Sacré postcolonial : „Mon élue noire“ im 104 in Paris – Eine Fortsetzung der Gedanken zu Sacré im HAU

English version below!

Vorab die Entschuldigung, dass Menschen, die sich in Berlin aufhalten, sich das Stück, um das es gleich gehen wird, nur angucken könnten, wenn sie es in unter 8 Stunden nach Paris schaffen würden und selbst dann wär’s ausverkauft. Je suis desolée. Ich konnte mich trotzdem nicht zurückhalten, nicht nur weil das Stück auch noch im August in Genf zu sehen ist (das wäre ab jetzt selbst zu Fuß mit „ein Hut, ein Stock, ein Regenschirm…“ zu schaffen), sondern weil es wie eine zwingende Fortsetzung zu den an dieser Stelle veröffentlichten Gedanken zu Sacré erschien. Außerdem wurde das Stück in Potsdam entwickelt und uraufgeführt, vielleicht also auch eine Erinnerung daran, dass Berlin auch für andere Dinge als Waldspaziergänge und Seeaufenthalte verlassen werden kann. So. Genug der Vorabentschuldigung.

Alles ist dunkel. Ein Feuerzeug leuchtet auf, eine Pfeife wird angezündet, kurzes Flackern der Flamme, ein rotes Glimmen, dann wieder Dunkelheit. Dieses Spiel wiederholt sich einige Male, während die ersten Takte von Sacré bereits den Raum füllen. Die Pfeife ist das Markenzeichen von Germaine Acogny, senegalesische Choreographin und Tänzerin, „Grande Dame“ des zeitgenössischen Tanzes. Die Pfeife bleibt auch im Mund der Tänzerin, während diese wie verfolgt auf der Stelle läuft. Das beruhigende Ritual des Pfeife-Anzündens zieht sich durch das ansonsten fast schon hyperaktive Stück hindurch, beziehungsweise unterbricht die frenetische Aktivität immer wieder wohltuend.

Gleich zu Beginn beeindruckt die Stärke, die Kraft und Entschlossenheit, die dieser Körper ausstrahlt, der in einer weiten Hose und schwarzem BH bekleidet in einem durchsichtigen, leicht erhöhtem Kasten auf der Bühne im wahrsten und auch brutalsten Sinne des Wortes dem Publikum präsentiert wird. Fast schon kriegerisch, in jedem Fall sehr entschieden, werden die ersten Bewegungen blitzlichtartig vorgeführt, um dann in fast kindliches, unbeschwertes Tänzeln überzugehen, das sich dann jedoch wieder ekstatisch steigert und den Übergang zur verzweifelten Anspannung bildet.

Fast wünsch ich mir, dass ich nicht schon vorher gewusst hätte, dass Germaine Acogny bereits über 70 (in Worten: siebzig) Jahre alt ist. Dieses fast schon biblische Alter ist wenn überhaupt an einigen wenigen Falten am Nacken abzulesen, ansonsten wird ohne jegliche Probleme eine Rolle verkörpert, die eine Geschichte von Vitalität, Fruchtbarkeit und bis zur totalen Erschöpfung getriebenen Ekstase erzählt.

Die intimen Momente, in denen nur die Augen der Tänzerin zum Publikum sprechen, gleichen die wenigen zu überspitzten, zu oft wiederholten Elemente oder den vielleicht ein bisschen dezenter einzusetzenden Nebel mehr als aus.

Einer der Höhepunkte ist das wahnsinnige Lachen, das sich mit schreckgeweiteten Augen abwechselt, um dann in ein spöttisches Nachahmen der (inzwischen ja keineswegs mehr skandalösen sondern heiligen (potentieller Wortwitz) Musik des Originals zu münden. Selten hat sich eine Tänzerin so über die sie eigentlich beherrschende Musik erhoben. In einem Werk, in dem die Musik und der Tanz den Tod der Tanzenden bringt, ist dieses sich Mockieren über die Diktatur der Musik geradezu das Résume des Gehalts des Stückes durch eine simple Geste.

