Zwischen Séance und Leichenschmaus – „Experimenting Müller“ am HAU

Von Marlene Schock und David Meiering

Eine Woche lang nimmt das HAU mit dem Festival Heiner Müller! die Kommunikation mit einem Toten auf: Heiner Müller.Wie viel dabei der Ikone des DDR-Theaters wirklich zugehört, oder doch eher mit sich selber gesprochen wurde, ob seine Leiche dabei genüsslich vernascht oder doch eher im Kerzenschein verehrt wurde – um das herauszufinden besuchten Marlene Schock und David Meiering den Performance-Abend „Experimenting Müller“.

Vier Stücke sind aus der Auseinandersetzung mit Heiner Müller entstanden, drei Performances und ein Film. Eine Stärke des Abends ist, dass trotz der Monothematik des Müller’schen Schaffens sehr verschiedene Aspekte herausgetrennt und in den jeweiligen Stücken behandelt wurden.

Vom Verlust der Utopie und der Einheit der Identität über die Ewige Antike, das Thema der Schuld und des gewaltsam entstellten Körpers bis hin zur Bearbeitung der (kommunistischen) Geschichte   Bruchstücke zahlreicher monumentaler Themenblöcke werden an diesem Abend in den Zuschauersaal geschleudert.

Der Abend beginnt mit einer Bearbeitung von „Der Auftrag, Versuch einer Erinnerung“ von Annegret Schlegel. Das kurze Stück, dessen Vorlage bei Müller den Untertitel „Erinnerung an eine Revolution“ trägt und eine Erzählung von Ende und Verrat der revolutionären Utopie ist, wird mit der Frage nach der Einheit des Subjekts konfrontiert und mit konzentriert ausgeführten Minimalgesten illustriert. Die Erinnerung an eine Revolution verkümmert im Spiel der Masken zu einem Versuch einer Erinnerung  unklar bleibt: woran? Die Frage „Wie erfüllt man einen unbekannten Auftrag“ fasst dabei sehr gut die Spannung zwischen politischer Sehnsucht und Orientierungslosigkeit zusammen, die vielleicht ein Gegenstück zur diffusen Krisenhaftigkeit der letzten Jahre bildet.

Während das erste Stück bis hin zur tatsächlichen Präsentation von schriftlichen Müller-Textauschnitten recht nah am einschlägigen Sound bleibt, findet Nils Wehr in seiner Performance „PNEUMA“ eine sehr eigenständige Stimme im Dialog mit Müller. Ihm gelingt es durch seine idiosynkratisch verschwurbelte Umgangssprache die Schwere des Stoffes mit ironischer Leichtigkeit zu versehen. Ausgehend von Gesprächen zwischen Müller und Alexander Kluge wurden Themenkomplexe wie Müllers Beschäftigung mit der Antike aus ihren ursprünglichen Kontexten heraus operiert und mit heißer Nadel zu einem extravaganten Untoten zusammengefügt.

Wehr gelingt es Heiner Müller zu beschwören, ohne beim bloßen wörtlichen Zitat und der gewöhnlichen Ikonographie zu bleiben. Eine Zigarre, die auf der Bühne pendelt und nach der geschnappt wird; zwei Zelte als inhalierende Lungenflügel, die durch die Zeit wabern – statt dem immer gleichen spöttisch-lächelnden Konterfei mit der Zigarre im Mund, das schon zu Lebzeiten mehr Maske als Gesicht war. Auch die sanfte, klare Stimme von Wehr ersetzt Müllers sonores Schnarren, wodurch insgesamt etwas sehr Seltenes geschieht: die Beschwörung eines lebendigen Gespensts (statt einer gespenstischen Leiche).

Schauspielerisch ebenfalls sehr überzeugend und die reifste Performance war „In der Strafkolonie nach Franz Kafka“ von Ana Berkenhoff und Cecilie Ullerup Schmidt (wie Nils Wehr aus Gießen). Die Verdichtung von Kafkas Erzählung durch Müller wird textlich zwar vollständig übernommen, aber durch Choreographie und Vortrag eindrücklich ästhetisiert. So wie Müllers Text die Ambivalenz von sprachlicher Schönheit und grausamer Schilderung in sich trägt und damit selbst zum schönen Folterinstrument wird, gerät der Körper in der Bewegung auf der Bühne in die zwiespältige Lage, das Medium der Urteilsfolter und das schreibende Instrument zugleich zu sein. Ein ratternder Druckkopf, der allmählich den Raum abschreitet und sein Urteil in den Boden stampft. Auch die Sprache wird von dieser Bewegung erfasst, indem sie in ihren Zeilensprüngen und Satzbrüchen genauso wie die Egge funktioniert: ein mechanistisches Rattern der Grausamkeit.

Den Abschluss des Abends bildete der Kurzfilm „Die Einsamkeit kommunistischer Gespenster (Teil 1)“ von Jan Gehmlich und Ricarda Sowa. Grundlage für den Film war Bini Adamczaks Buch „Gestern Morgen“, das ganz im Geiste Müllers die Frage nach der Geschichte des Kommunismus und der Trauerarbeit um die uneingelösten Versprechen der Toten aufwirft. Eine Versuchung des Kommunismus, ein kommunistisches Begehren so die These Adamczaks, werde es erst wieder geben, wenn die Geschichte der kommunistischen Versuche abgeschritten und tatsächlich verarbeitet sei. Unbewältigte Trauer, Traumata und Träume verhindern als gespenstische Widergänger die Gegenwart. Wesentlicher Teil und fortwährendes Thema der Müller’schen Poetik war genau diese „begrabende“ Funktion des Theaters:

Und das ist das, was das Theater machen soll. Es soll nicht künstlich die Gewissenhaftigkeit aufpeitschen, sondern die Toten begraben, die unlösbaren traumatischen Erlebnisse begraben, nicht lösen. (Müller im Gespräch mit Kluge)

Am Ende fragt der Film: „Wer würde ein Erbe annehmen, das vor allem aus Schulden besteht?“

Heiner Müller!, möchte man in den Saal rufen, der Typ, den die Unschuld in den Einkaufspassagen des Westens regelrecht anekelte. Das Erbe Heiner Müllers anzutreten wiederum bedeutet eben nicht, ihn als Untoten anzurufen und dadurch seine Grabesruhe zu stören, sondern ihn immer wieder zu begraben. Wenn Müller immer noch umgeht, dann hoffentlich nicht als zigarrenrauchende Karikatur seiner selbst, sondern als jemand der seinen Finger (auch aus dem Jenseits) auf immer noch offene Wunden legt.

 

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