Die Verkündigung des Black Panther-Engels: „Die letzte Nacht des Martin Luther King“ in der Vagantenbühne

Martin Luther King liegt lachend auf dem Hotelbett und auf dem Zimmermädchen. Es ist der Höhepunkt einer ellenlangen Flirtnummer mit vielsagenden Angeboten, verschämten Komplimenten, mit Augenaufschlag und Mundwinkelspiel. Tino Führer in der Rolle des Stars der Bürgerrechtsbewegung und Vanessa Rottenburg als geheimnisvolles Black Panther-Zimmermädchen umturteln sich, umkreisen unzählige Male das große Bett in der Mitte der Bühne, schmachten sich Blicke über die Schulter zu. Ihr Streit über den politischen Kampf der Schwarzen in den USA bleibt in der Inszenierung von Andreas Schmidt stets eingebettet ins Flirt-Narrativ der jungen, charmanten Darsteller_innen, die das durchschnittlich ältere Publikum zu verliebtem Dauerlächeln verführen.

Als der Höhepunkt erreicht ist, sie schließlich auf dem Bett landen, nimmt das Stück – ich atme erleichtert auf – eine überraschende Wendung. Sie knutschen nicht, denn das Black Panther-Zimmermädchen entpuppt sich als Engel, der King seinen Tod voraussagt. Es folgen Telefonate mit Gott, die übrigens eine Schwarze Frau ist, wie der Engel bezeugt. King fleht, noch nicht sterben zu müssen, Gott legt auf, das Publikum lacht, es blitzt und donnert hinter den Stellwänden mit 60er Jahre-Gardine. Es sind Momente, in welchen die Tragikomödie der Autorin Katori Hall ins Surreale kippt, ohne ihren boulevardesken Drive zu verlieren und so Witz und ihre Kraft entfalten kann, die die enge Vagantenbühne wachsen lassen.

Jetzt, kurz vor Ende, zeigen die beiden Schauspieler_innen auch, was sie können, stemmen mit Konzentration und spielerischer Reife das historische Gewicht des Stücks, schaffen es, ans Publikum zu senden. Das wurde im Laufe des Abends immer wieder vergessen. In introvertierten, vom Publikum abgewandten Dialogen, Drehungen zu den Wänden hin, im orientierungslos wirkenden Aneinander-vorbei-Wuseln steckte vielleicht übermäßig viel Premierenfieber.

Weniger verständlich bleibt aber die finale Filmsequenz: Martin Luther King darf in die Zukunft schauen und erblickt eine kitschige Foto-Collage à la youtube. Das Paar hält sich ehrfürchtig umklammert, während sich zu Bob Marleys Redemption Song (in der sentimentalstmöglichen Interpretation) Bilder von Mauerfall und Welthungerhilfe aneinanderreihen. Diesen Kitsch-Schock kann erst wieder das großzügige Premierenbuffet kurieren.

Nächste Vorstellungen in der Vagantenbühne: 10.-13. Juni 2015, 20 Uhr.

Das Stück wird außerdem in der englischen Originalversion „The Mountaintop“ gespielt.

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