Erinnerung dekolonisieren – die performative Stadtführung „Dauerkolonie Berlin“ vom Ballhaus Naunynstraße

© Wagner Carvalho

Als ich heute Vormittag bei Edeka in meinem Kiez einkaufen ging, fiel mir wieder ein, wofür die Buchstaben der gelb-blauen Supermarktkette stehen: Einkaufsgenossenschaft der Kolonialwarenhändler. Die Spuren deutscher Kolonialgeschichte sind im Berliner Stadtraum manifest: Sie zeigen sich in Straßennamen, im „Afrikanischen Viertel“ im Wedding, in Humboldt-Forum und –Box und in der Sarotti-Schokolade.

Deutschland kontrollierte zwischen 1884 und 1918 weltweit mehr als 10 Kolonien, vor allem in Afrika und in Südostasien. Die verheerende Berliner Konferenz, bei der internationale Großmächte über die Aufteilung des afrikanischen Kontinents entschieden, fand zwischen November 1884 und Februar 1885 in Berlin statt. Das Netz von Landesgrenzen, das im Rahmen dieser Konferenz reißbrettartig über dem Kontinent verteilt wurde, ist großenteils bis heute gültig. In der offiziellen deutschen Erzählung und auch im gängigen Berlin-Tourismus wird dieses Kapitel deutscher Vergangenheit wenig mitgedacht. Das Ballhaus Naunynstraße arbeitet seit November letzten Jahres an einem Projekt, das eben dieser Leerstelle entgegenwirkt und einen Perspektivwechsel in der Erinnerungsarbeit versucht. Gemeinsam mit dem Politikwissenschaftler und Menschenrechtsaktivisten Joshua Kwesi Aikins lädt das Ballhaus zu Stadtrundfahrten ein, die eine Spurensuche der kolonialen Vergangenheit darstellen und diese im Stadtbild Berlins konkret machen. Dauerkolonie Berlin heißt das Projekt, welches letzten November im Rahmen des thematischen Schwerpunkts „We are tomorrow“ initiiert wurde und die hundertdreißigste Jährung der Berliner Konferenz zum Ausgangspunkt hatte.

Aikins setzt sich zusammen mit der Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland unter anderem für die Umbenennung von Straßennamen ein, mit denen Protagonisten des Kolonialismus unreflektiert geehrt werden und die in Berlin noch zahlreich vorhanden sind. Er führt die Teilnehmenden durch Wedding, Mitte und Kreuzberg; das Verkehrsmittel der Wahl ist dabei ein Reisebus. Während die Stadtführungen im November vornehmlich Inhalt vermittelten, sind darin in der Frühlingsedition performative Interaktionen des Theater-Ensembles Label Noir integriert (es performen: Dela Dabulamanzi, Lara-Sophie Milagro und Jean-Philippe Adabra), die in kluger Weise Denkräume durchspielen und die Stadtrundfahrt dramaturgisch rahmen.

Vor allem das eigene Selbstverständnis derjenigen, die sich im Gegensatz zum Gros der in Deutschland lebenden Bevölkerung mit der deutschen Beteiligung am globalen Kolonialismus beschäftigen möchten, wird dabei immer wieder klug infrage gestellt. Bilder und Selbstbilder werden verhandelt, und konkretes Wissen abgefragt (bestürzend!). Die fast vierstündige Stadtrundfahrt trägt zu einer Dekolonialisierung von Diskursen bei und ist ein unbedingt empfehlenswertes Erlebnis, das die historischen Schichten Berlins aufblättert.

Dauerkolonie Berlin. weitere Termine: 6.6. und 27.6., jeweils 13 Uhr. Treffpunkt im Wedding. Weitere Informationen unter: http://www.ballhausnaunynstrasse.de/veranstaltung/dauerkolonie_berlin_06.06.2015 Fotos ©  DSC_0164 DSC_0223 DSC_0155 DSC_0210Fotos: Wagner Carvalho

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