Gegen Gott, mit Albert Einstein. In „Aether über Berlin“ am Ballhaus Ost spielt das Theater mit dem Radio und trickst dabei Raum und Zeit aus.

79053Oben an der Bar des Ballhaus Ost zwänge ich mich zwischen den erstaunlich dicht gedrängt stehenden Menschen hindurch. Vielleicht, so denke ich, ist ja auf einem der hinteren Sessel noch Platz und ich kann es mir gemütlich machen, bevor unten der Einlass beginnt.

Da entdecke ich das altmodische Radiogerät, das vor aller Augen auf einer Kommode thront und von einer ebenso altmodischen Tischlampe in sanftes rotes Licht getaucht wird. Erst jetzt kommt mir der Gedanke, dass die Aufführung wohl hier stattfinden soll. Prompt werde ich auch angefahren: „Wenn Sie da so stehen bleiben, können wir hier nichts als ihren Rücken sehen!“

Eine Entschuldigung murmelnd, drehe ich mich Hilfe-suchend im überfüllten Raum hin und her, bevor ich mich schließlich einfach auf den Boden kauere. Mich beschleicht das Gefühl, dass ich mich an den falschen Ort verirrt habe, schließlich wollte ich eine Theateraufführung besuchen und keiner Radiosendung beiwohnen, obwohl ich wusste, dass in „Aether über Berlin“, einer Produktion der Regisseurin Pavlica Bajsić Brazzoduro, die Anfangszeit des damals neuen Mediums Radio im Zentrum stehen soll. Auf dem Flyer zur Veranstaltung ist jedoch angekündigt, dass acht Schauspieler, Musiker und Tonmeister aus Berlin und Zagreb sich auf einer Bühne zusammenfinden werden. Von ihnen ist aber keine Spur zu sehen.

Irritiert und verärgert frage ich mich, warum die Dame hinter mir sich überhaupt darüber beschwert, dass ich ihr die Sicht versperre, schließlich gibt es hier ja anscheinend nichts zu sehen außer dem Radio, das doch selbst nur Vermittler für eine unsichtbare Stimme und demnach gar nicht als Anschauungsobjekt bestimmt ist. Jedoch merke ich, dass es mich auf seltsame Weise in seinen Bann zieht: ich kann meinen Blick einfach nicht von dem Gerät abwenden, dem, so mein Eindruck, ein irgendwie überirdischer Glanz anhaftet. Ähnlich muss es den Menschen ergangen sein, die zum ersten Mal ein Radio sahen: es erschien als ein Fremdkörper in der Gegenwart, kündete von einer anderen Zeit und damit auch von einer anderen Welt. Bloß hat das Gerät in seiner Anfangszeit wohl eher als Vorbote einer Zukunft gegolten, die noch in weiter Ferne zu liegen schien, die das Radio zugleich aber greifbar (oder eher: hörbar) machte. Sein Anblick war den Menschen noch nicht vertraut. Heute hingegen ist er ihnen dies nicht mehr.

Entsprechend befremdlich (bezaubernd) klingt die nun ertönende Frauenstimme, die geheimnisvoll raunt: „Das Radio arbeitet gegen die Gesetze Gottes, aber für die Gesetze Einsteins. Denn es relativiert Raum und Zeit.“ Der Zauber wird durchbrochen von einem ziemlich albernen, ausgelutschten Hör-Spiel: „Nicht so tief! Was spritzt denn da?“, kreischt mehrmals eine Frau mit überspitzt quietschender Stimme. Natürlich sitzt sie beim Zahnarzt.

Interessanter ist da der Ausschnitt aus einer Reportage Alfred Brauns, den wir zu hören bekommen: da ihm die Live-Berichterstattung verboten worden war (zu groß war das Misstrauen gegenüber dem neuen Medium) musste er sich hinter einem Wandteppich verbergen. Nur flüsternd konnte er so von der Übergabe des Literatur-Nobelpreises an Thomas Mann berichten.

