Ein blassblauer Geist auf grauem Untergrund. In der Pilotveranstaltung der Reihe “Fearless Speech“ am HAU setzt sich Alex Demirović mit dem Foucaultschen Parrhesia-Begriff auseinander.

img_0608Gedämpftes Raunen erfüllt den brechend vollen Saal des HAU1. Der Flyer zur heutigen Veranstaltung – himmelblaue Schrift auf glänzend grauem Untergrund – raschelt verheißungsvoll in meiner Hand. Na gut, das ist vielleicht etwas übertrieben. Aber doch spricht schon der große Andrang dafür, dass an den Abend bestimmte Erwartungen geknüpft sind. Neben mir werden enthusiastisch Selfies gemacht. Und ja, auch ich habe den Termin schon vor Wochen in meinen Kalender eingetragen. Trotzdem weiß ich selbst keine unmittelbare Antwort darauf, worin meine Erwartungen eigentlich bestehen. Es geht also um Foucault. Der ist übrigens auch dem Flyer dabei abgebildet, wie er – den Kopf im Nacken – in ein Megaphon brüllt. Ein blassblauer Geist auf grauem Hintergrund.

Hierin liegt erst mal nichts Weltbewegendes, schließlich ist Foucault zumindest in den Geisteswissenschaften nach wie vor omnipräsent, um seine Diskursanalyse ist hier nicht herumzukommen, wohingegen die klassische marxistische Philosophie und die kritische Theorie mehr und mehr an den Rand gedrängt werden.

Wenn sich aber all diejenigen, die hier versammelt sind, jederzeit in eine Foucault-Vorlesung setzen können, wie lässt sich dann die gesteigerte Erwartungshaltung erklären, die unterschwellige Aufregung, die meinem Eindruck nach im Saal herrscht? Vielleicht liegt es daran, dass es sich bei dem Vortragenden um Alex Demirović handelt, einen Alt-68er, der immerhin noch als „echter“ Marxist zu begreifen ist und im Wissenschaftsbetrieb eine gewisse Underdog-Position inne hat.

Oder liegt es am Theater selbst, welches in uns die Erwartung weckt, dass hier etwas anderes als ein „bloßer“ Vortrag stattfinden wird? Hoffen wir vielleicht, der blassblaue Geist könnte sich von dem grauen Hintergrund ablösen, samt Megaphon die Bühne erstürmen und uns derart anbrüllen, dass wir endlich aus den Stühlen hochfahren und uns aus den Fesseln des Machtdiskurses befreien? (Wenn dann ist ja wohl das Theater dafür prädestiniert, dass hier Tote wieder lebendig werden…)

Stickige Luft

Sollten derartige Hoffnungen bestehen, so werden sie – überraschenderweise – im Laufe des Abends enttäuscht. Nichts Unvorhergesehenes ereignet sich, nur die Luft im Saal wird immer stickiger.

Demirović hält sich an die Form des wissenschaftlichen Vortrags, rekonstruiert in groben Zügen die von Foucault dargestellte Produktion des „Gehorsamssubjekts“ mithilfe säkularisierter pastoraler Machttechniken und erinnert uns in diesem Kontext auch noch einmal daran, dass Subjektwerdung und Unterwerfung auf Französisch ein und dasselbe bedeutet.

Im Mittelpunkt seines Vortrags steht das von Foucault aufgegriffene, altgriechische Konzept der Parrhesia, des Wahr-Sprechens. Ist es als Gegenkonzept zu pastoralen Machttechniken wie etwa der Beichte zu begreifen, die auf einem Zwang zur hermeneutischen Auslegung des subjektiven Innenlebens basieren? Oder lassen sich gar Parallelen zwischen Pastorale und Parrhesia aufweisen?

