„Er war Elektra, der Vater war Elektriker.“ Die Legende von Dimi und Ela im TAK Theater im Aufbau Haus

They fuck you up, your mum and dad.
They may not mean to, but they do.
They fill you with the faults they have
And add some extra, just for you.

…beginnt Philip Larkins charmantes Gedicht This Be the Verse. Die Vererbung des Scheiterns, der Makel, Ticks und Tragödien, die Umklammerung des eigenen Lebens durch fremde Vergangenheit – dieses literarische Dauerthema zieht sich auch durch Sarah Amanda Dulgeris’ Text Die Legende von Dimi und Ela, der am 19.2. als szenische Lesung im TAK zu hören war und dem eine nochmalige Theateradaption sehr zu wünschen ist. Das Stück erzählt die Geschichte eines Paares, das sich Mitte der 1970er Jahre auf dem Alexanderplatz findet: Die Ostberlinerin Ela wird von einer Freundin dorthin geschleppt, Dimi kommt aus Westberlin, um Schmuggelware zu verkaufen. Als Sohn griechischer Exilanten mythologisch gefirmt erkennt er in ihr seine Eurydike, die Legende beginnt wie jede Legende: Er bietet ihr eine Zigarette an – „und Feuer, damit sie entflammt“.

Schon folgen wir den beiden (behutsam und konzentriert gespielt von Maximilian Rösler und Dulgeris selbst) durch einen so dermaßen verliebten Sommer, das man die unterdrückten Jauchzer des Publikums förmlich spüren kann. Doch der Bösewicht erscheint in Gestalt von Elas misshandelnder Mutter (Inga Bruderek), die die Affäre an die Stasi verrät. Ela wird ins Heim gesteckt, dann ins Erziehungslager des Jugendwerkhofs. Dimi begibt sich auf eine orphische Reise durch die DDR-Bürokratie, wird mit Einreiseverboten belegt, bei nächtlichen Besuchen im Werkhof von Hunden gejagt; auch nach Geburt ihres Kindes kann es nur im sozialistischen Ausland zu Treffen der Liebenden kommen.

Nach all diesen Prüfungen schließlich glückt der Gang aus der Unterwelt und die beiden dürfen Anfang der 1980er Jahre heiraten und nach Westberlin ausreisen. Der Inszenierung von Ariane Kareev – deren flottes, in Teilen fast hektisches Tempo durch einen betont auktorialen und unbewegten Erzähler am Behördenschreibtisch konterkariert wird (superb gespielt von Bernd Stempel) – gelingt an dieser Stelle ein ergreifendes Bild: Sowohl der familiäre Missbrauch an Ela als auch die Schikanen von Stasi, Grenzschutz und Werkhofleitung wurden zuvor als ständig sich wiederholender Befehl zum Aus- und Wiederankleiden dargestellt. In der Hochzeitsszene nun kann das schon bis zur Unterhose entkleidete Liebespaar einen Schleier über sich werfen, der in all seiner Fragilität wie eine schützende Schale gegen diese Rituale der Entwürdigung und Fremdbestimmung erscheint.

Doch das vermeintliche Happy End – zu dem es der Mythos vielleicht aus gutem Grund nicht kommen lässt – markiert erst den Beginn des ernüchternden zweiten Teils der Erzählung: Im Westen angekommen verwandelt sich die Legende von Dimi und Ela in die Geschichte eines abgegessenen, von Geldsorgen geplagten Paares von Lohnabhängigen, das sich zunehmend entfremdet und verstummt. Der Fall jener Mauer, die die beiden jahrelang getrennt hatte, kommt zu spät. Ela hört die Nachricht und hängt weiter Wäsche auf, die geöffneten ‚Übergänge zu den Ruinen ihres früheren Lebens‘ interessieren sie nicht mehr. Dimi derweil verfällt der Spielsucht, lässt sich für deren Finanzierung auf kriminelle Machenschaften ein und landet im Gefängnis. Die Liebe zerbricht schließlich und Ela bleibt allein, mit einem Haufen Schulden und drei zu erziehenden Kindern.

