„Our true inner self is full of shit.“ In „Privacy“ am HAU spielen De Warme Winkel & Wunderbaum mit den Grenzen der Intimität

Von Felix Krause und David Meiering

Was ist eigentlich das Private?

Das Stück „Privacy“ behandelt die Problematik des Privaten auf mehreren Ebenen, denn Wine Dierickx und Ward Weemhoff spielen nicht nur ein Künstlerpaar, die sich der Öffentlichkeit exponieren, sondern sind laut Programmheft auch in „Wirklichkeit“ ein Paar. Allein diese Konstellation wirft die wesentlichen Fragen des Abends auf, noch bevor er beginnt: Wo verläuft die Grenze zwischen Spiel und Realität? Spielen die beiden sich wirklich selbst? Gibt es so etwas wie „Authentizität auf der Bühne“ überhaupt?

Schon das Bühnenbild versinnbildlicht dieses Paradox einer veröffentlichten Privatsphäre wie in einer Grafik von M.C. Escher. So schützt ein Vorhang das Schlafzimmer des Paares zwar vor den voyeuristischen Blicken des Publikums und erzeugt dadurch einen privaten Raum auf der Bühne. Gleichzeitig dient dieser Vorhang aber als Projektionsfläche für das gefilmte Geschehen im Innenraum. Der Privatraum wird so zum Fernsehapparat, die Theaterbesucher zu Fernsehzuschauern.

There can be more truth in the mask that you adopt than in your real, inner self

Zunächst schlüpft Wine Dierickx in die Rolle des slowenischen Philosophen Slavoj Žižek, der sich im real life gerne auf der Toilette sitzend fotografieren lässt, und monologisiert in radebrechendem Englisch über staged identities. Gespielte oder erfundene Identitäten seien nicht etwa unwahrer als das „authentische“ Ich. Im Gegenteil: “There can be more truth in the mask that you adopt than in your real, inner self”, grunzt Žižek. Die geheimsten Träume, tiefsten Ängste, das intimste Begehren – all das seien nichts als Lügen. „Our true inner self is full of shit.“

Damit ist der Rahmen vorgegeben, das Spiel der Masken eröffnet. Verschiedene Episoden zeigen, wie Künstlerpaare ihr Privatleben veröffentlichen. So machen John Lennon und Yoko Ono ihre Flitterwochen zu einem einwöchigen, gefilmten Bed-In und nutzen die Aufmerksamkeit zum Protest für den Weltfrieden. Der Kitsch-Künstler Jeff Koons und Cicciolina (Ilona Staller) versteigern großformatige Aktbilder aus ihrem eigenen Sexleben, nachdem Cicciolina als Politikerin durchs Brustentblößen Italien modernisiert hatte. Und die britische Künstlerin Tracey Emin versteigert für ca. drei Millionen Euro ihr vom Sex zerwühltes Bett.

Don’t trust artist couples, they don’t have a real life

Was geschieht bei dieser Entgrenzung mit dem privaten Raum? Es gibt ihn nicht mehr, konstatiert Ward, Künstlerpaare performen immer, sie haben kein richtiges Leben. Trotzdem stellt sich das Paar Ward und Wine die Frage, wie es eigentlich um ihre Beziehung steht. Wo sie zuvor Masken getragen haben – Ward als langhaariger John Lennon, Wine als blonde Cicciolina in sexy Unterwäsche und durchsichtiger Seidenbluse – werden nun alle Hüllen abgelegt. Aus dem Schlafzimmer-Fernsehkasten tapsen zwei nackte Menschen hervor, die ihre Scham nur mit ihren Textblättern verdecken. Noch nie war das viel strapazierte Mittel der Nacktheit auf der Bühne gerechtfertigter. Hier geht es schließlich um den Versuch, das Private auf der Bühne einzufangen. Während die Fernsehstars Lennon/Yoko und Koons/Cicciolina lediglich Klischees des Privaten reproduzierten, hat der Zuschauer das Gefühl, dass der Kreis ums Private nun enger gezogen wird. Schritt für Schritt tasten sich die Episoden an das Sujet des Stückes heran: vom Öffentlichen ins Private. Von den Stars der exhibitionistischen Aktionskunst zu der privaten Geschichte von Wine und Ward; vom Klischee ins zunehmend „Authentische“.

Ein Striptease der Anekdoten

Beinahe unbeweglich und peinlich berührt schildert das Paar Geschichten ihrer Beziehung und durchschreiten so verschiedene Bereiche des Intimen. Es geht um die Psychodynamiken eines Paares, das nicht schwanger werden kann, die Gastroenterologie von Ward, und um Sexualität vor und nach ihrer Beziehung. Erst im Laufe der Anekdoten, die das Paar wie Kleidungsstücke bei einem Striptease ablegt, fangen die beiden an, sich im Raum zu bewegen. Zunächst zögerlich, mit unmerklichen, schamvollen Bewegungen und Positionswechseln, dann aber auch ironisch mit der Scham spielend, wenn beide beiläufig die Blätter heben. Interaktionen zwischen ihnen gibt es dabei kaum – es geht vor allem um eine emotionale Annäherung. Nur an einer Stelle im ganzen Stück berühren sie sich: während Wine in einem großartigen, expressionistischen Monolog, getragen vom lyrischen Niederländisch, ihren ersten Analsex schildert. Minimale körperliche Bewegung und äußerliche Nacktheit stehen hier am krassesten der inneren Aufgewühltheit gegenüber und steigern durch diesen Gegensatz die Szene zur größten Intensität und zum Höhepunkt des ganzen Stücks.

Gleichzeitig ist diese Stelle eine der wenigen, die nicht ironisch gebrochen wird. Anders die letzte Szene, die ähnlich intensiv ist: Das Schauspiel-Paar sitzt am Bühnenrand, überschreitet die Grenzen zum Zuschauerraum, der ganze Saal wird verdunkelt. Sie rücken zusammen, sprechen scheinbar frei, flüstern sich Geschichten von vergangenen Partnerschaften zu. In der Dunkelheit weitet sich der private Raum auf den ganzen Theatersaal aus: Für einen Augenblick könnte der Zuschauer glauben, zwischen den beiden im Bett zu liegen, als Zeuge größter Intimität. Doch dann  unterbricht der Musiker S.M. Snider die Szene mit dem lapidaren Hinweis, dass das Spiel nun beendet sei.

Humor und Ironie schützen das Stück vor der Erwartung, durch den „Striptease persönlicher Geständnisse“ einen vermeintlich authentischen Kern einer Beziehung zu bergen. So wie Roland Barthes vom Striptease schreibt, dass die Person in dem Moment entsexualisiert ist, in dem sie ganz nackt auf der Bühne steht, so löst sich das Private in dem Moment auf, in dem es erzählend umstellt wird. Insofern spielt die Performance ihre mit Žižek aufgestellte Behauptung voll aus: Nur die Hüllen, nur die Masken bieten eine Art privater Authentizität. Das wahre, innere Selbst aber ist buchstäblich „full of shit“. Trotzdem wird man nach diesem Abend den Eindruck nicht los, jemanden sehr gut kennen gelernt zu haben – ob man am Ende doch der Illusion der Intimität auf den Leim geht, kann man noch bis zum 24. April an drei Terminen im HAU herausfinden.

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