Um diese Fragen kreist Demirović, ohne zu einer definitiven Antwort gelangen. Auch der schillernde Begriff der aktiven Intoleranz, welcher dem Vortrag seinen aufrührerischen Titel verliehen hat, bleibt unklar umrissen. Entstanden im Kontext von Foucaults Engagement in der Gruppe Gefängnisinformation, lässt er sich auf die Bemühungen der Gefängnisinsassen und ihrer Unterstützer beziehen, ihre Situation öffentlich darzulegen und ihre Isolation aufzubrechen. Er basiert gleichsam auf dem Verständnis davon, dass die Gefängnisinsassen nicht als „Delinquenten“ den Gefängniswärtern als Vertretern der „Legalität“ gegenüber stehen, sondern dass im System des Überwachens und Strafens ein Illegalismus den anderen allererst kreiert, sich ihm gegenüber aber als Legalismus abgrenzt. Auf diesen Kontext macht Demirović aufmerksam, wobei aber dennoch offen bleibt, ob aktive Intoleranz nun in einer Handlung mit bestimmtem Telos, oder in der „Befreiung vom heroischen Akt“, in einem vom Handlungszwang abgetrennten Wissen besteht. Was hier zugleich anklingt, ist die Frage nach dem Verhältnis von Philosophie und politischer Aktion, wobei ich die ganze Zeit auch den Komplex der Kunst in dieses Schema einzuordnen suche. Demirović, so scheint mir, greift verschiedenste Begriffe aus dem Foucaultschen Repertoire auf, dreht sie sinnierend herum, klopft den Staub von ihnen ab und lässt sie wieder fallen, ohne dass wir wirklich klüger aus ihnen geworden wären.

Wahres Sprechen im Scheinwerferlicht

Auch durch die Diskussion wird der Veranstaltung kein Leben eingehaucht, wenngleich die Zuhörer aus den Rängen dazu eingeladen werden, sich mit im Saal zu versammeln und die Diskutierenden auf der Bühne sich mit vertraulichem „Du“ anreden.

Woran sich Kathrin Busch, Professorin an der Universität der Künste, in der Diskussion aufhängt, sind die Parallelen, die Demirović zwischen der Parrhesia und pastoralen Machttechniken aufgezeigt hat. Sie betont, dass es sich beim Foucaultschen Wahr-Sprechen nicht um eine reine Selbsttechnik handelt, sondern dass dieses durch ein Gegenüber geschieht, welches die Risiken seiner freimütige Rede in Kauf nimmt. Mit pastoralen Machttechniken sei die Parrhesia deshalb nicht zu vergleichen. Die Frage von Gesprächsleiter Pascal Jurt, ob Kunsthochschulen an der Einübung in die aktive Intoleranz teilhaben, bejaht sie. „Ich sehe meine Aufgabe als Professorin darin, den Studierenden gegenüber die Wahrheit auszusprechen, auch auf die Gefahr hin, mich unbeliebt zu machen.“, so Busch. „Gibt es außer der Ungunst der Studierenden noch etwas, das sie zu befürchten haben?“, fragt hierauf (mit etwas spöttischem Unterton) jemand aus dem Publikum (das heißt einer derjenigen, die sich nicht schon verstohlen hinaus geschlichen haben.)

Die Frage, ob das Wahr-Sprechen nicht vor allem (oder gar ausschließlich?) dann sinnvoll ist, wenn es „von unten“ erfolgt, lässt Busch außer Acht. Dies kritisiert auch Demirović, indem er auf die Privilegien verweist, die den Professor*innen allein dadurch gegeben sind, dass ihnen ein Podium und ein Mikrophon bereitstehen (hier im Theater ist darüber hinaus ein greller Scheinwerfer auf sie gerichtet). Außerdem macht Demirović deutlich, dass das Verhältnis von Professor*innen und Studierenden institutionell bestimmt ist, was die Möglichkeit des Wahr-Sprechens stark infrage stell. „Wir selbst treten als Akteure von Machtprozessen auf, von denen wir dachten, dass wir gegen sie sind.“, so Demirović. Das ist auch keine Neuigkeit.

Wie sieht es aber nun mit dem Theater aus? Lässt es eine Sprache, eine Begegnung jenseits der gesellschaftlichen Machtdiskurse zu? Oder ist es nicht selbst integraler Teil des Systems, gegen das es sich richtig, ist es nicht also ebenfalls Akteur vom Machtprozess, den es doch zu unterminieren strebt? Hilfesuchend starre ich auf den blassblauen Geist vor grauem Hintergrund, darauf hoffend, dass er sich doch noch eine Antwort abringt, oder mir zumindest kurz aufmunternd zuzwinkert. Aber er regt sich nicht und bleibt stumm.

Die nächste Veranstaltung aus der Reihe “Fearless Speech“, “Foucault und der Neoliberalismus“ (mit Daniel Zamora u.a.), findet am 16.03.2016 im HAU1 statt.

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