Ein Ballett in einem Akt – „Schönheitsabend“ von Florentina Holzinger und Vincent Riebeek in den Sophiensaelen

Als „provokantestes Tanzpaar Europas“ werden Florentina Holzinger und Vincent Riebeek von der künstlerischen Leiterin der Sophiensaele, Franziska Werner, angekündigt. In den drei Akten: „Tänze des Lasters“, „Tänze des Grauens“, „Tänze der Ekstase“ will sich das Duo mit queeren Tanzpaaren aus dem frühen 20. Jahrhundert auseinandersetzen und so unter anderem neue Schönheitskonzepte entwickeln.
Eine vielversprechende Idee! Doch ohne Hintergrundinformationen zu Beginn der jeweiligen Akte kaum verständlich. Es ist schwer, eine narrative Struktur zu erkennen und die einzelnen Teile in einen Zusammenhang zu stellen. Vielmehr verschwimmen Pop-Video-Ästhetik, Orientalismus, Go-go-Dance und ekstatische Gefühlsausbrüche ineinander. Das Dargebotene ist abwechslungsreich und unterhaltsam und die körperliche Leistung des Duos steht außer Frage, aber einzelne Bilder bleiben kaum hängen. Mit Ausnahme – so klischeehaft es auch sein mag – der tatsächliche Akt: der Sex.

In Anlehnung an die skandalträchtige Romanze der Shéhérazade der Balletts Russes, verkörpert Holzinger die Frau des Sultans und Riebeek einen Sklaven, die ein Liebesduett eingehen. Riebeek liegt am Boden und lässt sich auf das sexuelle Spiel ein, welches Holzinger initiiert, indem sie sich einen Dildo umschnallt.
Doch wenn sie diesen in ihren Tanzpartner einführt, wenn sie sich auf ihm windet, wenn sie in verschiedene Stellungen übergeht, wenn sie mal oben, wenn sie mal unten ist, wenn sie ihn hält, wenn sie in wieder zu Boden legt, dann passiert dies mit Behutsamkeit, mit Hingabe und mit Respekt. Der vermutete Porno bleibt aus.
Hingegen wird aus anfänglicher Irritation ein sinnlicher Anblick, der Raum bietet, Geschlechterrollen und damit einhergehende Machtverhältnisse zu reflektieren. Gibt es ein starkes und ein schwaches Geschlecht? Inwiefern herrscht hier der Machismus vom dominierenden Mann und der sich ihm unterordnenden Frau? Nach diesem Weltbild ist
Florentina Holzinger der aktive, männliche und Vincent Riebeek der passive, weibliche Part. Unterstrichen wird dies, indem sich Holzinger nicht ihres Geschlechtsorgans bedient, sondern einen Dildo für das Liebesspiel einsetzt.
Das Duo spielt so mit Stereotypen und lässt einen Diskurs entstehen, der sich über den Abend hinweg fortsetzt und der das Stück dadurch inhaltlich aufwertet.

Foto: Karolina Wiernik

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