Von Revolution, Kunst und Geflügel – „Große Vögel, kleine Vögel“ im Ballhaus Ost

Sein Bart ist längst nicht so schön buschig und weichkantig wie der des Originals. Beim Karl-Marx-Doppelgänger, der gegen Ende dieses Abends als Videoprojektion erscheint, wirkt das Haar eher wie mit der Heckenschere gestutzt, zerzaust und in Zacken abstehend. Ein ordentlich abgerockter Theorie-Saurier ist das und seine etwas fahrig dahingesprochenen Sätze klingen wie müde Durchhalteparolen aus der Eckkneipe: Der Sozialismus habe zwar versagt, aber der Kapitalismus sei doch längst genauso am Ende. Zweifelhafte Hoffnung auf Besserung wird beschworen, denn „nur zwölf Stunden hat die Nacht, danach kommt schon der Tag.“ Dass dieser Rechnung zufolge dem Licht ebenfalls nur zwölf magere Stunden beschieden sind, bevor die Dunkelheit es verlässlich wieder einholt, bleibt dabei ungesagt, aber unüberhörbar im Raum stehen.

Die neue Produktion des Puppen- und Menschentheaters „Das Helmi“ im Ballhaus Ost entschlüsselt sich von diesem Ende her als große Leidensrevue der Sozialreformationen und ihrer Protagonisten, seien es Jesus, Franz von Assisi oder eben Karl Marx. Das durchaus sehr Komische an „Große Vögel, kleine Vögel“ ist allerdings, dass diese Schlüsselfiguren bloß noch im Rahmen einer Drittverwertung aus der Kunstkonserve auf die Bühne springen: Helmi-Theater über Kunst über Revolution von revolutionären Köpfen, wenn man so will. Schon die erste Szene greift deshalb tief in den Requisitenfundus künstlerisch vermittelter Gesellschaftskritik: In Schiebermützen, weißen Unterhemden und zu kurzen Hosen ist das Vater-Sohn-Paar Totò (Emir Tebatebai) und Ninetto (Solène Garnier) auf einer Landstraße unterwegs. Es sind Figuren aus Pier Paolo Pasolinis titelgebendem Film von 1966, einer Fabel auf die Uneinsichtigkeit des Kleinbürgertums in alles, was es nicht primär angeht. Die Personenwelt ist hier wie dort die des italienischen Neorealismus mit seinen charakteristischen Tramps, Tagelöhnern und Kleinganoven; „einfachen“ Leuten also, in denen sich die Zuschauer vor der Leinwand wiederkennen und so auch über ihre eigene Lebenswirklichkeit aufgeklärt werden sollten.

Gerupftes Federvieh aus dem Land der Ideologien

Wie bei Pasolini werden Totò und Ninetto auch bei den „Helmis“ unterwegs von sprechenden Bewohnern des Tierreichs überrascht, die zwischen den die Bühne umspannenden Laken hervortreten. Aus dem „Land der Ideologien“ kommen sie laut Selbstauskunft und sehen dabei so aus, als gäbe es dort weder Strom noch Warmwasser: Wunderbar zerrupfte Schaumstoff-Viecher, Raben, Falken, Spatzen, Kühe, Bienen, Giraffen und allerhand sonst, haben die Puppenspieler zusammengebastelt. Obwohl aus ihren Mäulern und Schnäbeln immer wieder Theoriefetzen dringen, bilden sie eigentlich einen wildverwucherten Chor der natürlichen Urwüchsigkeit. Dieser ist relativ aufklärungs- und bekehrungsresistent, wie Totò entdecken muss, als seine Vogelpredigt im Dienst des Franz von Assisi (Dasniya Sommer) in ein wildes Gemetzel unter Falken und Spatzen mündet. Die angeklebten Federn und schielenden Knopfaugen fliegen dabei durch den Raum, dass es eine Freude ist. Jenes sich im Verzicht übende Bettlerleben des heiligen Kuttenträgers mag zur individuellen Seligkeit beitragen, seine Massentauglichkeit wäre aber – trotz toller Grundidee – noch zu beweisen. Die Natur war eben immer schon der erste Feind der Revolution.

