Die Häuser denen, die drin wohnen! – „House of Hope“ im Theaterdiscounter

House of Hope von posttheater im Theaterdiscounter

Was halten Sie davon, Wohnhochhäuser im Innenstadtbereich zu bauen? Sollte der Staat sich in den Wohnungsmarkt einmischen und subventionierten Wohnraum aus Steuergeldern fördern? Müsste es Quoten zur besseren sozialen und ethnischen Durchmischung der Bevölkerung geben? Sollten Sie mehr als zwei der letzten vier Fragen mit einem „Ja, aber…“ beantwortet haben, sind Sie vermutlich angekommen, im Nachdenken über die aktuelle Krise des Wohnens in europäischen Großstädten. Die Performancegruppe posttheater präsentiert im Theaterdiscounter mit ihrem House of Hope  ihre Zukunftsvision des Wohnens, die irgendwo zwischen Realismus und Utopie zum spekulativen Denken einlädt.

Seien wir uns einig, jeder hat ein Recht auf Wohnen. Wohnen ist ein Grundrecht und sollte aus diesem Grund definitiv kein Spekulationsobjekt für Investoren sein, auch nicht in Zeiten niedriger Leitzinse, in denen Anleihen kaum lukrativ sind und Betongold viele Anleger zu Investitionen in den Wohnungsmarkt verleitet. Die staatliche Mietpreisbremse ist ein Versuch, den rasanten Preissteigerungen auf dem Immobilienmarkt entgegenzuwirken, mit mäßigem Erfolg.

Doch abgesehen von der Verknappung des Wohnraums durch Exilschwaben und skandinavische Immobilienfirmen ist Deutschland, seit der Finanzkrise 2008 und spätestens mit der anhaltenden Fluchtbewegung von Menschen aus dem syrischen Kriegsgebiet, das zweitgrößte Einwanderungsland der Welt, nach den Vereinigten Staaten. Und auch für die lokale Bevölkerung ist billiger Wohnraum knapp. Die Masse derer, die um Wohnraum in deutschen Großstädten konkurrieren, wächst kontinuierlich an, während nur zögerlich neuer Wohnraum geschaffen wird.

Das ist die Folie, auf der posttheaters Performance House of Hope beginnt. Die Wohnsituation vieler Menschen ist, gelinde gesagt, beschissen. Das zieht sich von geplanten Flüchtlingsghettos über prekäre Wohnsituationen unter Studierenden bis hin zu Familien und alteingesessenen Senioren, die der Gentrifizierung bis an den Stadtrand weichen müssen. Diese Zustände beschreibt posttheater sehr präzise und intelligent im ersten Teil der Performance. Im minimalistischen Bühnenbild, das aus animierten Videoprojektionen und ausschließlich einem einzigen Tisch besteht, spielen die vier Schauspieler_innen im ständigen Wechsel die exemplarischen Rollenkonstellationen durch.

Our House in the middle of the town

So prallen bei einer Wohnungsbesichtigung Besichtiger und Vormieter („32 Fremde in unserem Schlafzimmer“) und damit auch zwei vollkommen verschiedene Perspektiven aufeinander. Der eine sucht Wohnraum für seine junge Familie, die anderen sehen sich an den Stadtrand verdrängt.
-„Sie wissen schon, dass wir dann rausziehen müssen…“
-„Raus in die Natur, das ist doch altersgerecht…“

In einer anderen Szene versuchen ein Steuerberater (39, männlich, wählt grün) und ein Gamedesigner einer jungen Frau, die bisher mit AirBnB Unterkünften über die Runden kam, ein Zimmer in ihrer 400€-Dreiraumwohnung für 500€ zu verhökern. Ähnlich zweifelhaft ergeht es einer nach Deutschland Immigrierten, die so verzweifelt nach Wohnraum sucht, dass sie es auch in Erwägung zieht bei einem älteren Herrn einzuziehen, obwohl ihr die gesamte Situation mehr als bedrohlich vorkommt: „I am desperate, I need a home.“. Oder ist es nur ihr Sozialarbeiter, der ihr eine gefährliche Situation einreden möchte?

