Insight Men – Design ist keine Demokratie!

Die Anonymous-Maske ist ein Symbol, ein Zeichen, eine Marke, wie der Mercedes Stern, der Apple-Apfel oder der Coca Cola Schriftzug. Ihren Ursprung findet sie in Guy Fawkes, dem Staatsfeind, dessen Plan, das englische Parlament am 5. November 1605 mit 36 Fässern Schwarzpulver in die Luft zu jagen, nur knapp vereitelt werden konnte. Bis heute stehen seine Züge als Logo der Anonymous Bewegung für politischen Widerstand und sie in eine Reihe mit dem Apple Logo zu stellen ist pietätlose Polemik. Was würde Che Guevara dazu sagen?

Warum seid ihr hier?

Spaß beiseite! Auf der leeren Bühne des Ballhaus Ost stehen drei Performer_innen, durch weiße Anzüge, Guy Fawkes Masken und Stimmverzerrung anonymisiert. Sie sind Teil der Theatergruppe AnonymoUS, die sich, so der Programmtext, aus erfolgreichen Schauspielern rekrutiert, jedoch als Kritik an neoliberalen Strukturen des Selbstmarketing, auf jegliche Nennung von Namen und Netzwerken verzichtet. Bei der Premiere der Performance Insight Men, am 27. Februar 2015 im Ballhaus Ost, wird neben Marketingkritik zudem nichts geringeres versucht, als die Emanzipierung des unmündigen Theatergängers. Mit Erfolg?

„Warum seid ihr hier?
Wegen der Masken?
Wegen des gekauften Publikums?
Wegen des Plakats?“

Die Premierenveranstaltung ist restlos ausverkauft und bereits um 19.00 Uhr, eine Stunde vor Vorstellungsbeginn, hat sich eine beachtliche Schlange vor dem Ballhaus Ost gebildet. Liegt das an den 10€, die den jeweils fünfundzwanzig ersten Besuchern pro Vorstellung zurückerstattet werden sollen?
Oder liegt das an den Plakaten von denen die Anonymous-Maske grinst? Guy Fawkes, der „Staatsfeind mit Logo und Markenzeichen“, durch Alan Moores und David Lyods Graphic Novel
V wie Vendetta zu einer Ikone der Pop Art geworden?

Die Guy Fawkes Maske besitzt eine eigenartige Attraktion, da sie sich der Logik neoliberaler Marketingstrukturen zu entziehen und somit, die letzte Bastion des Widerstands gegen den allgegenwärtigen Kapitalistischen Realismus zu sein scheint. Das Dilemma linker Künstlerkritik ist ja, das haben Ève Chiapello und Luc Boltanski im Neuen Geist des Kapitalismus trefflich erkannt, zutiefst verwurzelt in der grundlegenden Befangenheit der Kritikübenden Künstler_innen und/oder Aktivist_innen. Wie ist eine Struktur kritisierbar, wenn ihre Kritiker selbst bis zum Hals in neoliberalen Prozessen der Selbstausbeutung verstrickt sind? Wenn Kunstproduktion nur durch Selbstmarketing, aggressives Networking und eine möglichst einzigartige Corporate Identity zu bewerkstelligen ist?

Das Selbstbewusstsein der kritischen Kunst, und mit ihr ganz besonders das des politischen Theaters krankt, besonders an den Strukturen, die sie am Turbokapitalistischen Anderen offenzulegen sucht! Selbstverständlich schlägt aus diesem Grund das Herz des kapitalismuskritischen, subversiven Theatergängers erwartungsvoll höher, wenn sich eine Theatergruppe, bewaffnet mit dem Instrumentarium der Anonymous Bewegung, diesem Paradox des politischen Theaters annimmt.

Anonymous auf der Bühne?

Die Marketingstrategie scheint angesichts der vollen Ränge funktioniert zu haben. Die Guy Fawkes Maske ist schließlich als Logo eines gegenpolitischen globalen Akteurs wie Anonymous, ein weit aussagekräftigeres Symbol, als es jeder Name eines Theaterschauspielers jemals sein könnte.
Zu Beginn des Abends stehen dem Publikum drei Performer_innen gegenüber, die Gesichter hinter drei der 3,5 Millionen Masken des Ziegenbartträgers verborgen, die pro Jahr, zumeist in China, produziert werden– einem Land, in dem das Tragen der Anonymous-Maske übrigens verboten ist (Aussage AnonymoUS).

Bezüglich der Handlung bedient sich Insight Men beim gleichklingenden Hollywood Blockbuster Inside Man aus dem Jahr 2006. Im Film geht es vordergründig um einen Bankraub inklusive Geiselnahme. Stück für Stück kommt dabei jedoch heraus, dass der Bankraub nur Mittel zum Zweck ist. Die Waffen sind aus Plastik und die Exekution einer Geisel entpuppt sich als theatraler Akt. In Wirklichkeit fördert der geniale Überfall nämlich die Geschichte des Vorstandsvorsitzenden der Wallstreet-Bank zutage, der sich mit Hilfe der Nazis an fremdem Kapital bereichert und somit die Grundfinanzierung seiner Bank ermöglicht hat.

