Dank (N)Olympia: Berliner Senat stellt Milliarden für Freie Szene bereit! Unsere VORSCHAU sagt, was die Beglückten im April zeigen

Eigentlich ganz schön unrühmlich hatte Berlin sich auf den letzten Metern vom März, diesem Zaudermonat zwischen Eishölle und zartem Frühlingsknospen, verabschiedet. Nicht nur, dass der gut gemeinte Vorschlag, Frank Castorf, den König Lear unter den Intendaten, einfach bis zum letzten Atemzug in der Volksbühne anzuschmieden, seit gestern eine enttäuschende Antwort erfahren hat. Es hat auch, rund 30 Tage nach dem wie zum Hohn so benannten „meteorologischen Frühlingsanfang“, neulich plötzlich wieder ganz humorlos geschneit. Als sei himmlisches Übersprungsverhalten dieser Art nicht allein schon finster genug, fehlt uns seit vergangenem Wochenende auch noche ein volle Stunde Zeit. Gut, das mag allen so gehen, aber natürlich tut es in Berlin, wo damit vor allem wertvolles Nichtstun erodiert wird, unverhältnismäßig viel mehr weh als andernorts. Außer vielleicht in, genau, Hamburg. Denn dort hat man ja nun einen ganzen Berg Arbeit innerhalb eines straffen Zeitrahmens vor sich – ein Kelch, der an Berlin glücklich vorübergegangen ist.

Doch die Entscheidung, Hamburg das Olympia-Kreuz aufzubürden, bringt für die Hauptstadt noch mehr Positives mit sich, als bislang angenommen. Wie Unruhe im Oberrang heute aus senatsnahen Quellen erfahren konnte, werden die für die Durchführung der Spiele bereits fest eingeplanten Gelder (dem Vernehmen nach irgendwas zwischen 2,5 und 13,5 Milliarden Euro) über die kommenden Jahre sukzessive der Berliner Freien Szene zur Verfügung gestellt. „Das Geld war schon lange in einem speziellen Bunker im Humboldthain in bar beiseite gelegt worden“, erklärt unser Informant, der keine genauen Summen nennen will. „Wir waren von Olympia überzeugt. Jetzt müssen wir schauen, wie wir die Mittel schnell an die richtigen Stellen weiterleiten“, heißt es unter Verweis auf die steigende Inflation. Die kleinen Berliner Theater hätten sich dabei schnell als ideale Empfänger herausgestellt, da sie wegen ihrer hohen Flexibilität auch größere Geldbeträge in kurzer Zeit „kreativ vernichten“ könnten.

Führende Vertreter_Innen der Freien Szene waren heute Mittag nicht für eine Stellungnahme erreichbar („noch im Bett“ / „zu verkatert“ / „beim Brunch“…). Unruhe im Oberrang wirft im Folgenden trotzdem schonmal einen Blick auf einige Premieren und Wiederaufnahmen im April, mit denen die glücklichen Häuser um die Hartvergoldung ihrer Fassaden buhlen:

Der Ackerstadtpalast klotzt schon vor dem großen Geldsegen ordentlich ran und eröffnet den Monat mit dem dreitätigen Performance-Festival „The Great Antenna“ (03. bis 05. April). Das liest sich spektakulär: „A crossover performance in a multi-dimensional setting crafted by a collective of outstanding artists, dancers and musicians. Astonishing live visuals generated by projectors and the possibilities of modern technology. Electronic music made with violin, bassguitar and microchips. Contemporary dance with an international line-up of extreme performers.“ Da fragt man sich: Braucht man angesichts derartiger Oster-Großanstrengungen dort die Olympia-Kohle überhaupt? Aber das müssen wir ja zum Glück nicht entscheiden.

Die Vagantenbühne hingegen beschränkt sich ab dem 08. April in „Die letzte Nacht des Martin Luther King“ auf ein einziges Hotelzimmer als Hauptort der Handlung. Im Stück der zur Zeit hochgehandelten, jungen amerikanischen Dramatikerin Katori Hall „verweben sich auf dramatische Weise historische Tatsachen mit großer Leidenschaft.“ Das klingt nach grundehrlichem Theaterhandwerk mit Botschaft. Gefällt uns grundsätzlich (auch mal).

