Rutschen gegen die Angst. andcompany&Co. mit „‚Schland of Confusion“ im HAU

 

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Der sympathische Titel ‚Schland of Confusion war nebst der knackigen Pressemitteilung für das neue Stück von andcompany&Co. Grund für meine Begleitung und mich den Freitagabend im Hebbel am Ufer zu verbringen. Die Vorstellung war ausverkauft und wie zu erwarten drängten sich die Zuschauer dicht an dicht im Foyer des fünften Stocks des HAU3. Nach der dritten Lektüre des Flyers fragte meine Begleitung immer wieder: „Aber in welchem Format?“, „In welchem Format findet das jetzt statt?“, „Wie ist das Format?“. Die Beschreibung des Stücks befasste sich bewusst nicht mit der Kategorisierung des Formats. Werden wir ein Musical, ein Konzert, ein Drama oder eine Performance sehen? Meiner Begleitung machte die Ungewissheit über die Form der Darstellung Angst. Das Nicht-Einordbare macht Angst und genau darum geht es in diesem Stück, das im Deutschland der Achtziger Jahre spielt und, das sei gleich zu Anfang gesagt, irgendwo zwischen Musical, Konzert, Drama und Performance anzusiedeln ist.

Das Bühnenbild besteht aus drei in der Größe variierenden Nachbauten der klassischen Kinderrutsche deutscher Spielplätze der achtziger und neunziger Jahre. An ihnen angebracht das Warnsignal der deutschen Kleinfamilie: Dreieckige orange Fahrradfahnen an langen Stangen für die Sicherheit im Straßenverkehr. Ein nostalgisches Bühnenbild aufgeladen mit den Kindheitserinnerungen der Darsteller. Erzählt wird von der Kindheit in den Achtzigern, von Friedenstauben und Rutschen, von Atomkrieg und Rutschen, von Angst und ja, Rutschen. Die Texte werden dem Publikum von drei Darstellern abwechselnd mal eindringlich mal spielerisch vorgetragen. Es wird gesungen. Die Kostüme sind futuristisch im Sinne der achtziger Jahre. So wie man sich eben die Zukunft 1987 vorgestellt hat. Die Eindringlichkeit und der nostalgische Unterton mit dem die lesenswerten Texte zu Beginn gespielt und vorgetragen werden, der permanente Bezug zur Kindheit hinterlassen im Nebel der Bühnenszenerie aus Fahrradfahnen, lauter Musik und spacigen Kostümen hin und wieder ein unangenehmes Gefühl gewollter Intimität.

Im Verlauf des Stücks etabliert sich eine neue Figur: Big Brother taucht auf dem Bildschirm oberhalb der Bühne auf. In Korrelation mit Musikvideos, Schnitttechnik, Licht und Text wird er zu einem post-modernen Kommentator unserer Zeit. Das Publikum lacht. Die Darsteller wenden sich von der Kindheit als Mittelpunkt ihrer Narration ab und der deutschen Angst zu: Weltuntergang. Demonstrationen innerhalb von Demonstrationen. Das Dafür und das Gegen das Dagegen. Nein zum Krieg ist ein Ja zum Frieden. Das verschwimmen der Formen, die Dekonstruktion der Grenzen. Gelungen wird aufgezeigt wie sich unser Verhältnis zum Krieg verändert hat. Brüllte man in den Achtzigern noch „Nein zum Krieg!“ auf offener Straße, liest man heute in fast jedem Twitterpost ein „Ja zum Frieden!“. Wo sei das entschlossene Nein, fragt Sarah Connor. Sie ist die Hauptperson des Stücks. Eine Heldin zwischen Gutmensch und Rebellin. Was ist also dieser Frieden von dem hier gesprochen und geschrieben wird? Krieg als Friedensmission. Frieden ist Krieg? Big Brother meldet sich von oben und fragt: „Wieso ist 1984 nicht wie ‚1984’?“ Die Antwort: „2004 ist wie ‚1984‘“. Das Gründungsjahr von Facebook. Alles in allem werden hier die großen Zitate unserer Zeit aufgegriffen und verarbeitet, das, was an der Oberfläche passiert. Die kleinen Nuancen unserer Zeit fehlen, die Geschichten der neuen Grenzen, da hilft leider auch nicht der nostalgische Blick auf die Kindheit in den Achtzigern.

Dennoch gelingt es dem Stück unterhaltend zu sein, eine Leichtigkeit zu etablieren und nicht Gefahr zulaufen in einen Kulturpessimismus abzugleiten. Obwohl die Texte manchmal einen unangenehm pädagogischen Unterton haben überwiegt die intelligente Konzeption aus Anekdotischem, Essayistischem und Surrealistischem. Dramaturgisch hatte ‚Schland of Confusion seine Längen, hier hätte man sich mehr Mut zur Kürze gewünscht.

„Warum sterben wir eigentlich nicht alle zusammen statt einzeln?“

Inhaltlich gelingt es das gesellschaftliche Konstrukt der gegenwärtigen speziell deutschen Angst in einen geschichtlichen Kontext zu setzen, der dabei hilft einen alternativen Umgang mit Angst wieder ins Gedächtnis zu rufen, nämlich den der Kinder: „Was willst du noch machen bevor die Atombombe hochgeht und wir alle sterben?“ „Rutschen!“

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