Diese Handlung dichten AnonymoUS jetzt auf den Theaterraum um und machen das Publikum zu ihren Geiseln. Dabei bedienen sich die Performer_innen, ganz im Stile der Anonymous Bewegung, schamlos bei Filmen wie V wie Vendetta, Fight Club oder Pulp Fiction. Diese Copyright Piraterie wird jedoch immer wieder aufgebrochen und ausgestellt, phasenweise sogar im direkten Dialog mit dem Publikum.
Doch es wird sich nicht nur bei filmischen sondern auch bei philosophischen Institutionen bedient und recht schnell geht es bei Insight Men nicht mehr um Bankräuber sondern um „die Befreiung des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.“
Unter dem Credo des allseits bekannten Königsberger Moralisten, rückt nun die Guy Fawkes Maske ins Zentrum des „Theaterabends der keiner ist“.

Wer war Guy Fawkes gleich nochmal?

“Remember, remember the Fifth of November
Gunpowder, treason and plot;
I know of no reason why gunpowder treason
Should ever be forgot.”

Was haben sich Anonymous und Occupy eigentlich dabei gedacht, die Visage eines katholischen Fundamentalisten vor die Gesichter zu klemmen um damit gegen die Auswirkungen einer Fortschreitenden Ökonomisierung und Verkapitalisierung der Gesellschaft durch Großkonzerne zu demonstrieren? Ist da tatsächlich ein fundamental religiöser Fanatiker –im gegenwärtigen Sprech: Ein Terroist– mit durchaus fragwürdigen Idealen, zum Logo einer körperlosen, friedlichen Bewegung geworden?

Steht da womöglich eine Einzelperson wie V in V wie Vendetta an der Spitze einer eigentlich hierarchiefreien Bewegung. Braucht auch diese Bewegung eine Führerfigur?
Oder ist die Guy Fawkes Maske nur eine inhaltslose, ästhetisierte Form neoliberalen Designs und somit ihren globalen Gegenspielern gar nicht so unähnlich?

Beide Vorstellungen schmerzen, schlägt den Akteuren von Anonymous, zumindest von Seiten des Autors dieser Kritik, eine gewisses Wohlwollen entgegen, wenn es Aktivisten gelingt, politischen Regimes oder den Servern von Kreditinstituten eins auszuwischen. Es tut gut zu wissen, dass es da diesen David gibt, der den Goliaths des Spätkapitalismus den einen oder anderen virtuellen Kieselstein an den Kopf schleudert.

Sind wir nur noch Unternehmer mit dem Ziel uns selbst zu vermarkten?

Mit eben dieser Passivität der Masse scheint Insight Men aber aufräumen zu wollen, das wird mit Fortschreiten der Performance deutlich. Die Maske, das ist die Message um die es am heutigen Premierenabend geht, definiert nicht denjenigen der sie trägt.
Schließlich trug Guy Fawkes keine Guy Fawkes Maske, als er sich entschloss politisch aktiv zu werden, wie das Stück an einer Stelle bemerkt. Ob das sonderlich neu ist sei dahingestellt. Doch in hyperästhetisierten Zeiten des inhaltlosen Designs, in denen sich Che Guevara gefühlt selbst von manch einem T-Shirt kratzen wollen müsste, scheint es von Zeit zu Zeit angebracht zu sein genau diese Inhaltsleere bei Namen zu nennen.

Insight Men übt keine Kritik an Anonymous sondern an der Ästhetisierung und der damit einhergehenden neoliberalen Verkapitalisierung gesellschaftlicher Prozesse. Es ist gut, dass das Logo der Anonymous Bewegung Theatersääle füllt, doch das ist noch lange keine individuelle Emanzipation. Hohle Masse die unter dem Deckmantel missbrauchter Slogans, austauschbarer Stoffbahnen in Nationalfarben und populistischen Gesprächshülsen durch die Straßen Europas zieht gibt es in Zeiten Pegidas oder des Front National genug. Lockere Lippenbekenntnisse auf sozialen Plattformen, die nicht viel mehr als Copy and Paste erfordern sind keine politische Positionierung sondern postmoderner Lifestyle- Aktionismus. Auch interpassives Theaterpublikum, neigt hinter den Fassaden namhafter, gesellschaftskritischer Theaterhäuser bisweilen dazu, in ein müdes selbstgefälliges Nicken abzudriften.

Natürlich stöhne ich auf, als der Abend interaktiv wird, es war fast schon zu erwarten! Doch auch wenn die Spielchen mit dem Publikum teilweise zur Plattitüde zu verkommen drohen, gelingt es der Performance doch immer wieder die Kurve zu kratzen und zu überraschen: „Haben Sie dieses Spiel erkannt, es stammt von der Gruppe XXX aus dem Jahre XXX.“
Spätestens an dem Punkt an dem fast das gesamte Publikum Guy Fawkes Masken trägt und in weiße Anzüge gehüllt, in Kleingruppen in den Räumen hinter der Bühne verschwindet, scheint der Funke übergesprungen zu sein.

