Wilmersdorf! Und Kreuzberg, Neukölln, Mitte, Prenzlauer Berg und Schöneweide! Unsere Mai-VORSCHAU zeichnet ein Berliner Theater-Streckennetz.

Der Mai ist für die deutschsprachige Theaterlandschaft, was der Dezember für die Dienstleistenden der Weihnachtsmarktbranche ist: Man trifft sich, man misst sich, man tauscht sich aus. Dies geschieht vor allem im tiefen Westen der Stadt, beim Theatertreffen der Berliner Festspiele. Unser Autor Janis El-Bira berichtet als rasender Reporter des Theatertreffen-Blogs übrigens live über die Geschehnisse desselben.

Abgesehen von diesem Tête-à-Tête der Großen – oder der vermeintlich Großen – des Theaters haben wir einige Produktionen aufgetan, die es attraktiv machen, diesen Monat nicht dauernd in die U-Bahn zur Spichernstraße, zum Haus der Berliner Festspiele, zu steigen, sondern eben auch mal in die U8, die U2, die U6 oder die U7. 

Wer beispielsweise bei Weinmeisterstraße aussteigt, kann in den Sophiensaelen die neue Produktion des Performancekollektivs Monster Truck sehen. Welcome to Germany entstand eigentlich im Rahmen eines Residenzprogramms am Schauspiel Leipzig; aufgrund künstlerischer Differenzen um ein totes Schwein auf der Bühne wurde die dortige Premiere kurzerhand abgesagt und fand gestern Abend in Berlin statt. Mit dem Abend, in dem sich Monster Truck mit der deutschen sektenähnlichen Enklave Colonia Dignidad in den chilenischen Anden beschäftigt, legt das Kollektiv ein seltsam assoziatives Gruselkabinett zum Thema Deutschland vor.

Für ein Projekt mit der Selbstbezeichnung „Ein Stück Entwicklung“ muss der Ausstieg Möckernbrücke gewählt werden. Der Titel lautet SKLAVENGESÄNGE Vol.2 oder WIE ALLES ANFING oder IN EINEM LAND VOR UNSERER ZEIT; bespielt wird der Postbanktower am Hallschen Tor. Über den Mai verteilt findet die Veranstaltung in drei Teilen statt; der erste Teil ist auf der Facebookseite als muntere Mischung von Theater und politischem Diskurs rund um das Werk des ehemaligen Untergrundaktivisten Michael „Bommi“ Baumann angekündigt – eine „künstlerisch, geopolitisch, psychophysische Standortbestimmung“, deren überbordendes Programm durchaus neugierig macht.

Wer von Kottbusser Tor aus die paar Schritte zum Kunstraum Bethanien am Mariannenplatz läuft, kann dort noch bis zum 10. Mai Teil des Kongress der Möglichkeiten werden, den das Magazin HATE mit diskursivem und künstlerischem Programm ausrichtet. Am Sonntag ist dort erneut die Performance Die Internetexperten von der Performancegruppe Leien des Alltags zu sehen, die im Februar letzten Jahres hier besprochen wurde.

Im Theater Aufbau Kreuzberg (Ausstieg: Moritzplatz) hat zur Monatsmitte das doku-fiktionale Projekt Hellelfenbein von Jessica Glause und Olivia Wenzel Premiere. Berliner Taxifahrer*innen performen darin, thematisch geht es um deren individuellen Geschichten, um berufliche und soziale Anerkennung.

Falls im Mai neben dem Theatertreffen die Lust auf einen klassischen Text der Gegenwartsdramatik besteht, kann ein Ausstieg bei Klosterstraße empfohlen werden. Im Theaterdiscounter hat Finnisch oder Ich möchte dich vielleicht berühren Premiere. Der monologische Dramentext von Martin Heckmanns erzählt von einem jungen Mann, der sich aus Einsamkeit selbst ein Paket schickt, um mit der Postbotin in Kontakt zu treten. Die Inszenierung von Christopher-Fares Köhler teilt den Monolog auf drei Figuren auf und arbeitet außerdem mit Live-Musik.

In der Brotfabrik (Ausstieg: Prenzlauer Allee und dann laufen oder Tram) findet in der zweiten Monatshälfte die Berlin-Premiere von dem live Hörspiel Woher komme ich – Wohin gehe ich? 10 Minuten deines Lebens, danke! statt. Das Duo redlifedeadline (C. Guhr und F. Hoffmann) beschäftigt sich darin mit individuellen Erinnerungen: Aus Interviews mit über 150 Teilnehmenden, in denen diese zu persönlichen Erinnerungen befragt wurden, schneiden sie an den Abenden der Aufführung ein jeweils einzigartiges Hörspiel zusammen.

Vom Ballhaus Ost ausgerichtet, findet im Mai neben zwei Premieren die Wiederaufnahme von Spiel des Lebens des Performancekollektivs Prinzip Gonzo statt. Die Außenspielstätte ist in Schöneweide (nähe S-Schöneweide). Spiel des Lebens wurde in diesem Jahr zum Gewinner des virtuellen Nachtkritik Theatertreffens gewählt; wir berichteten hier über die Inszenierung. Wer noch Karten kriegt – unbedingt mitspielen!

Wer mit der U7 bis Karl-Marx-Str. fährt, kann dort zum Monatsende eine Zeitreise erleben. Die Aktrice Hanna Schygulla singt in dem gleichnamigen Liederabend klavierbegleitete Songs mit Texten von und über Rainer Werner Fassbinder, der im Berliner Theatertreffen-Mai ohnehin eine kleine Renaissance erfährt. Hanna Schygulla im Heimathafen – das kann ein bisschen schön und auch ein bisschen peinlich werden.

Und zum Abschluss noch der kleine Tipp aus der Redaktion: Viel besser als mit dem Streckennetz der BVG lassen sich die genannten Orte mit dem Fahrrad erkunden. Denn es ist ja schon Mai!

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