Im Kampf gegen das Vergessen „Oblivion“ von Sarah Vanhee im HAU3

Von Gesche Beyer

Die Künstlerin Sarah Vanhee hockt auf dem Boden und packt einen Karton aus. Mit fließenden, ruhigen Bewegungen befördert sie vertrocknete Teebeutel, alte Plastikflaschen, Wattepads und leere Milchkartons ans Licht und platziert sie behutsam im Raum. Wie lange widmet sie sich bereits dieser Aufgabe? In jedem Fall war sie schon damit beschäftigt, als die ersten Zuschauer den Saal betraten.

Inzwischen hat sich eine ganze Landschaft alter, verbrauchter, nutzlos gewordener Gegenstände um sie herum ausgebreitet. Ich muss an eine leer gefegte Stadt denken, in der gespenstische Ruhe herrscht. Sobald der jeweilige Karton leer ist, bahnt Vanhee sich auf Zehenspitzen einen Weg durch die ausgestorbene Müll-Stadt. Ab und an bleibt ein Wattepad an ihrer bloßen Fußsohle kleben, oder sie stößt eine der Flaschen um. Jedesmal legt sie die Gegenstände an den exakt gleichen Platz zurück, so als sei deren Anordnung im Raum nicht willkürlich, sondern genau durchdacht, als würden sie nur hier – nirgends anders – hingehören.

An einer der Seitenwände stapeln sich mit Daten beschriftete, volle Kartons zu bedrohlichen Türmen auf. Doch je weiter sich die Müllstadt auch ausbreitet – die Türme scheinen nicht in sich zusammenzuschrumpfen. Die Aufgabe, der sich Vanhee verschrieben hat: alle Kartons auszupacken, nichts mehr der Unsichtbarkeit und dem Vergessen anheimfallen zu lassen, scheint nicht zu bewältigen. Mich überkommt die Angst, dass wir die ganze Nacht lang hier sitzen bleiben und Zeugen ihres Scheiterns werden müssen. Aber vielleicht nimmt das Ganze auch noch viel mehr Zeit in Anspruch. Und wenn wir den Saal dann nach unzähligen Jahren mit ergrauten Haaren und gebeugtem Rücken verlassen, ist auch die Stadt draußen leer gefegt und ausgestorben, so als hätte hier nie jemand gelebt. Aber ich schweife ab (obwohl der Abend vielleicht ja gerade dazu einlädt).

Ein Jahr lang hat Sarah Vanhee realen und virtuellen Müll gesammelt und daraus die Performance „Oblivion“ entwickelt, die sie als “a slow celebration of things unhidden“ verstanden wissen will. Die Performance ist Teil der Veranstaltungsreihe „Marx‘ Gespenster“, die vom 12.-22.11. am HAU stattfindet und in der Marx‘ Kritik als Referenzpunkt für die künstlerische Auseinandersetzung mit heutigen Herrschafts- und Vergesellschaftungsformen genutzt wird.

Zunächst herrscht Schweigen, während Vanhee die Müllstadt errichtet. Dann fängt sie zu erzählen an. Von einer Familie, die an einem nicht bestimmbaren Ort, zu einer nicht bestimmbaren Zeit (“just somewhere in the future“) zu einem “garbage dinner“ zusammenkommt, aus ihren eigenen Exkrementen Geschichten formt, niemals das Haus verlässt. “If something enters, it is waste“.

Mit der zuckersüßen und gleichzeitig monotonen Stimme einer Stewardess trägt Vanhee außerdem Empfehlungen dazu vor, wie sich der eigene Körper am besten rein halten lässt: “You should wash your hands at least three times a day. Use soap…“. Lange ist Vanhee überdies damit beschäftigt, all die Menschen und Begebenheiten aufzulisten, ohne die ihre Performance niemals hätte zustande kommen können. Dabei greift sie immer weiter in die Vergangenheit zurück und bedankt sich schließlich bei den ersten Menschen, die ums Feuer saßen und sich Geschichten erzählten. Und sie entwirft ein Bild davon, wie die Performance ursprünglich gedacht gewesen war, wie sie auch hätte werden können: Sechs Stunden hätte sie gedauert, und die Zuschauer hätten jederzeit hinzu stoßen können. Außerdem hätte eine Freudin von Vanhee beim Auspacken mithelfen sollen. “But then I thought it would be weird that a friend digged through my garbage“…

Übrigens schleichen sich während der Performance mehrere Zuschauer auf Zehenspitzen aus dem Saal. Immerhin ist es Freitag Abend, sie haben Angst etwas zu verpassen, den Anschluss zu verlieren, sich unnützen Gedanken hinzugeben und darüber zu ergrauen, während sie doch den Moment möglichst effizient nutzen und sich fortentwickeln müssen. Jemand werden, indem man wegwirft, so sagt Vanhee. Und diejenigen, die bleiben? Vielleicht wissen sie nicht, was sie mit ihrem Freitagabend sonst anfangen sollen, vielleicht kennen sie keinen Ort, an dem sie lieber wären, vielleicht projizieren sie das Bild ihres idealen Selbst nicht in die Zukunft, sondern suchen es wenn dann in einer Vergangenheit, die noch nicht verwirklicht wurde.

Ich bleibe auch, kämpfe erst gegen den Schlaf an und gebe mich dann meinen abschweifenden Gedanken hin. Mit einem alten Schulfreund, den ich zum ersten Mal seit Jahren wieder getroffen hatte, teilte ich mir früher am Abend unterm Regenschirm eine Zigarette und die Erinnerung an einen Nachmittag voll heimlicher Wünsche und Versprechungen.

Gen Ende der Performance hin fange ich fürchterlich an zu schwitzen und kann kaum noch atmen. Der Sauerstoffgehalt in der Luft muss sehr gering sein. Vielleicht ist es, weil uns all die vergessenen Dinge – wiederkehrend – den Lebenssaft aussaugen. Weil sie nicht zur gleichen Zeit wie wir existieren können. Oder wir nicht zur gleichen Zeit wie sie. Entsprechend schleicht sich Vanhee, sobald sie den letzten Gegenstand ausgepackt hat, lautlos durch eine Seitentür.

Fast hätte ich auf dem Weg nach draußen meinen Regenschirm vergessen. Das passiert mir jedes Mal. Im Normalfall hole ich mir einen neuen. Heute erinnere ich mich und kehre um. Vielleicht hat die Performance – auch wenn diese Sichtweise ein klein wenig egozentrisch anmuten mag – genau deshalb stattgefunden: Damit ich am Ende meinen Regenschirm nicht vergesse. Als ich aber auf die Straße trete, regnet es nicht mehr. Stattdessen hat sich eine dicke Schneeschicht über die Stadt gebreitet und jedes Geräusch verschluckt, jede Bewegung zum Anhalten gebracht.

Na gut, das stimmt nicht – es sieht alles aus wie immer. Aber in der Luft liegt dieser Geruch, mit dem der Schnee und damit auch das Vergessen sich ankündigt.

Foto: Phile Deprez

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