Alle diese Situationen sind extrem minimalistisch gespielt und differieren oftmals nur durch kleine Variationen in Gestik und Mimik der Performer_innen. Gerade dadurch gelingt es den Akteuren von posttheater jedoch, Alltagssituationen auf dem Wohnungsmarkt temporeich, genau und vor allem extrem pointiert darzustellen. Neben den szenischen Situationen wechseln die Akteure immer wieder in eine Art Vortragsformat, in dem das Publikum, untermalt von Musik und mit Hilfe von animierten Projektionen, Fakten und Statistiken des Wohnungsmarktes präsentiert bekommt. Immer wieder wird das Spiel zudem von großartigen Acapella Versionen zum Thema Wohnen unterbrochen, die manchmal bis an die Kitschgrenze gehen, insgesamt aber geschickt eingesetzt werden.

Immobilien zu Mobilien

Nach ungefähr der Hälfte der Zeit verlässt die Performance die Gegenwartsbeschreibung. Die vor Beginn der Performance verteilten Fragebögen, denen auch die ersten drei Fragen dieser Kritik entnommen sind, wurden bis zu diesem Zeitpunkt ausgewertet. Die Ergebnisse, die dem Publikum vorgestellt werden, verdeutlichen erneut, wie komplex, paradox und dann doch auch irgendwie wieder logisch nachvollziehbar die Aussagen über den Wohnungsmarkt sein können.
Klar möchten eher wenige Befragte Wohnhochhäuser in der Innenstadt, würden sie jedoch im obersten Stock wohnen, wäre das Ganze schon wieder halb so schlimm.

Soweit die Gegenwart. posttheater präsentiert dem laut Erhebung „progressiv-eingestellten“ und utopischen Theaterpublikum nun das House of Hope, das in der Mitte der Mitte der Hauptstadt stehend alle Probleme lösen soll. Es ist ein kolossales, fünfzigstöckiges Denkgebäude für 1000 Bewohner_innen mit acht Partien à zwanzig Personen pro Stockwerk das in der Klosterstraße entstehen wird. Das Leben im Stockwerk ist kollektiv gestaltet, mit Gemeinschaftsküchen und Loungebereichen im Zentrum jedes Stockwerks, um das die mobilen Wohneinheiten flexibel kreisen. Regelmäßige Zirkulation der Wohnräume garantiert jeder Partie gleichviele Sonnenstunden im Jahr und ermöglicht es, spontan und flexibel auf mögliche intersubjektive Dissonanzen der Mieter zu reagieren.

Der real existierende Sozialismus?

Das Ganze klingt auf architektonischer Ebene wie eine Phantasie Buckminster Fullers und auf sozialer Ebene wie eine Mischung aus Kolchose und Startup. Die Zusammensetzung der Bewohner_innen wird durch Quoten geregelt und sorgt auf diese Weise für eine ideale Zusammensetzung der Hausgesellschaft, neben der selbst Kreuzberger Lebensmodelle verblassen. Laut den drei Prinzipien des House of Hope spiegelt dessen Bewohnerschaft die Bevölkerung der Stadt, vom Akademiker über den Sozialhilfeempfänger bis hin zur sexuellen Minderheit, wider. Zudem zahlt jeder Bewohner ein Drittel seines Einkommens für die Warmmiete und bemüht sich durch Engagement für das Haus um das Haus. Letzteres geschieht in gemeinsamer Gartenarbeit auf den Gartenetagen, durch Babysitten für die gesamte Wohneinheit oder in der gemeinsamen Kehrwoche.