Die Madame neben mir kneift während der ganzen Vorstellung ihre Lippen zusammen und als Acogny zum BH-Wechsel ansetzt, mit dem Rücken zum Publikum, ertönt ein genervter und/oder pikierter Seufzer. Dass kurz zuvor ein Zitat aus Aimé Césaires „Discours sur le colonialisme“ vorgetragen wurde, verleiht dieser Ablehnung eine andere Dimension. Zumindest in meiner Interpretation.

1913 erzählte Sacré die Geschichte einer sich selbst infrage stellenden Modernität, Strawinsky (Musik) und Nijinsky (Tanz) konfrontieren die feine Pariser Gesellschaft mit ungewöhnlichen Elementen, die an die primitive russische Steppe erinnern sollen, an vorchristliche Opferrituale und Zustände von Kontrollverlust und Wahnsinn. Das Opfer ist, auch wenn hier bereits die Versionen stark auseinandergehen, meist eine junge Frau, die im Fruchtbarkeitsritual für die Erneuerung der Gesellschaft geopfert wird. 2015 bedarf dieses Material einer Aktualisierung. Das Projekt von Dubois und Acogny mit ihrem Sacré eine Erzählung der postkolonialen Subjektivität zu entwerfen, erfüllt diesen Auftrag zweifelsohne.

Das Stück enthält zahlreiche weitere vielversprechende Symbole, das Abbauen des Bodens der Kiste, die mit weißer Farbe an die Wände gemalten Muster (ich finde keine andere Erklärung, als dass es sich um skizzierte Vaginas handelt, ich mag aber auch zu unkreativ sein), besagter Kostümwechsel zu einem weißen BH…. Letztendlich ist es aber die beeindruckende Präsenz von Germaine Acogny, mit ihrer unglaublichen Kraft bei gleichzeitiger Eleganz, die bis in die Fingerspitzen reicht, die „Mon élue noire“ ausmacht. Das Verhältnis von Tänzerin und Choreograph Olivier DuBois wird bereits im Titel deutlich. Es ist offiziell sein Stück, es ist Teil seiner Serie zu Sacré, dennoch ist hier Acogny zweifelsohne die Auserwählte und nicht der weiße Mann.

„Pour ma part, si j’ai rappelé quelques détails de ces hideuses boucheries, ce n’est point par délectation morose, c’est parce que je pense que ces têtes d’hommes, ces récoltes d’oreilles, ces maisons brûlées. ces invasions gothiques, ce sang qui fume, ces villes qui s’évaporent au tranchant du glaive, on ne s’en débarrassera pas à si bon compte. Ils prouvent que la colonisation, je le répète, déshumanise l’homme même le plus civilisé ; que l’action coloniale, l’entreprise coloniale, la conquête coloniale, fondée sur le mépris de l’homme indigène et justifiée par ce mépris, tend inévitablement à modifier celui qui l’entreprend ; que le colonisateur, qui, pour se donner bonne conscience, s’habitue à voir dans l’autre la bête, s’entraîne à le traiter en bête, tend objectivement à se transformer lui-même en bête. C’est cette action, ce choc en retour de la colonisation qu’il importait de signaler.“ (Aimé Césaire, Discours sur le colonialisme, verwendetes Zitat in „Mon élue noire“)

„Mon élue noire“ von Olivier Dubois und Germaine Acogny, 7-9.April im 104, Paris. August in Genf.

++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++English+++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++

I’d like to apologize beforehand for the fact that people in Berlin will only be able to see this piece I’m about to describe if they manage to make it to Paris in under 8 hours and even then its still going to be sold out. Je suis desolée. I still couldn’t stop myself, not only because there will another performance in august in Geneva (which would be doable by foot now, even while abiding … carneval rules, 2 forward, one back…) but also because it seemed like a continuation of other thoughts on sacre, published a while back. Furthermore the piece was developed and premiered in Potsdam, maybe also a reminder of the fact that one can leave Berlin for things other than lakes and trees. OK. Enough of the inadvance-apologies.