Gerade werden wir von dem melancholischen Lied Das ist Berlin Marlene Dietrichs eingelullt, da fällt ein schwarzer Vorhang herab, den ich zuvor tatsächlich noch nicht wahrgenommen hatte, und gibt die Sicht auf das dicht zusammengedrängt stehende Ensemble frei, das die ganze Zeit über die Texte und Lieder performt hat, die wir aus dem Radio zu hören glaubten. Panisch schreiend stürmen sie plötzlich in die Menge hinein und hinterlassen eine schwarze Fußspur auf meinem Notizblock, den ich ich nicht schnell genug zur Seite ziehen konnte. „Wir versinken!“, brüllen sie immer wieder, und: „Hilfe, zu Hilfe!“

Lustig finde ich, wie abgeklärt das Publikum hierauf reagiert, indem es den Schauspieler*innen gleichmütig, fast schon widerwillig hinterher trottet.

„Ich wollte doch noch in Ruhe meinen Wein austrinken…“, murmelt etwa eine eine ältere Dame.

Klar, heute können wir Realität und Fiktion ganz genau auseinander halten (oder meinen dies zu können), anders als die Menschen, die 1938 bei der Ursendung von Wells‘ „Krieg der Welten“ ob des vermeintlichen Mars-Angriffs verängstigt beim Radiosender anriefen.

Oder drückt sich hier eher eine Resistenz gegenüber Katastrophenmeldungen aus, von denen wir tagtäglich überflutet werden, die uns aber nie direkt anzugehen scheinen?

Im Folgenden gelingt es den Darsteller*innen aber doch, Realität und Fiktion in einem tosenden Sturm von Klängen durcheinander zu wirbeln. Die Bühne, zu der sie uns geführt haben, gibt den Blick in ein Tonstudio frei. Geprobt wird ein Schiffsunglück, (oder auch das Hörspiel „Maremoto“ aus dem Jahr 1924). Einer der Darsteller bläst in einen Gießkannenhals: auf dem Meer erklingt ein Nebelhorn. In einem Tambourin werden Reiskörner geschüttelt: unablässig prasselt der Regen vom Himmel (entsprechend zieht einer der Darsteller die Schultern hoch und hält sich sein Skript über den Kopf). Das Ensemble senkt beim Hilferufen seine Stimme herab und entfernt sich vom Mikrophon: die Schiffspassagiere sind in den Fluten untergegangen. Aufgeregt stellen sie schließlich fest: ihre Mikrophone waren angeschaltet, die Aufnahme wurde gesendet.

Noch vertrackter wird das Ganze bei der Aufnahme des Hörspiels „SOS…rao…rao…Foyn“, das sich um die Rettung des verunglückten Luftschiffs „Italia“ durch den russischen Eisbrecher „Krassin“ dreht. Denn diese Rettung hat ja tatsächlich stattgefunden. Oder nicht?

Besonders beeindruckend wirkt das ausgeklügelte Sprachgefühl der Darsteller, die spielerisch von einem Akzent zum nächsten hin und her springen Die Ambivalenzen des Radios, seine Möglichkeit, Menschen miteinander zu verbinden, sowie seine Macht, Lügen zu verbreiten und die Zuhörer zu manipulieren, werden bis in die hintersten Winkel hinein ausgelotet. Gegen Gott und mit Einstein wird die Zeit ausgetrickst und wird erleben den Enthusiasmus und den Übereifer aus der Entstehungszeit des Radios mit, den Missbrauch des Mediums durch die Nazis sowie die Resignation, nachdem die Routine das unbeholfene, aber zugleich auch magische Ausprobieren ersetzt hat. Unausgeprochen wird in dem Projekt Brazzoduros auch die Frage aufgeworfen, ob sich nicht etwas hinter der heutigen Dauerbeschallung verbirgt, etwas, wogegen wir taub geworden sind. Vielleicht ist es ja das Schweigen, das uns hier grell vor Augen flimmert und verschwörerisch ins Ohr raunt, auch noch nachdem das Licht ausgegangen ist.

„Aether über Berlin“ ist noch einmal am 21.02. im Ballhaus Ost zu sehen.

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