Afrodeutscher Patriotismus? – „Schwarz gemacht“ im English Theatre

an english version of the article will be added

Klaus liegt leblos am Boden unter Zeitungen begraben, bis zum Kopf zugedeckt. Stapel von Zeitungspropaganda stützen den Bühnengrund, der gefährliche Schieflage hat. Wir befinden uns im Jahr 1938 in Nazi-Deutschland.

Die Zeitungen sind Klaus‘ Verhängnis. Zum Einen bezieht er aus Zeitungen den Stolz, Deutscher zu sein. Zum Anderen führen sie ihn in die irre, lassen ihn Nazi-Propaganda nachplappern und glauben, ihn betreffe der rassistische deutsche Terror nicht. Das Aberkennen jeglicher Bürgerrechte? Die Sterilisationen? Die Deportation in Konzentrationslager? Das betreffe alles nur Juden, Sinti und „Rheinlandbastarde“ – aber nicht ihn, als Schwarzen Deutschen. Trotz Demütigung und Diskriminierung hofft er, Karriere in Nazi-Kolonialfilmen in der Rolle als tapferer Askari machen zu können.

Die fiktive Geschichte des verzweifelten afrodeutschen Schauspielers Klaus, der erst in der Endszene schattenboxend und zum Publikum gewandt den Schwarzen Joe Louis statt den weißen Max Schmeling anfeuert, ist eine vollständige Eigenproduktion des English Theatre. Aus der Bühnenlesereihe Colourblind?, als Reaktion auf die Blackface-Debatte entstanden und von Alexander Thomas im Rahmen von THE LAB zum Drama ausgearbeitet, hat es Schwarz gemacht mitlerweile sogar zu einer Wiederaufnahme gebracht. Gerahmt wird der Abend durch eine kleine Ausstellung über die afrikanische Diaspora in Deutschland von der Kaiserzeit bis ins Dritte Reich.

Spannende Voraussetzungen. Und doch bleibt Schwarz gemacht meist sprödes Sprechstück. Alle Figuren sind jeweils in ihre Ecke unter ihren Lichtkegel verbannt und gestikulieren historische Fakten in die Dialoge hinein. Nur Allan Haussmann als Klaus sind Positionswechsel und Wutausbrüche vergönnt. Die Vereinzelung, die Abwesenheit von Berührungen wird nicht produktiv, etwas als Bedrohungsszenario, sondern wirkt wie inszenatorische Verlegenheit. Diese nimmt durch zwei kurze Filmszenen und die wenig aufschlussreichen, an die Bühnenrückwand projizierten Kapitelüberschriften (z.B. „1. Akt, Die Pension“) zu seichter Klaviermusik schon penetrante Züge an: Weder Verdichtung des Dokumentarischen, noch Verdichtung der ästhetischen Mittel, noch Vorantreiben der Handlung – da wäre es besser gewesen, ganz auf Musik und Film zu verzichten.

„Ich bin Schwarz und ich bin auch Deutsch“ – der letzte Satz des Stücks, mit ausgebreiteten ins Publikum geschrien

Man könnte meinen, nicht in den 30ern, sondern in den 60er-Jahren gelandet zu sein. Zwei assymmetrisch dräuende Bögen als Bühnenbild, schwarz verrußt und mit der schroffen Oberfläche zerknüllter Zeitungsblätter, nehmen eher modernistische Nachkriegstristesse vorweg, als dass sie in die 30er-Jahre führen. Es grenzt an ein Wunder, dass die Schauspieler_innen es schaffen, dieser puritanischen Inszenierung von Daniel Brunet, die Lebendigkeit nur sporadisch zulässt, zum Trotz so viel Glaubwürdigkeit aus ihren Figuren hervorzuholen. Ernest Allan Haussmann treibt den Protagonisten Klaus von charmanter Schüchternheit in spießbürgerliche Wutausbrüche, lässt ihn alle menschlichen Errötungszustände erleiden, ohne dabei ein einziges Mal Übertreibung oder – konträr dazu – Coolness anheimzufallen.

Schwarz gemacht gelingt es aber, vielleicht gerade in seiner Unzugespitztheit, über das anschließende Publikumsgespräch hinaus zu bedrücken. Das Thema Rassismus wird hier nicht bewältigt, in dem es einem entfernten (historischen) Ort zugewiesen wird, sondern rassistische Kontinuitäten geraten in den Blick. Die 30er sind die 60er sind die Gegenwart – in den Erfahrungswelten, auf die Schwarz gemacht sich bezieht.

Foto: Daniel Gentelev

Nächste Vorstellungen im English Theatre Berlin:
Donnerstag, 23. April, 20 Uhr
Freitag, 24. April, 20 Uhr
Samstag, 25. April, 20 Uhr

Eine kleine Presse-/Blog-Rundschau:
„Sein Schrei wächst nicht zur Geste, wird nicht markerschütternd. Eher raschelt er wie Papier“  (Berliner Zeitung)
„Zusammen mit den historisierenden Kostümen, der künstlich hölzernen Gestik der Darsteller und der dezent dramatischen Live-Klavierbegleitung vermittelt diese Bühne den Eindruck, dass Regisseur Daniel Brunet Klaus’ Geschichte als Stummfilm auf das Theater bringen will. Dass trotzdem gesprochen wird, passt dazu, dass der Abend sich darauf spezialisiert, (Identitäts-)Paradoxe offen zu legen.“ (Nachtkritik)
„Das Stück handelt auch allgemeiner von der Tragik der Minderheiten, die das Versprechen der (übrigens nicht nur deutschen) parlamentarischen Demokratie auf Zugehörigkeit ernst nahmen und sich als Teil der Nation ansahen.“ (Neues Deutschland)
„Da ist bereits nach dem ersten Akt die Luft raus, alles Konfliktpotential verpufft, alles zigmal wiederholt worden.“ (Livekritik)
„Das Publikum ist durchmixt, jedoch überwiegen Ü30 und auch viele Natives sind da – ein gutes Zeichen!“ (Mit Vergnügen)
„Should, or can, the black experience in Germany be compared to the U.S. experience?“ (Deutsche Welle)
„I instantly feel implicated by my privilege, the things afforded to me on the basis of the position and body I was born into. The room shrinks. I shift in my seat.“ (Collidoscop Berlin)

 

 

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