It’s completly dark. A lighter glimmers, a pipe is lit, a short … of the flame, a red glow, then darkness once again. This game repeats itself a couple of times, meanwhile the first of sacre start filling the space. The pipe is the trademark of Germaine Acogny, Sengalese choreographer and dancer, „grande dame“ of contemporary dance. The pipe stays in the dancer’s mouth while she runs on the spot as if chased after. The calming ritual of lighting the pipe … throughout the almost hyperactive piece, or more accuratley, soothingly interrupts the frenetic activity once in a while.
Right from the start the strength, force and decisiveness which this body emanates, is impressive. Dressed in wide pants and a black bra and caught in a transparent, slightly elevated cube on stage the dancer is presented in the most simple but also the most brutal sense of the term. Almost warrior like, utterly resolute in any case, the first movements are performed stroboscopically, to then transition into a almost childlike, carefree sashaying, which however ecstatically augments to form a passage towards desperate tension.

I almost wish that I hadn’t known before that Germaine Acogny is already over 70 (in words: seventy) years old. This almost biblical age is, if at all, only visible through some wrinkles on the back of the neck, otherwise the role that tells a story of vitality, fertility and of ecstasy driven towards total exhaustion is embodied flawlessly.
The intimate moments, in which just the dancer’s eyes communicate with the audience, make up for the few exaggerated, repetitious elements or the maybe just a bit too ecclesiastically employed fog machine.

One of the highlights is the mad laughing, that alternates with eyes widened in horror, to then lead to a mocking imitation of the (nowadays not at all revolutionary but itself sacred- haha) music of the original. Rarely has a dancer risen above the ultimately dominating music. Moreover in a piece in which music and dance eventually bring upon the death of the dancer, this simple gesture becomes the synopsis of the work’s essence.

The madame next to me purses her lips throughout the whole performance and as Acogny starts to take off her bra, with her back towards the audience, an annoyed and or slightly scandalized sigh rings out. The fact that a quote from Aimé Césaire’s Discourse on colonialism was recited just a few moments earlier, renders this rejection more telling. At least in my interpretation.
1913 Sacré tells the story of a modernity that questions itself. Strawinsky (music) and Nijinsky (dance) confront the posh Parisian society with unusual elements, meant to be reminiscences of the primitive Russian steppe, pagan sacrificial rituals and states of mania and loss of control. The sacrifice/victim is, some versions already differ strongly in this point, usually a young woman, who is sacrificed in this fertility ritual for the renewal of society. 2015 this material requires a serious update. The project of Dubois and Acogny to sketch the tale of a postcolonial subjectivity with their Sacré undoubtedly accomplishes this mission.

The piece contains numerous other promising symbolism, the deconstruction of the box, the patterns drawn on the walls (I couldn’t find another explanation than abstract vaginas, but maybe I’m just lacking fantasy here), the aforementioned costumchange to a white bra….
Ultimately however, it is Germaine Acogny’s impressive presence, with her unbelievable strength and simultaneous elegance, which extends to her fingertips, that makes all the difference.
The relationship between dancer and choreographer Olivier Dubois is already contained in the title „Mon élue noire“. It’s his piece, part of his series about Sacré, but it remains without question that Acogny is the ‚chosen one‘ (=élue) and not the white man.

“Pour ma part, si j’ai rappelé quelques détails de ces hideuses boucheries, ce n’est point par délectation morose, c’est parce que je pense que ces têtes d’hommes, ces récoltes d’oreilles, ces maisons brûlées. ces invasions gothiques, ce sang qui fume, ces villes qui s’évaporent au tranchant du glaive, on ne s’en débarrassera pas à si bon compte. Ils prouvent que la colonisation, je le répète, déshumanise l’homme même le plus civilisé ; que l’action coloniale, l’entreprise coloniale, la conquête coloniale, fondée sur le mépris de l’homme indigène et justifiée par ce mépris, tend inévitablement à modifier celui qui l’entreprend ; que le colonisateur, qui, pour se donner bonne conscience, s’habitue à voir dans l’autre la bête, s’entraîne à le traiter en bête, tend objectivement à se transformer lui-même en bête. C’est cette action, ce choc en retour de la colonisation qu’il importait de signaler.” (Aimé Césaire, Discours sur le colonialisme, verwendetes Zitat in „Mon élue noire“)

Mon élue noire by Olivier Dubois and Germaine Acogny, 7-9.April in 104, Paris. August in Geneva.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s