Im Ballhaus Ost präsentiert das Kollektiv vorschlag:hammer seine Produktion „Die Leiden der jungen Wörter“ (09. + 10. April) und verspricht, man werde „zwischen R’n’B, Lichtspiel und unmittelbarem, performativen Sprechen“ Goethes Werther-Roman nach „Formen möglicher Gefühlsäußerung“ befragen. Wir denken: Mit einem durch die neue Förderung denkbaren Budget von, sagen wir, 60 oder 70 Millionen Euro wären neben „R’n’B“, „Lichtspiel“ und „performativem Sprechen“ vielleicht auch Oper, Zirkus, Autorennen und Hochseeregatten drin, aber auch so klingt das vielversprechend. Außerdem am Ballhaus: Bernard-Marie Koltès‘ eiskalter Serienkiller „Roberto Zucco“ in finnischer Sprache (ab 11. April), mehrere Wiederaufnahmen unserer Lieblingspuppentruppe Das Helmi und Sascha Hargesheimers Punk-Schlager-Doku-Nummer über einen Eberswalder Schlachtbetrieb als Verlierer der Wende (24. + 25. April).

Voll im Saft scheint auch das Theater Unterm Dach im Prenzlauer Berg zu stehen, zählen wir dort für den Monat April doch nicht weniger als acht verschiedene Produktionen auf dem Spielplan. Darunter findet sich auch eine Wiederaufnahme von Felicia Zellers ziemlich gefeiertem Liebe-in-Zeiten-des-Kapitalismus-Stück „X-Freunde“, das es bei den Kolleg_Innen von Nachtkritik im vergangenen Jahr zum Virtuellen Theatertreffen geschafft hatte (11. + 12. April). Außerdem widmet sich das TuD in einem Themenschwerpunkt dem 100. Jahrestag des Völkermordes an den Armeniern.

Das ungewöhnliche Format einer „Live Graphic Novel“ greift man unterdessen am Heimathafen Neukölln auf, wo in „Ultima Ratio“ (ab 17. April) die verfehlte Flüchtlingspolitik und Fragen des Kirchenasyls am Beispiel der seit vielen Jahren in der Flüchtlingshilfe tätigen Neuköllner St.-Christophorus-Gemeinde thematisiert werden sollen. Das finden wir an und für sich einfach schonmal unbedingt förderwürdig!

In der Brotfabrik ist das Svetlana-Fourer-Ensemble mit einer Adaption von Joseph Roths Roman „Hiob“ zu Gast (22. bis 24. April), die zuvor im Rahmen der Jüdischen Kulturtage NRW Premiere hatte. „Sprache und Schauspiel, Figuren und Gesten, Musik und Klänge stellen Joseph Roths ‚Legende aus dem zwanzigsten Jahrhundert‘ in einen vielschichtigen Resonanzraum“, wird angekündigt. Wir mögen extra-große theatrale Resonanzräume und sind deshalb dafür, dass die Brotfabrik reich aus dem Olympia-Topf begütert wird.

Auch beim Theaterdiscounter wären ein paar hundert Milliönchen sicherlich in guten Händen, denn dort will man sich vom 24. bis 26. April bewusst noch nicht einmal eine propere Inszenierung leisten, sondern belässt es beim Berliner Hörspielfestival. Das soll zum kollektiven Lauschen und „Entdecken mit den Ohren“ einladen. Immerhin: Zuvor ist „Torquato Tasso: Die Kunst des Redens über die Kunst“ in der Regie von Georg Scharegg zu sehen (ab 10. April), wobei die Handlung in die Berliner Kunst- und Galeristenszene verlegt wird. Olympisches Geld könnte, so finden wir, durch den Ankauf einiger (dutzend) moderner Meisterwerke für die Räumlichkeiten des Theaterdiscounters für zusätzliche Authentizität sorgen.

Und falls der Geldbunker jetzt noch nicht leergeräumt sein sollte: Auch die chronisch bedrohte, aber hier sehr geschätzte Vierte Welt könnte zwei-, dreihundert Millionen gebrauchen, hat sie doch – Stand heute – noch nicht einmal die Mittel für einen April-Veranstaltungsplan aufbringen können.

Wir sehen also: Viele Hände werden aufgehalten, manche Freie-Szene-Münder sind noch zu füttern. Wie beruhigend aber, dass jetzt endlich Versorgungssicherheit herrscht. Für immer. Danke, (N)Olympia! Danke, Hamburg!

Blingbling aus Berlin,

Unruhe im Oberrang

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