Wer sorgt heute für’s Theater? – Besuch aus Rom im Studio Я des Gorki Theaters

Im Italienischen hat das Wort occupare eine schöne Mehrfachbedeutung. Neben besetzen meint es auch Sorge für etwas tragen, für etwas sorgen. Für das Teatro Valle, das älteste noch intakte Theater Roms (Baujahr: 1726), hat zwischen Sommer 2011 und Sommer 2014 eine Gruppe von Aktivist*innen, Künstler*innen und anderen Denker*innen gesorgt.

Dem Theater drohte im Frühsommer 2011 die Schließung als öffentliche Institution zugunsten einer wagen Ankündigung der Privatisierung – eine der dramatischen Folgen der andauernden politisch-ökonomischen Krise in Italien.

Like air like water culture is a commons

Die Gruppe besetzte das im Zentrum von Rom gelegene Theater noch im selben Sommer. Eigentlich ein kurzfristiges Projekt: ein paar Tage, vielleicht eine Woche – ein längerer Verbleib im Teatro Valle war nicht geplant. Die Occupazione hielt schließlich über drei Jahre an. Unter dem Namen Teatro Valle Occupato entwickelte die Bewegung dort ein bemerkenswertes künstlerisches Programm, bemerkenswerte Produktionsbedingungen und eine bemerkenswerte Öffnung. Ein Theater, das sich als Agora, als Marktplatz, als Ort der Versammlung, verstand. Im August 2014 wurde das Teatro Valle Occupato geräumt; die Bewegung existiert weiterhin.

Marianna Salzmann, die künstlerische Leiterin des Studio Я, war im letzten Sommer in Rom vor Ort, als die Bewegung das Teatro Valle räumen musste. Ihre Eindrücke des Projekts hat sie in zwei Textbeiträgen zusammengefasst, entstanden kurz vor und kurz nach der Räumung. Am vergangenen Wochenende hatte das Studio Я des Berliner Gorki Theaters Besuch aus Rom. Zwei Frauen, die die Vornamen Sylvia und Silvia trugen, berichteten am Donnerstagabend im Zuge einer Diskussion mit Marianna Salzmann und Jens Hillje, Chefdramaturg des Gorki Theaters, vom Teatro Valle Occupato. Sylvia de Fanti ist eine Schauspielerin, Bühnen- und Filmkünstlerin sowie eine der Initiator*innen der Bewegung; Silvia Gallerano ist Schauspielerin und ebenfalls Aktivistin. Sie ist obendrein die Protagonistin der Produktion La Merda des Teatro Valle Occupato (von Cristian Ceresoli), das am vergangenen Wochenende auf Gastspiel im Studio Я war. Die monologische Inszenierung wurde international bejubelt und gewann in 2012 alle wichtigen Theaterpreise, die es in der unabhängigen europäischen Theaterszene abzugreifen gibt.

Take over – give up – hand over

Ohne die Vorgänge am Gorki Theater und am Teatro Valle unsinnig miteinander zu vergleichen, entstand zwischen den Diskussionsteilnehmenden aus Berlin und Rom ein spannendes Gespräch über Aufgaben und Erhalt von künstlerischen Institutionen, über Krisenbewegungen in Europa und über die Romantisierung der Kunstproduktion in Armut.

In Jens Hilljes Biografie ist das Erstürmen und Umdeuten von Theaterfestungen ein wiederkehrendes Motiv. Er, der nach dem Studium 1996 nach Berlin gekommen ist, erzählte von der Baracke des Deutschen Theaters, an der er seinerzeit beteiligt war, von der Zeit als Chefdramaturg der Schaubühne mit Thomas Ostermeier, vom Ballhaus Naunynstraße und schließlich vom Take-Over des Maxim Gorki Theaters, zusammen mit Şermin Langhoff. Die Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten und auch Pflichten der Institution zieht sich durch. Doch laut Hillje ist kulturelle Arbeit vor allem eine Frage des Timings. Gehen, bevor es zu gemütlich wird: take over, give up, hand over, so benennt er eine seiner Devisen. Programmatisch klingt auch seine Zusammenfassung der Themen, die das Gorki Theater derzeit behandle: „Gender, race, class and revolution“.

Letztlich stehen sich mit dem Gorki Theater und dem Teatro Valle Occupato zwei Theateransätze gegenüber, die ganz unterschiedlich funktionieren. Im Gespräch zwischen Berlin und Rom schälte sich jedoch ein gemeinsamer und geradezu traditioneller Kerngedanken heraus, demzufolge sich beide Theater als Orte verstehen, welche die Stadt, den Standort, abbilden. „Schönheit als Pflichtaufgabe“, so formuliert es Hillje auch. Dafür wird er aber von einer Besucherin aus der ersten Reihe gescholten. Das Publikum ließ sich an diesem Abend im Studio Я ansonsten eher still abbilden.

Foto: Marianna Salzmann

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