Das Gold auf der anderen Seite des Mondes. „Zangesi“ in der Staatsoper Berlin, oder wie die Bühne die Zukunft für sich entdeckt.

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„In der Inszenierung kommt Stroboskop-Licht zum Einsatz“, warnt ein Schild an der Tür. Der Raum ist in blau-violettes Licht getaucht und mit verspiegelten Kuben ausgestattet. An der Bühnen-Rückwand ist eine Projektion zu sehen, die an den Bildschirmschoner mit den fliegenden Sternen von Windows 98 erinnert. Die SchauspielerInnen tragen orange Overalls und weiße Snowboardboots. Darunter, das wird im Verlauf des Abends sichtbar werden, stecken sie in weißer Funktionsunterwäsche, die aussieht wie von Globetrotter.

Das Tonmischpult und die Sopranistin: die insgeheimen Stars des Abends

„Zangesi“ ist eine elektronische Oper von dem Komponisten Hèctor Parra, die letzten Freitag in der Inszenierung von Janne Kummer in der Werkstatt der Staatsoper Premiere hatte. Dirigent und Orchester sind in dieser Partitur durch Sébastien Alazet ersetzt, der das Tonmischpult bedient. Eine Sopran-Sängerin (toll: Sónia Grané) tritt im Wechsel mit vier SchauspielerInnen auf (Maike Schmidt, Lisa Schützenberger, Wieland Schönfelder, Jan Koslowski). Gesang und Sprache wechseln sich ab, und die Anordnung ist unterlegt mit einer für das ungeschulte Ohr sperrigen elektronischen Partitur. Diese hat Parra aus Klängen zusammengesetzt, die elektronisch erzeugt sind, aber ihren Ursprung in natürlichen Phänomenen haben: Rauschen, Rascheln, Versatzstücke von Vogelgezwitscher, metallische Töne, die an die Benutzeroberfläche moderner Smartphones erinnern, und Atemgeräusche – eine Hommage an Stanley Kubrick’s Meisterwerk 2001. A Space Odyssey?

Die 2007 uraufgeführte Oper „Zangesi“ basiert auf dem gleichnamigen Text des russischen Dichters Welimir Chlebnikow (1885-1922). Der Weggefährte von Majakowski und Malewitsch zählt zu den Begründern des russischen Futurismus, er ist somit auch für die europäische Avantgarde eine wichtige Figur. In seinem letzten Werk, der „Über-Erzählung“ Zangesi, schuf er einen fiktionalen Propheten der Zukunft und der Zahlen. Es ist ein kryptisches Werk, über das die New York Times schon 1987 schrieb: „the play remains more theoretical than theatrical.“

Kummer und ihr Team haben sich dieser Vorlage angenommen. Sie kombinieren das Ausgangsmaterial mit selbst entwickelten Texten, in der sich die SchauspielerInnen über ihre Vorstellung von Zukunft austauschen, über Utopie und Zeit, über die Logik von Zahlen. Auch das schwarze Quadrat von Kasimir Malewitsch kommt zur Sprache, eine der Urformen der künstlerischen Avantgarde. Diese Passage ist unvermeidlich, aber ein wenig verschenkt, geht doch Schönfelders kunsthistorischer Exkurs über die reine Erklärung des Quadrats nicht hinaus; der Bogen zur mythischen und utopischen Aufladung desselben wird nicht geschlagen.

Die Bewegungen des Ensembles auf der „Raumstation“ (siehe Foto) oder auf der Videoprojektion sind minimal und unendlich langsam – wie auf dem Mond. Jede Aktion wirkt wie in Watte gepackt. Dieser Rhythmus bestimmt Kummers Inszenierung. Er macht „Zangesi“ zu einer beeindruckenden und stimmigen Anordnung von Raum, Sprache, Gesang, Körper und elektronischem Klang. Andererseits macht der Rhythmus den Abend aber auch zu einem etwas gleichförmigen Erlebnis.

„Die Zukunft ist sleek. Wenig Dekor, immer weniger Dekor.“

Warum verhandeln Zukunftsvisionen eigentlich so häufig Fragen zu Raum und Zeit? Probleme, die auf Raumstationen verhandelt werden, verloren geglaubte Utopien, die Neuentdeckung von Planeten: Werden dies die Themen sein, mit denen der Mensch der Zukunft zu kämpfen haben wird?

Wie sehen wir denn die Zukunft? Diese Frage stellen sich auch die Figuren in Kummers Inszenierung. Koslowski beantwortet sie auf der Bühne ästhetisch: Er beschreibt seine Sicht auf die Zukunft als minimalistischer, undekorierter Raum. „Früher sah die Zukunft bunt aus. Wir sahen das Gold auf der anderen Seite des Mondes“, erinnert er sich. „Zangesi“ erzählt von diesen vergangenen, sich selbst überholenden Bildern der Zukunft, vom Zerfall einer Utopie. Der Bildschirmschoner aus den ’90er Jahren. Strobokop-Licht. Snowboardboots. Lange Unterhosen. Elektronische Klänge. Es sind Erinnerungen an Zeichen, die hier zu einem teilweise klischierten Bild der Zukunft angeordnet werden.

Science Fiction ist als Genre mit Sicherheit dem Film und der Literatur näher als der Bühne, was an den begrenzteren Möglichkeiten von Technik und Fantasie liegen mag. In dem Spiel jedoch, das „Zangesi“ mit der nostalgischen Thematisierung jener ikonischer Zeichen betreibt, die wir einmal für unsere Zukunft benutzten, funktioniert dieser Stoff wunderbar für die Bühne.

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„Zangesi“ läuft noch am 18./19./21./23. Februar 2016 in der Werkstatt der Staatsoper im Schillertheater.

Weitere Informationen hier.

Fotos: Stini Röhrs

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3 Gedanken zu “Das Gold auf der anderen Seite des Mondes. „Zangesi“ in der Staatsoper Berlin, oder wie die Bühne die Zukunft für sich entdeckt.

  1. Jetzt mal blöd dazwischen gefragt, aber was macht der Oberrang plötzlich an der Staatsoper? Wurde der eigene Theaterbegriff bereits derart aufgeweicht?

    (Trotzdem schön, mal wieder regelmäßiger was bei euch zu lesen)

    LG

    • Wir waren ja von Anfang an offen Richtung Musiktheater und Tanz, Performance ja sowieso. Und wir sind uns einig darüber, dass wir Werkstattinszenierungen der großen Häuser besprechen, wenn Akteur_innen aus der Freien Szene das mittragen. Ich denke, das ist plausibel und kein Grund zur Sorge um Profilverlust.

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