen. Man fühlt sich unangenehm berührt, teilweise sogar bedroht und versteht nicht warum und wie lange man sich solche Unmenschlichkeiten noch anhören soll. Zu ungebrochen und zu ernst. Dicke Luft im Zuschauerraum.

„Die Engel haben Propeller im Arsch, damit sie sich mit ihren Flügeln nicht so abrackern müssen.“

All die Härte löst sich für einen kurzen Moment, wenn die schelmischen tschechischen Soldaten und der feine ungarische Zivilist ihre Witze über den Offizier machen und die Sprachen durcheinander geraten. Aber das reicht nicht, nicht um das Geschehene in eine polemische Militärsatire umzuwandeln – dafür nimmt sich das Spiel, die Inszenierung selbst zu ernst und ist mit 140 Minuten auch zu lang. Den theatralen Naturalismus, den dieses Kammerspiel mit ironiefreiem Ernst in Szene setzt, kann auch das permanente Licht im Zuschauerraum nicht brechen. Vielleicht verstärkt es ihn eher; macht die Beschimpfungen noch realer, noch unausstehlicher und noch sinnloser. Daran kann leider auch das tschechische Gulasch, das kalte Freibier und das sehnsüchtige ungarische Liebeslied „Mondscheinnacht“ in der Pause nichts ändern. Was einem am Ende des Abends bleibt: die tschechischen und ungarischen Flüche klingen weitaus schöner als die deutschen. Vielleicht reicht diese Erfahrung auch schon für einen guten Auftakt des Tschechischen Kultur- und Kunstfestivals „Prag-Berlin“.

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