Meta-Wust und Theaterzauber

Manchmal gerät „Große Vögel, kleine Vögel“ ins Schlingern. Das ist vor allem dort der Fall, wo der Bogen überspannt wird und Kommunismus und Kapitalismus nicht nur einmal (nämlich an der Kunst), sondern doppelt und dreifach gespiegelt werden sollen. Dann treten auf einmal auch noch die Künstler und Propheten selbst hinter ihren Werken hervor, wechseln quasi den Bildrahmen oder schreiben ihre eigene Geschichte neu: Pasolini (frisch von der Berlinale: Franz Ragowski) läuft da über jenen schäbigen Bolzplatz, wo er 1975 sein Leben ließ, heuert aber nun – als kapitalistischer Ausbeuter – mit der Verheißung auf große Rollen junge Laienschauspieler an. Anderswo hängt Ur-Revoluzzer Jesus in einer an Roberto Rossellinis ziemlich bunten „Messias“-Film erinnernden Szenerie gelangweilt am Kreuz. Regie führt jetzt allerdings eine sehr schlecht gelaunte Orson-Welles-Karikatur mit ausgestopftem Bauch. Maria Callas taucht am Set auf und wird vom Regisseur zusammengestaucht – dabei war sie doch mal bei Pasolini die „Medea“ und in Wahrheit nie für Welles vor der Kamera. Egal, denn letzterer will jetzt eh lieber ein rotbeflaggtes Revolutionsballett inmitten blühender Blumen anleiten. Da ächzt die selbstgezimmerte Kultur-Verwurstungsmaschine unter allzu heterogenem Input.

So unsortiert und berauscht an der eigenen Assoziationslust das passagenweise wirken mag, so wenig schmälert es den Spaß, den vor allem die aufwändig realisierten Tableaux vivants dieser Inszenierung bereiten. Die Kreuzigungsszene hat mit all den langen Gewändern in leuchtenden Primärfarben Oberammergau-Qualität, Franziskus steigt aus einem Renaissancegemälde und Pasolinis Kick mit der Dorfjugend gefriert zum melancholischen Ringkampf in Zeitlupe. Viel schöner und sinnlicher Budenzauber ist das, dem das Theoriegerüst eh nur nachhinkt, als habe es Beine aus labberigem Schaumstoff.

„Große Vögel, kleine Vögel“ (nach Pier Paolo Pasolini / Das Helmi) im Ballhaus Ost. Weitere Vorstellungen am 20., 21. und 22. Februar.
Foto (c) Stephanie von Becker (alt Lehmann)

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5 Gedanken zu “Von Revolution, Kunst und Geflügel – „Große Vögel, kleine Vögel“ im Ballhaus Ost

  1. Ok, ich habe auch nichts gegen Oberammergau. Die Idee- wenn ich so sagen darf, war ja das nromale Typen- Fussballer- Straßentypen plötzlich historisch gewandtet werden und sich in einem alten Gemälde wiederfinden. Das ist auch in Ricotta und bei vielen Pasolinifilmen ein Thema- mit dem Geist der Vergangenheit. Viele schöne Beobachtungen!

    • Das ist interessant, was Sie zu der Fußballszene sagen. Ich habe natürlich die ganze Zeit nur an Pasolinis Ende auf dem Fußballplatz in Ostia gedacht und mir vorgestellt, hier fände eine Art sanftere Neuaneignung der doch ziemlich bitteren Realität statt (was mir auch so sehr gut gefiel!). Aber selbstverständlich stimmt das mit den Einrückungen von Zeitgenössischem in historische / mythische Kontexte bei Pasolini (später ja dann explizit auch in „Epido Re“, zum Beispiel). Wirklich eine schöne Aufführung!

  2. In dem Film der Weichkäse ( La Ricotta) von PPP tritt Orsino Wellino als Alter Ego auf und inszeniert eine Kreuzigungsszene. Pasolini ist selber als Statist zu sehen. Die Szene ist bis ins Detail nachgestellt und hat nichts mit Oberammergau zu tun. Pasolini war leidenschaftlicher Fussballspieler und war verliebt in die Kniekehlen der Jungs.

    • Das ist alles korrekt. Vielen Dank für den Hinweis – “La Ricotta” hatte ich (bis eben, es gibt ihn vollständig auf YouTube) nicht gesehen.
      Ob aber gerade die Szene dort nun rein gar nichts mit Oberammergau zu tun hat, sei dahingestellt.

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