Dramaturgisch verliert die Performance in den Gruppen ein wenig an Geschwindigkeit. Ja ich trage eine Maske im Privatleben und ja ich verbiege mich in gewissen Situationen in meinem Job. Ja die Maske führt dazu, dass ich einen Menschen im Voraus nicht kategorisiere und ja, die Kunstszene ist so, dass man bei fünfzig Veranstaltungen pro Wochenende eher mal dazu neigt, die großen Namen herauszupicken. Dadurch mag das eine oder andere zu unrecht unter den Tisch fallen und dadurch mag es sein, dass derjenige, der mehr Geld in den Markt pumpt und seinen Namen größer aufbläst als alle anderen, eben auch größer und aufgepumpter am Himmel hängt. Doch letzten Endes liegt es im Ermessen jedes Einzelnen, zu entscheiden, wie maskiert oder demaskiert er seine Karriere beschreitet. Frei nach Potemkin macht die Fassade schließlich nicht das Dorf.

Design ist keine Demokratie!

Der Neoliberalismus unser Zeit ist ein fortschreitend inhaltsleeres, oberflächliches System, das es dem Menschen zunehmend leichter macht abstrakt zu leben und das Denken outzusourcen. Durch ironische Distanz ist man dazu geneigt, vollkommen konsequenzlos zu handeln, „denn das bin ja nicht ich, sondern eher mein gesellschaftlicher Avatar der da spricht“. Was Insight Men aufzeigt, hierin liegt die Stärke der Performance, ist die Notwendigkeit, die Essenz einer Sache nicht im Design zu suchen.

„We catch them with their pants down!“ ruft eine der Performer_innen im Verlauf des Abends. Das stimmt, denn ich bin dem Marketing, der Posterkampagne auf den Leim gegangen. Ich habe Anonymous gesehen und ich habe Anonymous erwartet. Was ich bekam war die Dekonstruktion der Guy Fawkes Maske bis hin zu dem Punkt, an dem sie blieb, was sie ist, Plastik. Dieser Coup ist gelungen und wichtig. Am Marketing selbst ändert das jedoch nichts, denn auf diese Weise wurde eben nicht mit der Identität namhafter Schauspieler geworben, sondern mit der Identität einer identitätslosen Bewegung. Auch an den Strukturen des künstlerischen Selbstmarketing ändert sich dabei nichts, es findet nur nicht mehr auf der individuellen Ebene statt sondern auf Ebene der Theatergruppe.
Was der Verzicht auf Namen jedoch verhindert ist die unsägliche Ikonenverehrung mit ihrem mantrahaften „hast du denn die XXX im YYY gesehen?“. Der Blick wird Frei auf Stück und Inhalt.
Auch wenn Insight Men darauf beharrt, das es kein Stück gibt und das Stück auf Anfrage sogar per E-Mail zugesandt wird. Zweifelsohne ist eine Theaterwelt ohne Theatergrößen jedoch eine aufregende Utopie an der zu forschen sich definitiv lohnt.

Geht los und macht euer eigenes Theater!

Zum Schluss versammelt sich das Publikum wieder auf der Bühne. Spannenderweise sind es nun genau die ersten fünfundzwanzig Besucher, die sich aus der Anonymität der Verkleidung lösen müssen. Denn um die versprochenen zehn Euro ausbezahlt zu bekommen, werden wir gebeten, die Masken abzunehmen, und vor laufender Kamera den Erhalt des Geldes per Unterschrift zu quittieren. Werde ich für diesen emanzipatorischen Akt nun mit zehn Euro belohnt, oder verrate ich mich selbst an das Kapital?

Insight Men von http://www.ballhausost.de/produktionen/insight-men/ zieht einen eleganten Bogen vom Marketing der Performance bis hin zum Ende des Abends. Wie der Anonymous Bewegung gelingt es den Akteuren, sich die Strukturen des Neoliberlaismus zu eigen zu machen, sich im strukturellen Flow zu bewegen und dabei den kritischen Blick auf Theater und Gesellschaft zu bewahren. Auf diese Weise ist der Abend tatsächlich emanzipatorisch, da er eine Möglichkeit aufzeigt, intelligent mit den Gesetzen des Marktes zu spielen. Was nicht gelingt, ist ein Instrumentarium zu liefern, dass es ermöglicht der neoliberalen Selbstausbeutung und dem Dilemma linker Künstlerkritik zu begegnen. Doch so, wie ich AnonymoUS verstanden habe, ist es genau diese Erwartungshaltung die Theater nicht erfüllen soll und darf. Macht euer eigenes Theater, wir haben euch gezeigt, wie wir unseres machen. Intelligent und gut!

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2 Gedanken zu “Insight Men – Design ist keine Demokratie!

  1. War eine der krassesten Theatererfahrungen diesen Jahres. Wirklich umwerfend. Sehr coole Sache. Das beste: jetzt wieder: 1. – 4. 10. im Ballhaus Ost.

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