In witzigen und extrem präzisen Szenen veranschaulicht posttheater das mögliche Zusammenleben der utopischen Hausgemeinschaft. So wird am Beckenrand des Swimmingpools in spießbürgerlicher Manier, tiefmenschlich über die Wettkämpfe beim Treppenfegen gefrotzelt:
– „Kehren die eigentlich von unten nach oben?“
– „Und dann springen die oben, wenn sie fertig sind, ungeduscht in den Pool!“
– „Kein Wunder, dass die Brühe kurz vor dem Kippen ist.“

Auch spannende Ideen wie eine 500-Kilogramm-Regel für Privateigentum werden verhandelt, da solches dank Sharing Economy überhaupt nicht mehr nötig ist. In der Gemeinschaftsbibliothek entsteht dann eine so brillante Szene wie die des älteren Ehepaars, das bei der Abgabe von Privatbüchern an das Wohnkollektiv entgeistert auf die Aussage des englischsprachigen Bibliothekars reagiert, als dieser ihnen vorschlägt, ihre Ausgabe der Blechtrommel zusammen mit der Bibel im Blockheizkraftwerk zu verfeuern, da von diesen Büchern bereits mehr als genug vorhanden seien: „You burn books?“

Das House of Hope

Das House of Hope ist eine faszinierende Zukunftsvision, da es posttheater gelingt, Utopismus und Realismus zu einem Gesamtkonzept zu verweben. So läuft das Stück nicht Gefahr, einem blauäugigen, altlinken Idealismus in die Falle zu gehen. Denn letzten Endes geht es nicht um die theoretische Struktur einer Idee, Design ist keine Demokratie, Renderings sehen immer gut aus. Es geht darum, was eine sich selbst organisierende Gesellschaft daraus macht. In der Abschlussszene, in der die Blaupause des House of Hope einem der Performer auf den nackten Körper projiziert wird, macht die Performance dem Publikum diese Ansicht, durchaus mit dem Zaunpfahl, deutlich. Das Haus ist eine Idee, so, wie Staaten einst eine Idee der Organisation des Zusammenlebens waren. Es ist nicht gefeit vor totaler Überwachung, vor individuellen Tragödien und definitiv nicht vor alltäglichem Kleinbürgertum.

Die Performance zeigt dies anhand der Alltagsszenen, die in diesem futuristischen Wohnprojekt auch in der Zukunft vonstattengehen. Da werden Mieter rausgeekelt, andere fälschen ihre Biografien, um der Quote zu entsprechen und wieder eine andere Mieterin stürzt sich aus dem 38. Stock in den Tod.

Überall wo es eine Wohnungskrise gibt, sollte es ein House of Hope geben

Im anschließenden Publikumsgespräch überwiegt die Annahme, das Haus sei zu düster, zu skeptisch und zu kritisch betrachtet worden. Es ist faszinierend, dass man dem Haus, obwohl es explizit gegen solche Tendenzen konzipiert wurde, sofort Sexismus, Rassismus, Abgrenzungsmechanismen und totalitäre Kontrolle unterstellt. Doch, und an diesem Punkt hat posttheater Recht, ist eine purer Utopismus, ohne dabei dem Menschen Rechnung zu zollen, kaum glaubwürdig. Es sei spannend, dass das Publikums in Nachgesprächen – die Performance feierte ihre Uraufführung in Stuttgart – hauptsächlich auf den Inhalt der Performance Bezug nehme, sagt der künstlerische Leiter im Verlauf des Gespräches. Ein Fakt, der eindeutig für die Qualität der Idee des House of Hope spricht.

Die Performance erreicht etwas, was sich vielleicht dem Spekulativen Realismus zuordnen ließe und manchmal in guter Science Fiction gelingt: eine glaubwürdige Projektion zukünftigen Wohnens, die es uns erlaubt, in der Gegenwart, die dominiert ist von einer Krise des Wohnungsmarktes, realistische Alternativen für die Zukunft zu denken. Ein solches Denken ist Grundbedingung für jede transformatorische, vorwärts gerichtete Bewegung des Handelns und das Theater sollte ein Ort sein, an dem solches Denken praktiziert werden kann. posttheaters House of Hope schafft das auf unterhaltsame und intelligente Weise.

Weitere Aufführungen am

11. und 12. März 2016 , jeweils um 20.00 Uhr

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