Es sind diese Kinder, die das Stück als Letztes zu Wort kommen lässt und in deren Monologen das Stück seine Themen am deutlichsten entfaltet. Da ist der ‚transit-suchende Bruder‘, der „mit einer Fratze im Gesicht, die seinem Vater gehört, durch eine Gegend schleicht, in die man ihn hineingestellt hat“, der obsessiv einen Wachposten, eine Grenze, eine Zelle sucht. Deren materialisierte Scheidung von Innen und Außen, vermutet man, wird gesucht, weil sie den Schmerz der Instabilität dieser Scheidung in der eigenen Subjektivität kompensiert. Die Erfüllung des Wunsches ist folgerichtig nicht die gesuchte Einsperrung, sondern die Entwicklung eigener Handlungsfähigkeit. Der transit-suchende Bruder erkennt den Transit als ererbte Fixierung des Vaters, gibt diesem ‚die Fratze‘ zurück und bricht mit den Eltern. Die Schwester dagegen bietet den Zumutungen der Selbstwerdung mit einer „operierten Zugehörigkeit“ die Stirn. Ihr Emanzipationsprojekt besteht in der Aneignung einer halb verschütteten griechischen Familienidentität. Sie versucht, mit der widerspruchsvollen Prägung durch die Vergangenheit zu Rande zu kommen, indem sie sich in die Reihe mehr oder minder fiktiver – gar göttlicher – Vorfahren stellt, eine Identifizierung, die sie ganz buchstäblich operativ, in Bildern der plastischen Chirurgie auf ihrem Körper austrägt und die wie alle Identität in nachtraditionalen Zeiten eine künstliche, eine Identität auf Bewährung bleibt.

Kind 3 schliesslich agiert in einem für seine irre Rasanz mit Szenenapplaus quittierten Monolog den Lösungsversuch aus, der implizit auch dem Stück als Ganzem zugrundeliegt. Beim Rennen durch die Stadt erscheinen alle Fetzen und Bilder wieder, in denen sich Familienbiographie und Weltgeschichte zum untrennbar verworrenen Schicksal der Nachgeborenen verbunden haben. In ihnen werden die Wertschätzung und der Reichtum, wie auch die Anstrengung und Überforderung spürbar, die dem Versuch innewohnen, dieses Schicksal zu einem eigenen Leben zu formen, zu einer geschichtlichen Position zu finden, die die Vergangenheit weder verwerfen kann, noch ihr zum Opfer fallen muss. Wunden und Versprechen werden gleichermaßen offengehalten, eine einfache Teilung der Welt in Vergangenheit und Gegenwart, Notwendigkeit und Freiheit verweigert. Stattdessen entsteht ein vielschichtiger und subjektiver Raum, in dem mythische Versatzstücke, Komik und Entzauberung (siehe Überschrift), Prägung, Geschichte und atemloses Handeln in einer Komplexität zusammenfinden, die jener der Welt etwas entgegenzusetzen vermag.

Wie nicht zuletzt ein anschließendes Publikumsgespräch verdeutlichte, berührt das Stück so in kluger Weise Fragen, die die Identitätserzählungen und Autonomiebemühungen auch jener durchspuken, deren Geschichte nicht oder von anderen Teilungen und Fluchten geprägt wurde. Und auch der Blick in die Zeitung oder den Twitter-Feed verdeutlicht die unveränderte Dringlichkeit der Frage, wie es jenseits des Leugnung von Zugehörigkeit wie auch der Überidentifzierung mit ihren Kategorien gelingen kann, Geschichtlichkeit zu erringen.

„Man hands misery to man“, schreibt Larkin zum Abschluss seines Gedichts, „Get out as early as you can/ And don’t have any kids yourself“. Dass er sich mit eben diesen Zeilen in eine Ahnenreihe nachdenklicher Nachgeborener schrieb, die man rückwärts nach Belieben zu Sophokles oder Buddha, vorwärts zu Kiran Desai oder nun eben Sarah Amanda Dulgeris weiterführen könnte, ist wohl die ganz eigene Ironie der Geschichte.

Foto: S. Maier

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